Berlin - Als im März bekanntwurde, dass eine der größten und aufregendsten Freiflächen der Stadt verkauft worden war, konnte niemand sagen, was das zu bedeuten hatte. Nur eines war sicher: Es war das Ende langer Jahre mit einem Eigentümer, der nichts mehr vorhatte auf dem RAW-Gelände im Süden Friedrichshains.

Und das war vielleicht schlimmer als einer mit neuen Plänen, auch wenn zu diesem Zeitpunkt niemand so richtig wusste, wer dieser Neue eigentlich war: Kurth Immobilien, ein Familienunternehmen aus Göttingen. Seit den Siebzigerjahren in Berlin aktiv, aber weitgehend unbekannt. Im Portfolio der Firma findet sich die frühere Physik-Fakultät der Universität in Göttingen, in der es jetzt Arztpraxen, Büros und Wohnungen gibt, ein Einkaufspark mit Aldi, Rossmann, Obi – und in Berlin ein Altbau in Prenzlauer Berg mit stuckverzierten Wohnungen.

Nichts davon wäre jedenfalls vergleichbar mit diesen 51.000 Quadratmetern Industriebrache und ihren Dutzenden Mietern: Künstler, Trommelbauer, Club- und Barbetreiber und ein veganer Bodybuilder; eine riesige Skatehalle, ein Freiluftkino, ein Theater, eine Street-Art-Galerie, ein Kinderzirkus.

Am Montagabend sitzen Vater und Sohn Kurth in einem Konferenzraum ihrer PR-Agentur in Mitte. Die beiden tragen gut geschnittene Anzüge und ihre Initialen auf den Hemden: Hans-Rudolf, 59, der Senior, Bauingenieur mit Doktortitel, und Lauritz, 27, der in London studiert hat und seit vier Jahren im Unternehmen arbeitet. Sie haben damit gerechnet, dass der Verkauf auf Interesse stoßen würde. Das Ausmaß aber hat sie überrascht. Auch, dass der Kaufpreis so schnell in der Welt war: 20 Millionen Euro. „Falsch“, sagt der Senior. Mehr? Weniger? Er schüttelt den Kopf. Die PR-Frau macht mit ihrem Daumen eine Abwärtsbewegung.

Ein Logo in Rosa, Lila, Grün

Hinter den Kurths steht eine Stellwand, sie haben jetzt ein Logo: drei Waben in Rosa, Lila, Grün unter den Buchstaben RAW, dazu die Worte: Drehkreuz der Ideen.

Ein Drehkreuz passt schon mal zu einem Gelände, auf dem jahrzehntelang Züge repariert wurden. Doch was sind die Ideen? „Wir möchten dieses geschichtsträchtige und sehr spannende Areal entsprechend der derzeitigen Nutzungen und der zentralen Lage entwickeln“, sagt Hans-Rudolf Kurth. Und der Junior redet von der „internationalen Strahlkraft“ des Geländes, auf dem „mit relativ einfachen Mitteln eine gute Atmosphäre geschaffen wurde.“ Man muss kurz an die Statistik der Polizei denken, die für das vergangene Jahr fast 700 Drogendelikte auf dem Gelände verfolgt hat, während Lauritz Kurth weiterspricht: „Man ist auf dem Gelände einfach am Zahn der Zeit.“

Zahn statt Puls, es ist ein treffender Versprecher: Der Zahn der Zeit, die Stadt, die sich verändert – man spürt das rund ums RAW. Auf der Warschauer Brücke, die vom S-Bahnhof zum Gelände führt, kann man nachts schon mal im Gedränge steckenbleiben. Es ist eng geworden in der Gegend, in der noch vor ein paar Jahren Paule’s Metaleck als einzige Kneipe in der angrenzenden Simon-Dach-Straße leuchtete. Die trägt nun den Spitznamen Ballermanns Rache, weil dort eine Cocktailbar mit Happy Hour neben der nächsten liegt.

Die Gegend ist am Rande ihrer Kapazitäten angelangt, zumindest, was das ausschweifende Nachtleben junger Touristen angeht. Das ist das eine. Vor allem aber gibt es zu wenig Platz für die, die hier leben wollen. Der Druck auf den Wohnungsmarkt ist so hoch wie in kaum einem anderen Teil der Stadt. Baulücken gibt es kaum mehr. Aber diese riesige Freifläche.

Das Konzept, das von den Kurths nun erwartet wird, wird auch eins für den Stadtteil sein. Auf dem RAW-Gelände wird entschieden, was die Gegend in Zukunft sein will: Drogen- und Technostrich, wie sie schon genannt wird. Oder – ja, was eigentlich?

„Wir wollen in Zusammenarbeit mit den Mietern, Anliegern und dem Bezirk ein kooperatives Verfahren durchführen, weil wir so die Möglichkeit haben, Wünsche und Anregungen zu sammeln und die besten Ideen verschiedener Planungsbüros einfließen zu lassen“, sagt Hans-Rudolf Kurth. Eigentum verpflichtet, so klingt das, nach alter Schule. Heute nennt man das Stakeholder Management: Ein Unternehmen bezieht Interessen Außenstehender mit ein. Und minimiert damit sein Risiko, dass ein Projekt aus dem Ruder läuft. Nur hatten die Kurths gar keine Wahl. Denn in Friedrichshain-Kreuzberg wird so etwas schlicht in der BVV verordnet.

„Es geht auch ohne Wohnen“

Der Beschluss, im vergangenen Sommer von den Grünen eingebracht, liest sich wie ein Wunschzettel: im Norden bitte eine Nutzung, die die Anwohner nicht stört, im Süden Platz für Kneipen, Clubs und alles, was Lärm machen könnte. Vor allem aber: keine Wohnungen. Weil: Auch der Platz für die Kultur wird eng. Ein Park wäre auch nett. Jetzt wird ein Bebauungsplan entwickelt.

Die Kurths kennen den Beschluss natürlich. „Es geht auch ohne Wohnen“, sagt der Junior. „Uns schwebt ein attraktives Quartier vor, mit Gewerbe, Büros und Einzelhandel.“ Es sind Worte wie Dunst. Entweder es ist wirklich noch alles offen und es gibt keine Vision, oder die Kurths sind einfach schlau genug, sich nicht zu früh in die Karten gucken zu lassen. Vor ein paar Jahren ist schon mal einer mit einer Vision angetreten. Geblieben sind ihm davon 16.000 Quadratmeter an der Ostseite des Geländes.

Klaus Wagner klingt wie ein enttäuschter Liebhaber, wenn er seine Geschichte erzählt. Sie handelt von großen Erwartungen und mühsamen Kompromissen, von der Finanzkrise in Island, von Streit und Versöhnung. Und einem Happy End – vorläufig. Klaus Wagner ist wachsam, noch haben sich die Kurths nicht mit ihm zusammengesetzt. Dabei sind sie doch Nachbarn und der Bezirk will – auch das steht in dem Beschluss – dass das Gelände als Ganzes entwickelt wird.

Klaus Wagner, Geschäftsführer der RED Development GmbH, hat das RAW-Gelände 2007 zusammen mit Investoren aus Island von der Bahn-Tochter Vivico gekauft, für einen heute geradezu lächerlich anmutenden Preis von vier Millionen Euro. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie das passieren konnte. Berlin hat die Chance vertan, das Gelände selbst zu gestalten. Stattdessen folgten zähe Auseinandersetzungen mit Klaus Wagner, der Großes vorhatte: generationenübergreifendes Wohnen, Büros, ein Fairtrade-Gründerzentrum. Nur dass den Isländern irgendwann das Geld ausging. Und Franz Schulz, mit dem Wagner gut konnte, auch nicht mehr Bürgermeister war. Irgendwie verliefen sich die Pläne so im Sand. Und alles, was Wagner dann noch plante, scheiterte vor Gericht: Parkplatz, Kaufhaus, Hotel.

Was ist schlimm daran, Geld zu verdienen?

Klaus Wagner hat es sich mittlerweile trotzdem ganz gemütlich gemacht, sein Wohnzimmer heißt Neue Heimat. Man kann ihn dort sonntags treffen, am Eingang einer Halle mit rostigen Stahlträgern und Graffiti auf nacktem Beton. Er lehnt an einem Stapel Europaletten, einen Bierkrug in der Hand. In der Halle steht ein Podest, auf dem ein Cellospieler und ein Geiger wilden Experimentaljazz fiedeln. Wagner sieht zufrieden aus. Die marokkanische Tajine mit Rindfleisch und karamellisierten Feigen, die er gerade an einem der Stände gegessen hat, war ausgezeichnet.

4000 Quadratmeter hat er den Marktbetreibern vermietet. Er kann sich durchaus vorstellen, dass es noch mehr werden. „Ich finde es einfach unglaublich, was hier entstanden ist“, sagt Wagner. „Es macht mich fröhlich, hier zu sein.“

Die Neue Heimat ist innerhalb nicht mal eines Jahres zum erfolgreichsten Projekt auf dem Gelände geworden: Essen, Musik, Kunst in diesem Ambiente des Verfalls, das es so nur in Berlin gibt. Dahinter steckt ein neuer Typus von Betreibern: Sebastian Baier und seine Kollegen, die den Streetfood-Markt ins Leben gerufen haben, sind im Berliner Nachtleben groß geworden, waren Teil der Bar-25-Crew, des legendären Clubs am Spreeufer, zu einer Zeit, als der schon eine professionelle Eventlocation war, mit eigenem Plattenlabel, Edelrestaurant und Spa-Bereich.

Danach haben sie in einem Backsteinhäuschen an der Schlesischen Straße einen neuen Club aufgemacht, den sie Chalet nannten. Sie haben in diesen Jahren Vertrauen gewonnen in die eigenen Ideen und das Gespür geschärft für ein Publikum, das mit ihnen älter geworden ist, das jetzt guten Wein genauso zu schätzen weiß wie eine Kinderspielecke und den salzig-herben Geschmack einer Auster.

Sebastian Baier redet lieber über die Kinder als über die Austern, die es hier auch gibt. Und über das Musikprogramm und die Kunst, die sie in der Ecke der einen Halle verkaufen. „Wir sind Kulturschaffende“, sagt er. „Wir sind familienfreundlich.“ Eigentlich sind sie genau das, was der Bezirk sich hier vorstellt. Eher zumindest als das MIKZ, der Club, der jahrelang auf der Rückseite der Neuen Heimat lag. Vor ein paar Monaten schloss das MIKZ, seine Räume gehören jetzt zur Neuen Heimat. Es sah dann ein bisschen so aus, als würden die Austernesser ein soziales Projekt weggentrifizieren.

Da ist diese Grundskepsis in Friedrichshain gegenüber allem, was kommerziell erfolgreich ist. „Auf so einem großen Areal kann man aber kein Nischenprogramm machen“, sagt Sebastian Baier.

Und was ist eigentlich so schlimm daran, Geld zu verdienen?

„Ja, was eigentlich“, sagt Kristine Schütt. Sie sitzt im Schatten der Mauer, die das RAW-Gelände von der Revaler Straße trennt. Der Kaffee auf dem Tisch ist türkisch, die Zigaretten dazu sind selbstgedreht. Gegenüber von Schütt sitzt Udo Glaw und zuckt mit den Schultern.

Ein schmerzhafter Prozess

Sie seien müde, sagen beide, seit Jahren arbeiten sie ehrenamtlich als Vorstand des RAW-Tempel e.V., des Vereins, der das Gelände Ende der Neunzigerjahre zu dem so anziehenden und widerspenstigen Ort werden ließ, der sich nun verändern wird. Verändern muss. „Inwieweit können wir die Gentrifizierung mitgestalten und uns dabei noch im Spiegel angucken“, sagt Glaw. Das sei jetzt die Aufgabe. Es klingt nach einem schmerzhaften Prozess. Einem, bei dem sie sich eingestehen müssen, dass manche Überzeugung der Realität nicht standgehalten hat. Anfang des Jahres musste der Verein Insolvenz anmelden.

Sie brauchen ein neues Konzept, das wissen sie. Allein schon, um diesem neuen Eigentümer, auf dessen Gelände sie sich befinden, zu zeigen, dass ihre Idee des Zusammenspiels von Sozialem und Kultur noch immer etwas taugt.

Kristine Schütt war eine der ersten auf dem Areal, das damals, Mitte der Neunziger wie in einem Dornröschenschlaf gelegen hat. „Ein verwunschener Ort“, sagt sie. Die Backsteinruinen waren überwuchert von Pflanzen, es gab Fledermäuse und Eichelhäher. Die Bahn vermietete die alten Gemäuer an Künstler. Eine Zeit lang wohnte Kristine Schütt auf dem Gelände, ohne fließendes Wasser, dafür mit all der Freiheit, die Berlin damals zu bieten hatte.

Das ist lange her. Die Kurths sagen, sie können sich vorstellen, die Kunst auf dem Gelände mit günstigen Mieten zu subventionieren. Kristine Schütt würde es aber gerne aus eigener Kraft schaffen, um unabhängig zu bleiben. Geben sie auf, sind es andere, die das Bild des Geländes bestimmen werden. Gegenüber macht in diesen Tagen ein Pool auf. Glaubt man den Kurths, dann sollen sie alle hier Platz finden. „Wir müssen niemanden verdrängen“, sagen sie. Das wiederum klingt fast zu schön, um wahr zu sein.