Interview zur Zwangsprostitution in Berlin: Ausbeutung wird immer schlimmer

Sie arbeiten als Street Worker für den Verein Neustart auf dem Straßenstrich an der Kurfürstenstraße. Was wollen Sie mit ihrer Arbeit dort erreichen?

Gerhard Schönborn: Unser Ziel ist es, Frauen aus der Prostitution rauszuhelfen. Der Fokus liegt auf Drogenabhängigen und osteuropäischen Frauen, die Hilfe suchen.

Was genau macht Ihr Verein?

Angelika Franke: Wir haben hier ein Café, in das die Frauen kommen können, wo sie reden können. Zuhälter oder Freier haben hier keinen Zutritt. Außerdem gehen wir selbst raus auf die Straße, bieten den Frauen Kaffee oder etwas zu Essen an.

Mit wie vielen Prostituierten haben Sie hier zu tun?

Schönborn: Über das Jahr verteilt sind 300 verschiedene Prostituierte hier im Kiez unterwegs. Insgesamt halte ich die Zahl von 6000 bis 8000 Prostituierten in Berlin für realistisch, wenn man alle Bordelle, Sexkinos und Laufhäuser zusammenzählt. Denn neben dem Straßenstrich gibt es in Berlin 400 bis 500 solcher Etablissements, von kleinen Wohnungsbordellen bis zu Großen wie dem Artemis.

Reden wir über den Straßenstrich Kurfürstenstraße. Was für Frauen gehen hier anschaffen?

Schönborn: Hier auf der Straße kann man sehr unterschiedliche Frauen antreffen: Frauen, die durch Prostitution ihre Drogen finanzieren, Armut in unterschiedlichsten Varianten und vermehrt Ausnutzung, Ausbeutung und klassische Zwangsprostitution. Aber auch Frauen, die psychisch krank sind, gibt es hier am Straßenstrich.

Woher kommen die Frauen?

Schönborn: Zum Teil sind es Deutsche, das sind meist drogenabhängige Frauen. Über 70 Prozent der Frauen sind aber Osteuropäerinnen. Die größte Gruppe sind derzeit die Ungarinnen. Die stehen vor allem im Bereich der Kurfürstenstraße. In der Lützowstraße, der Bülowstraße und der Potsdamer Straße stehen zudem Rumäninnen. Diese Gruppe nimmt zu. Bulgarinnen als dritte Gruppe stehen überall verteilt, wo Platz ist. Außerdem gibt es hier Slowakinnen, Tschechinnen und noch wenige Polinnen. Vor ein paar Jahren waren die noch die größte Gruppe.

Woran liegt das?

Schönborn: Die wurden verdrängt. Zum Teil sind sie wieder zurück nach Polen, schließlich lässt sich hier nicht viel verdienen. Außerdem verfügten sie oft über ein ganz anderes Bildungsniveau mit abgeschlossener Ausbildung. Damit hatten sie einfach ganz andere Startchancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt als die bulgarischen Frauen, die häufig Analphabetinnen sind und nie eine Ausbildung gemacht haben.

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt über die Hintermänner in der Kurfürstenstraße ++