Sie reißt seit 30 Jahren Naziaufkleber von Laternen und Mauern, übersprüht rechte Parolen mit Farbe und hat das Ausstellungsprojekt „Hass vernichtet“ ins Leben gerufen. Für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus ist Irmela Mensah-Schramm mehrfach ausgezeichnet worden – darunter mit der Bundesverdienstmedaille und dem Göttinger Friedenspreis.

Nun aber hat das Amtsgericht Tiergarten die 70-jährige Aktivistin verurteilt: Irmela Mensah-Schramm hatte den Schriftzug „Merkel muss weg“, der in einem Tunnel in Zehlendorf an der Wand prangte, in „Merke! Hass weg!“ umgewandelt. Dafür wurde sie wegen Sachbeschädigung am Mittwoch verurteilt –  im Wiederholungsfalle droht ihr eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu 60 Euro.

An diesem Donnerstag hört man noch immer die Wut in der Stimme von Irmela Mensah-Schramm. Zu absurd sei das Urteil. Zu absurd die Verhandlung. „Ich gehe dagegen auf alle Fälle in Berufung“, sagt die einstige Erzieherin der Berliner Zeitung. Vor allem empöre es sie, was die junge Staatsanwältin ihr mit auf dem Weg gegeben habe: Ihre Tat hätte keine Vorbildwirkung. Und sie solle sich einen besseren Weg für ihre Meinungsbekundungen suchen.

Was war geschehen? Am 24. Mai dieses Jahres hatte Irmela Mensah-Schramm in einem Tunnel den mit schwarzer Farbe aufgetragenen Schriftzug „Merkel muss weg“ übersprayt. „Ich bin an diesem Satz monatelang mit dem 118er-Bus vorbeigefahren und habe mich geärgert, dass da das Ordnungsamt nicht aktiv wird“, sagt die Rentnerin. An jenem Tag habe sie dem Hassschreiber nur eine Antwort geben wollen. Sie tat dies mit einem pinkfarbenen Spray, das sie nach eigenen Worten zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises von dem Direktor eines Gymnasiums erhalten hatte.

„Besorgte Bürger“, wie Irmela Mensah-Schramm erzählt, hätten in Zehlendorf die Polizei gerufen. Als die Polizei kam, war die Aktivistin gerade fertig. An der Wand prangte nun der Schriftzug „Merke! Hass weg!“ in 1,20 Meter großen Lettern.

Die Beamten nahmen den Sachverhalt als Sachbeschädigung auf. Mitte September hatte Irmela Mensah-Schramm einen Strafbefehl im Briefkasten. Wegen Sachbeschädigung sollte sie eine Geldstrafe von 450 Euro zahlen. Dagegen legte sie Beschwerde ein. Am Mittwoch kam es zur Hauptverhandlung. Irmela Mensah-Schramm verteidigte sich an diesem Tag selbst. Sie erzählte dem Richter, dass sie in ihrem Leben bisher mehr als 75.000 Hassslogans im öffentlichen Raum überschrieben habe. Beschwerden beim Ordnungsamt fruchteten nicht. Deswegen legte sie selbst Hand an.

Als der Richter am Dienstag vorschlug, das Verfahren vor dem Amtsgericht einzustellen, lehnte die junge Staatsanwältin ab. Bei der Einstellung müssen alle Prozessbeteiligten zustimmen. „Ich persönlich hatte den Eindruck, dass der Richter das Verfahren sehr gerne eingestellt hätte“, sagt Gerichtssprecherin Lisa Jani am Donnerstag. In ihrem Plädoyer habe die Staatsanwältin dann eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu jeweils 60 Euro, also insgesamt 1800 Euro, gefordert und der Angeklagten mit auf den Weg gegeben, künftig eine andere Art der Meinungsäußerung zu wählen. „Sie sprach auch davon, dass dies, was die Frau nun getan habe, keine Vorbildfunktion habe“, sagt Jani.

Mensah-Schramm will nach Wittstock fahren

Der Richter berief sich in seiner Entscheidung schließlich auf ein BGH-Urteil, nachdem eine weitere Verunstaltung auch eine Sachbeschädigung darstellt. Demnach war das letzte Ausrufezeichen und das Herz, das Irmela Mensah-Schramm als Punkt für das Ausrufezeichen auf die helle Wand sprühte, eine Erweiterung des vorherigen Schriftzuges. Der Richter sprach die Frau schuldig, er sprach eine Verwarnung aus und behielt sich die Geldstrafe vor. Diese wird nur fällig, wenn sich Irmela Mensah-Schramm innerhalb eine Jahres etwas zu Schulden kommen lässt.

Irmela Mensah-Schramm sagt, dass sie ihre Arbeit weitermachen werde. Wenn der Staat seine Aufgabe nicht wahrnehme und die Hassparolen tilge, dann werde sie es machen. „Ich gehe dafür auch ins Gefängnis“, sagt sie.  Schon in der nächsten Woche will sie wieder aktiv werden. Sie kündigt an, ins brandenburgischen Wittstock fahren zu wollen. Dort hat jemand „Fuck Asyl“ an die Fassade eines Einkaufszentrums gesprüht. Irmela Mensah-Schramm wird aus der Hassparole ein „Fuer Asyl“ machen.