Berlin - Als der Tierpark Berlin mitteilte, dass Eisbärin Hertha, zwei Jahre alt, das Ergebnis einer Inzucht sei, waren viele schockiert. Auch deshalb, weil nun klar ist: Hertha darf vorerst keinen Nachwuchs bekommen, kann also keinen Beitrag zur Erhaltung ihrer vom Aussterben bedrohten Art leisten. Dabei hätte dieser Inzucht-Fall verhindert werden können.

Das sagt Ulrike Joerres aus Düren bei Köln, die sich leidenschaftlich für die größten Landraubtiere der Welt interessiert und Zuchtstatistik als Hobby betreibt. Sie hat bereits vor acht Jahren in Zuchtbüchern Hinweise darauf gefunden, dass Herthas Eltern Tonja und Wolodja aufgrund einer Verwechslung im Moskauer Zoo Geschwister sein könnten. Warum ging die damalige Tierpark-Leitung diesem Verdacht nicht nach?

Diese Frage stellt sich Joerres heute. Die 68-Jährige listet seit mehr als zehn Jahren in ihrem Internet-Blog alle Eisbären, die in europäischen Tiergärten leben. „Mein Hobby hat mit meinem Interesse für den Berliner Eisbären Knut begonnen“, sagt sie. Eine gewaltige Datensammlung ist inzwischen daraus geworden. Mit deren Hilfe stieß Joerres im Jahr 2013 als Erste auf eine mögliche Verwandtschaft zwischen Tonja und Wolodja. „Tonja wurden nach ihrer Geburt 2009 im Moskauer Zoo falsche Eltern zugeordnet. Das hätte nicht zu einem Problem werden müssen. Sie war ja ursprünglich als Braut für Knut bestimmt.“

Das Schicksal wollte es anders. Tonja kam im August 2011 in den Tierpark, da war Knut schon fünf Monate lang tot. Deshalb suchte das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für die Eisbärin ein neues Männchen, das aus genetischer Sicht zu ihr passt. Die Wahl fiel auf den zwei Jahre jüngeren Wolodja, der wie Tonja im Moskauer Zoo zur Welt kam und im Sommer 2013 im Tierpark eintraf.

Sie glich die Daten beider Eisbären ab

Joerres begann damals die Daten beider Eisbären abzugleichen. Das geschah im Fall von Tonja anhand von Zuchtbucheinträgen. Die Bloggerin kam über ihre Kontakte in der Zoo-Welt an diese Einträge. „Darin waren für den Moskauer Zoo zwei Eisbärenpaare verzeichnet, die im November 2009 fast zeitgleich Nachwuchs bekamen“, sagt Joerres. Das eine Paar, Murma und Untay, zeugte ein Weibchen mit der Nummer 2916, die man später Tonja zuordnete. Das zweite Paar, Simona und Vrangel, die späteren Eltern von Wolodja, bekam weibliche Zwillinge mit den Zuchtbuchnummern 2917 und 2918.

Bei der Durchsicht der Einträge wurde Joerres stutzig, denn das Jungtier mit der Nummer 2916 tauchte in den Zuchtbüchern gleich doppelt auf. Einmal sei es im Januar 2011 nach Peking gebracht worden, wo tatsächlich ein Weibchen ankam, so Joerres. Und in einem anderen Zuchtbucheintrag stand, dass die Nummer 2916 als Tonja im Sommer 2011 über den Zoo Rostow in den Tierpark Berlin kam. „Dass ein Tier in einem Jahr an zwei Orten ist, kann nicht sein“, sagt Joerres. „Ich vermutete, dass man bei den Einträgen die Jungtiere verwechselt hatte. Es lag sehr nahe, dass Tonja in Wahrheit die Tochter von Simona und Vrangel und damit eine Schwester von Wolodja sein könnte.“

Über diesen Verdacht schrieb Joerres im August 2013 in ihrem Internet-Blog. Sie wollte den Berliner Tierpark vor einer Verpaarung von Wolodja mit Tonja warnen und löste damit viel Wirbel aus, denn auch Tierschutzverbände lasen ihren Eintrag. Ohne die Quelle ihrer Erkenntnisse zu nennen, beschuldigten diese den Berliner Tierpark- und Zoo-Chef Bernhard Blaszkiewitz, er wolle einen neuen Eisbären züchten, um die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen, und nehme dabei Inzucht in Kauf.

„Blaszkiewitz war damals beim Thema Inzucht kein unbeschriebenes Blatt“, sagt James Brückner, Chef des Deutschen Tierschutzverbandes, heute. „Da waren die damaligen Löwen im Zoo, deren Jungen infolge von Inzucht entstanden, oft nicht überlebten. Systematische Inzucht sorgt bei Jungtieren für eine hohe Sterblichkeit, man muss beim Nachwuchs mit Krankheiten oder Gendefekten rechnen.“

„Für meinen Verdacht fehlte der wissenschaftliche Beweis“

Es dauerte, bis Blaszkiewitz sich zu den Vorwürfen der Tierschützer äußerte. Einen Tag vor der Präsentation Wolodjas ließ er im August 2013 ausrichten, dass der Eisbär kein Bruder von Tonja sei. Dies belegten Tonjas Papiere eindeutig, so Blaszkiewitz. Ulrike Joerres, die die Unkorrektheiten in den Zuchtbüchern aufgespürt hatte, akzeptierte damals diese Aussage. „Ich konnte ja keine wissenschaftlichen Beweis für meinen Verdacht erbringen“, sagt sie. „Das hätte damals der Tierpark gekonnt.“

privat
Eisbär-Fan Ulrike Joerres (hier mit einem Lemuren) in einem französischen Zoo.

Wie Joerres acht Jahre zuvor stolperte in diesem Jahr die jetzige EEP-Chefin, die russische Biologin Marina Galeshchuk, über Ungereimtheiten in Tonjas Zuchtbuch. Dass der heutige Tierpark-Chef Andreas Knieriem dem Hinweis der Biologin nachging, eine Genanalyse bei Tonja durchführen ließ, sei der richtige Schritt gewesen, sagt Joerres. „Ihm ist hoch anzurechnen, dass er das Ergebnis öffentlich machte, dass Tonja und Wolodja tatsächlich Geschwister sind und es mit Hertha einen Inzucht-Fall gibt.“

Doch warum führte der Tierpark 2013 keine Genanalyse durch, als es den ersten Verdacht gab? Weil man sich entschieden habe, den vorliegenden Dokumenten aus dem Zoo Moskau, den darauf basierenden Empfehlungen des EEP sowie den Tiertransport-Papieren zu vertrauen, so eine Sprecherin. „Das sind offizielle Dokumente, ähnlich einem Reisepass.“ Es habe keinen Grund gegeben, daran zu zweifeln.

Man vertraue nach wie vor anderen internationalen Institutionen, natürlich auch dem Moskauer Zoo, durch dessen Hinweis der Fall jetzt aufgeklärt werden konnte. Das Ganze zeige, „wie wichtig es ist, dass wir unsere Arbeit zukünftig in allen Bereichen verstärkt auf eine wissenschaftliche Basis stellen“, so die Sprecherin.