Mit den schicken, englisch sprechenden jungen Menschen und ihren aufgemotzten Imbissen, die sich in Neukölln ausbreiten, will Conor Creighton, 35, nichts zu tun haben. Zum Treffen schlägt der irische Schriftsteller, dessen Buch „Strange Love. Oder: Wie ich lernte, die Deutschen zu lieben“ dieser Tage erschien, ein unscheinbares Eiscafé an der Sonnenallee vor. „Dort gibt’s keine Flat Whites und keine Sojamilch, aber es ist Neukölln pur“, schreibt er in einer E-Mail. Er wohnt in der Nähe. Die Kellnerin begrüßt ihn und bringt sofort türkischen Tee, schwarz und bitter. Das Interview führen wir auf Deutsch, manchmal streut Conor Creighton ein englisches Wort ein.

Mister Creighton, es ist fast ein eigenes Genre geworden: englischsprachige Autoren, die über ihr Leben in Deutschland und Berlin schreiben. Wie ist Ihr Buch zustande gekommen?

Ich habe auf einer Lesebühne eine Geschichte über meine Erfahrungen in einer Bremer Nudisten-Kommune vorgelesen. Im Publikum saß eine Agentin, sie hat mich angesprochen und gefragt, ob ich genügend Material für ein Buch habe. Das fand ich toll. Aber ich wollte keinen stereotypen Text schreiben über die Deutschen, meine Erfahrungen sind auch anders als die der meisten Expats. Gerade für Nordamerikaner oder Briten ist Berlin der Ort ihrer Träume. Berlin kann auch die Hölle sein. Ich musste so viele Scheißjobs machen, um zu überleben. In meinem Buch habe ich meine Erlebnisse verarbeitet, vieles ist auch erfunden.

Ist es eine wahre Geschichte, dass Sie im Club der Visionäre in Kreuzberg gekellnert haben?

Als ich dort anfing, war der Laden voller junger Leute, echte Berliner, es gab keine Eintrittspreise. Früher hatte der Club ein politisches Anliegen, gegen Rassismus, gegen Sexismus, es gab ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Barkeepern und Kunden. Dann kamen Gäste mit mehr Geld, mehr Touristen, die Stimmung änderte sich.

Der Untertitel Ihres Buches lautet: Wie ich die Deutschen lieben lernte. Auf einmal lieben alle Deutschland. Der britische Telegraph hat neulich 30 Gründe, warum man Deutschland lieben sollte, veröffentlicht. Warum mögen auf einmal alle die Deutschen?

Angela Merkel hat sicher geholfen, ihre Willkommensgesten gegenüber Flüchtlingen, auch die junge, sympathische Nationalmannschaft. Das Interesse an Deutschland hat aber auch mit dem Niedergang anderer europäischer Länder zu tun, die nach einer Führungskraft suchen. Berlin ist natürlich auch super Werbung für Deutschland. Je mehr die Menschen an Berlin denken, desto weniger denken sie an Clausnitz, Dresden und Pegida.

Wo ist Berlin für Sie echt deutsch?

In der Sonnenallee. Hier findet man alles, junge deutsche Frauen, arabische Männer, Engländer, eine bunte deutsche Mischung. Wenn ich negativ sein sollte, dann fällt mir das Bürgeramt Neukölln ein. Das ist ein unmenschlicher Ort, ab sechs Uhr morgens stehen einhundert Leute vor der Tür und warten darauf, einen Termin zu bekommen. Wenn neue Bewohner nach Berlin ziehen und der erste Eindruck ist eine lange Warteschlange vor dem Amt draußen, wie sollen die Menschen dann ihre Heimat lieben lernen?

Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gefühl, ganz Berlin bestünde nur aus Hausbesetzer-WGs. Sind nicht längst alle besetzten Häuser luxussaniert?

In der Rigaer Straße gibt es noch besetzte Häuser. Aber da habe ich nicht gewohnt, sondern in der Waldemarstraße in Kreuzberg. Das war wie in einem Öko-Utopia, alle aßen vegan und kauften nur Bio-Gemüse. Eine linke Blase. Mir gefiel das auf Dauer nicht. Deshalb bin ich nach Neukölln gezogen, das war für mich sehr befreiend.

Neukölln ist einer der ärmsten Bezirke Berlins, trotzdem werden inzwischen für Neuvermietungen sehr hohe Preise verlangt. Sind die Ausländer schuld?

Ich fürchte ja. Aber das gilt vor allem für Nord-Neukölln. Richtung Britz ist es noch billig. Aber es gibt auch positive Arten von Gentrifizierung. Hier um die Ecke stand lange ein Ladenlokal leer, ich fürchtete schon, dass ein veganer Hipster-Imbiss hineinkommt, aber dann hat eine arabische Familie einen Tapetenladen aufgemacht. Als ich hier einzog, musste ich zwei Kilometer radeln, um einen guten Cappuccino zu trinken. Jetzt öffnen immer mehr kleine Cafés.

Warum fühlen sich englischsprachige Ausländer in Neukölln so wohl?

Hier sind wir viele Einwanderer, Neu-Deutsche. Ich habe türkische, deutsche und syrische Nachbarn. In Kreuzberg habe ich mich nicht willkommen gefühlt. Vor ein paar Jahren hingen dort Schilder: Touristen raus, Berlin liebt dich nicht. Ich habe mich davon abgelehnt gefühlt. Es nervt auch, dass mich alle für einen Touristen halten, nur weil ich mit Akzent spreche.

Wo haben Sie Deutsch gelernt?

In Bars, in Restaurants, als Roadie. Wenn man seine Zeit nur mit hoch qualifizierten Deutschen verbringt, die gut Englisch sprechen, braucht man kein Deutsch. Die Leute, die ich kennengelernt haben, hatten kein Abitur, waren oft sehr arm, die sprachen keine Fremdsprachen. Ich habe einen Kurs bei einer Antifa-Gruppe in der Cuvrystraße gemacht, meine Lehrerin fehlte dauernd, weil sie auf Demonstrationen fuhr.