Berlin - Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus hat sich vor zehn Jahren im Auftrag des Senats mit den Berliner Moscheegemeinden befasst. Jetzt untersucht sie, was sich seitdem verändert hat. Ende des Jahres wird ihre Studie vorgestellt.

Frau Spielhaus, Sie gehen beruflich in Berliner Moscheen. Warum sind die interessant?

Ich war schon 1996 als Studentin an einer wissenschaftlichen Untersuchung beteiligt über Moscheen und Muslime in der Stadt. 2006 haben wir die damalige Befragung schon einmal wiederholt und jetzt wieder. Wir können also von Mitte der 90er Jahre bis heute sagen, was Moscheen für das Zusammenleben in der Stadt leisten, aber auch, welche Sorgen sie haben.

Welche Sorgen haben sie denn?

Den Gemeinden fällt es sehr schwer, an Räume in der Innenstadt zu kommen, die sie bezahlen können. In den vergangenen Jahren haben schon Moscheen zu gemacht. Mancherorts wird dreimal hintereinander das Gebet zum Opferfest angeboten, weil die Räume zu klein sind. In vielen Gemeinden sind Flüchtlinge dazu gekommen, und sie platzen aus den Nähten.

Gibt es mehr Moscheen als früher?

In den 90er Jahren waren es etwa 70 Gemeinden, 2006 über 80 und jetzt haben wir 98 Gebetsräume gezählt.

Warum gibt es denn nur eine einzige Moschee im Ost-Teil der Stadt?

Sie meinen bestimmt den Moscheebau in Heinersdorf. Außerdem gibt es noch einen Gebetsraum etwa 20 Meter jenseits des ehemaligen Mauerstreifens. Es ist sehr schwer zu sagen, woran die ungleiche Verteilung liegt. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis wohnortnah Gemeinden gegründet werden. Es wohnen ja auch Muslime in Marzahn.

Welche neuen Gemeinden gibt es?

Seit den 90er Jahren sind mehr arabische Moscheen dazu gekommen. Es gibt eine bosnische, eine indonesische, eine neue afrikanische Gemeinde. Die meisten sind aber weiterhin türkisch geprägt. Es dauert eine Weile, bis sich Zuwanderer eigene Orte schaffen. In den 80er Jahren sind viele Palästinenser nach Berlin gekommen. Es hat aber zehn Jahre gedauert, bis sie Gemeinden gegründet haben.

Was werden die Syrer tun?

Momentan gehen sie in die vorhandenen arabischen Gemeinden. Erst eine feste Gruppe von 250 Menschen kann monatlich 1000 bis 3000 Euro für Miete, Strom, Wasser aufbringen. Wenn überhaupt, wird es also sicher eine Weile dauern, bis sie eigene Gemeinden eröffnen.

Die Tendenz ist also mehr Vielfalt?

Es laufen zwei Prozesse gleichzeitig: Im Gemeindeleben möchten viele es so wie zu Hause, also sehr differenziert. Sufische Gruppen haben zusätzliche religiöse Praktiken zu den Ritualgebeten, es gibt sunnitische, schiitische und sprachliche Besonderheiten. Auf der politischen Ebene versuchen sich die Gemeinden aber zunehmend über Verbände gegenüber dem Senat und der Gesellschaft mit einer Stimme zu positionieren.

Wie viele Muslime leben in Berlin?

Das lässt sich schwer bestimmen, weil die Religionszugehörigkeit in Deutschland nicht von staatlicher Seite erfasst wird. Deshalb wird die Anzahl der Muslime auf Grundlage der Herkunft geschätzt. Es wird also angenommen, dass Türken ja Muslime sind, ebenso wie die Iraner, Ägypter und Saudis. Sie alle werden zusammengerechnet und alle, die entsprechende Eltern oder Großeltern haben, gleich mit.

Aber nicht alle sind Muslime?

Nein. Eine Studie des Bundesamts für Migration hat gezeigt, dass nur 51 Prozent der Iraner sich als Muslime verstehen, und von denen sagen 39 Prozent, dass ihr Glauben für sie keine Rolle spielt. Sie praktizieren nicht.

Zum Praktizieren gehören Feste. In Berlin ist in einer Verordnung festgelegt, dass Muslime ebenso wie Juden an ihren Feiertagen freinehmen können. Darauf kann man sich bei einem privaten Arbeitgeber berufen?

Ja, es funktioniert nur nicht überall. Einige Arbeitgeber haben kein Verständnis für das religiöse Leben ihrer Angestellten und nicht alle Muslime möchten mit ihrem Arbeitgeber über Glaubensfragen sprechen. Manche haben Angst, dass ihnen mit Skepsis oder Ablehnung begegnet wird. An solchen Selbstverständlichkeiten lässt sich ablesen, inwieweit der Islam zu Deutschland gehört.

Und gehört er dazu?

Es gibt noch Probleme. Viele Muslime gehen vor der Arbeit in die Moschee und verzichten offenbar lieber aufs Familienfest als mit dem Arbeitgeber offen zu sprechen.

Ist die Wahrnehmung des Islams insgesamt negativer geworden?

Seit dem 11. September 2001 auf jeden Fall. Seit dieser Zeit haben viele Gemeinden Räume gekauft, weil Mieträume aufgrund von Vorbehalten gekündigt wurden. Auch die Anschläge auf Moscheen in Berlin haben zugenommen. Anfang 2014 ist der Neubau der Mevlana Moschee ausgebrannt. Es gab Brandanschläge und Drohbriefe gegen die Sehitlik Moschee.