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Bevor in Berlin Neubauten entstehen, rücken nicht selten Archäologen an. Sie graben nach Überresten von Berlins Geschichte – zum Beispiel derzeit auf dem Gelände des alten Flughafens Tempelhof. Karin Wagner, die bei der der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zuständig ist für Gartendenkmalpflege und Archäologie, erklärt, warum Berlin so viele Archäologen braucht und wie gegraben wird.

Frau Wagner, auf dem Tempelhofer Feld haben am 11. Juli archäologische Grabungen begonnen. Wonach wird dort gesucht?

Es gibt drei Dinge, die unterirdisch erhalten sind: zum einen der alte Flughafen aus dem Jahr 1922, außerdem mehrere Zwangsarbeiterlager, in denen Menschen untergebracht waren, die 1944 im Flughafengebäude Bomber montierten, und drittens das Konzentrationslager Columbiahaus. Das war ursprünglich eine alte Militärarrestanstalt und wurde 1933 zum KZ. Es gilt als eines der ältesten Deutschlands.

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Dass es diese Überreste dort gibt, ist sicherlich nicht neu. Wieso graben Sie jetzt?

Sie haben recht, neu sind die Erkenntnisse nicht. Aber im Zuge des architektonischen Wettbewerbs für den Park auf dem Gelände kam die Frage auf, ob es sich nicht lohnt, dort nach alten Spuren zu suchen und sie gegebenenfalls in das Gelände zu integrieren.

Warum liegt eigentlich so viel unter der Erde? Wird bei einem Neubau nicht alles Alte beseitigt?

Nein. In der Regel ist es so, dass das Alte zwar abgerissen wird, aber das wird dann einplaniert. Erhalten bleibt die Unterkellerung, also die Fundamente. Und nach denen graben wir jetzt.

Was hoffen Sie zu finden?

Man wird im Bereich der Baracken auf Utensilien und Alltagsgegenstände der Insassen stoßen, sei es auf Geschirr, auf Bekleidung oder persönliche Gegenstände. Dann gibt es noch die Abfallgruben, die sich bei den Baracken befanden, auch da werden wir etliches finden.

Befinden sich alle Grabungen am selben Ort?

Nein, das alte Flughafengebäude liegt am Tor 5 am Columbiadamm unter Hügeln, die mit jüngeren Bäumen bepflanzt sind. Die Zwangsarbeiterlager befinden sich am Columbiadamm, dort in der Nähe ist auch das KZ.

Wie und wo fängt man an bei Grabungen?

Es gibt vor solchen Ausgrabungen lange Recherchen in einschlägigen historischen Dokumenten. Man versucht im Vorfeld, die exakte Lage möglichst metergenau zu erfassen. Mithilfe einer geodifferenzierten Karte kann man die Umrisse quasi aufzeichnen.

Bei archäologischen Ausgrabungen denken viele sicherlich an Leute, die Fundstücke ganz vorsichtig mit kleinen Pinseln freilegen. Sieht das bei ihnen auch so aus?

Ja, auch. Aber ganz am Anfang erfolgt eine geophysikalische Messung, man ortet also unter der Oberfläche, ob es Spuren im Boden gibt. Wenn man sicher, ist dass etwas vor Ort ist, kommt der Spaten zum Einsatz. Erst wird die Grasnarbe abgetragen und dann die einzelnen Schichten.

Wie dick sind die?

Zwischen zwei und zehn Zentimetern. Zuerst kommt die Grasdecke, dann kommt eine Schuttschicht aus Steinen und Überresten von älteren Parknutzungen oder vom Flughafen, dann kommen die Fundamente.

Von welcher Tiefe reden wir jetzt?

Die ersten Barackenfundamente des alten Zwangsarbeiterlagers wurden schon angeschnitten, das waren Betonfundamente. Die liegen etwa zehn Zentimeter unter der Grasnarbe.

Sind das alles Archäologen, die dort arbeiten?

Ja, zurzeit arbeiten in der Projektleitung zwei Archäologen von der Freien Universität, es gibt einen örtlichen Grabungsleiter, einen Techniker und ab kommende Woche einen archäologischen Zeichner. Außerdem gibt es noch drei studentische Hilfskräfte, wir erwarten insgesamt zehn.

Was machen Sie mit den ausgegrabenen Sachen?

Die Funde werden eingemessen, um ihre genaue Lage festzuhalten und um das später in den Gesamtplan einzutragen. Dann werden eine Zeichnung gemacht und ein Fundzettel, wann und wie das jeweilige Objekt entdeckt wurde. Das kommt in unser Eingangsmagazin, das sich in der ehemaligen Mülltonnenwaschanlage des alten Flughafens befindet. Dort sitzt eine Fundbearbeiterin, die die Objekte wäscht oder trocken bürstet. Die Objekte werden dann in Kästen aufbewahrt. Später wird entschieden, was noch mal speziell untersucht wird, oder was ins Museum kommt.

Und dann?

Ein Teil kommt in die archäologische Sammlung des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Sicher wird es auch Objekte geben, die man in einer Dauerausstellung in Tempelhof zeigt. Aber darüber wird erst in ein bis zwei Jahren entschieden.

Ausgrabungen gab und gibt es an vielen Stellen in Berlin, auf dem Petriplatz in Mitte, unter der Tiefgarage am Alex. Haben Ausgrabungen Hochkonjunktur?

Dieser Eindruck täuscht nicht. Gerade die Mitte Berlins erlebt derzeit einen Bauboom, und es werden Baulücken bebaut. Derzeit unterliegen alle Flächen innerhalb der ehemaligen Barockstadt Berlin einem archäologischen Vorbehalt. Das heißt: Bevor dort gebaut wird, finden Grabungen statt.

Sie müssen einen enormen Bedarf an Archäologen haben …

Das stimmt. Zum Glück gibt es in Berlin viele gut ausgebildete Archäologen, die FU bildet aus, die Hochschule für Technik und Wirtschaft bildet Grabungstechniker aus. Und auch auf dem freien Markt gibt es einen guten Bestand. Hinzu kommen Fachfirmen.

Was ist interessanter: ein Mammut zu finden oder die Fundamente eines Zwangsarbeiterlagers freizulegen?

Jede Spur ist spannend, auch die eines Zwangsarbeiterlagers. Uns geht es um die Geschichte, die hinter dem Objekt steht. Wichtig ist auch nicht das Mammut, sondern das, was damit erzählt werden kann.

Gab es in Berlin spektakuläre Funde?

Ja, wir hatten 2009 den Skulpturenfund vor dem Berliner Rathaus. Dort wurden 16 Figuren der „Entarteten Kunst“ gefunden, die die Nazis in einem Depot gelagert hatten. Die Skulpturen galten als verschollen – und wir stoßen im Bombenschutt darauf. Das war schon was ganz Verrücktes.

Gibt es Orte, an denen Sie gern mal graben würden aber nicht können?

Nein, ich bin mit dem, was wir hier in Berlin vorfinden, sehr zufrieden. Mit jeder Grabung kommt ein kleiner Baustein hinzu, um die Geschichte Berlins zu erklären.

Das Gespräch führte Claudia Fuchs.