Berlin - An der Straßenbahnhaltestelle Bisamkiez in Potsdam steht ein alter Flachbau. Die Fassade dieses längst geschlossenen Supermarkts haben Sprayer für sich entdeckt.

Die bunten Farben der Graffiti stechen deutlich durch das Grau des Oktobertages. Irmela Mensah-Schramm stapft entschlossen zu der Wand, an der sie schon vor Tagen die drei Buchstaben FNS entdeckt hat. Es ist das Kürzel für das „Freie Netz Süd“, eine verbotene Neonazi-Organisation.

Irmela Mensah-Schramm, 70 Jahre alt, bleibt vor den Buchstaben stehen. Sie holt eine Dose aus ihrem hellen Leinenbeutel, auf dem der Spruch „Wer von Asylflut redet, hat Ebbe im Gehirn“ steht. Dann beginnt sie, mit schwarzer Farbe Gesichter auf die drei Buchstaben zu sprayen: ein Kreis, zwei Augen und ein schmollender Mund.

Sie übersprüht Hassparolen

Die wenigen Fußgänger, die vorbeikommen, nehmen kaum Notiz von der Rentnerin. Sie ist ihnen egal, wie ihnen auch die Buchstaben gleichgültig waren. Nach wenigen Minuten betrachtet Irmela Mensah-Schramm ihr Werk und lächelt. „Gut geworden“, murmelt sie und geht an der Fassade entlang.

Sie sucht nach weiteren rechtsextremen Symbolen, nach Hakenkreuzen, ausländerfeindlichen Sprüchen. An einer SS-Rune holt sie erneut die Farbdose hervor.
Irmela Mensah-Schramm ist seit dreißig Jahren in Berlin und ganz Deutschland unterwegs, um rechtsradikale und ausländerfeindliche Schmierereien wegzuschrubben.

Was sich nicht wegwischen oder abkratzen lässt, wird übermalt. Polit-Putze nennt sie sich selbstironisch. Sie hat für ihre Schrubb-Aktionen die Bundesverdienstmedaille erhalten und im vorigen Jahr den Göttinger Friedenspreis. Und erst kürzlich eine Verurteilung in Berlin.

86 schwarze Aktenordner

Später an diesem wolkenverhangenen Tag setzt Irmela Mensah-Schramm in der Küche ihrer Wohnung in Wannsee Teewasser auf und scheucht die Katze ins Schlafzimmer, das mit Regalen möbliert ist. Reihe an Reihe stehen dort schwarze Aktenordner.

Irmela Mensah-Schramm hat darin die abgeschabten Nazi-Aufkleber eingeheftet und die fotografierten Hassbotschaften, die sie jeweils kurz nach der Aufnahme übertüncht hat.

86 schwarze Ordner mit Fotodokumenten sind es inzwischen, die letzten Bilder erst wenige Tage alt. Die Aufnahmen aus Lichtenberg zeigen NPD-Aufkleber, auf denen „Natürlich Deutsch“ und „Maria statt Scharia“ gedruckt ist. Auch ein Hakenkreuz ist zu sehen.

Im geräumigen Wohnzimmer hängen zwei Setzkästen an der Wand und Fotografien, die Irmela Mensah-Schramm in jungen Jahren in Madagaskar und Burma zeigen. Das Landschaftsbild über der Couch hat ihr Vater, der ein Schauspieler war, gemalt. An dem gusseisernen Ofen lehnt ein Plakat, auf dem „Nazis weg! Wir schaffen es!“ steht.

Immer wieder drohen Strafverfahren

Auf dem Tisch liegt eine grüne Mappe mit den neuen Gerichtsunterlagen, Zeitungsausschnitten und Hassmails. „Nicht die einzige“, wie sie mit ihrem gewinnenden Lächeln sagt. Auch die Dokumente zu Strafverfahren gegen Irmela Mensah-Schramm füllen inzwischen Bände.

Irmela Mensah-Schramm ist immer dort zu finden, wo Menschen gegen Neonazis oder Rechtspopulisten protestieren. Sie blockierte im brandenburgischen Halbe mit anderen Demonstranten den jährlich stattfindenden Marsch von Rechtsextremisten zum Soldatenfriedhof.

Erst vor zwei Wochen stand sie mit ihrem selbst gefertigten Plakat „Kein rassistischer Schmutz ohne Lutz!“ in den Reihen derer, die sich auf Dresdens Straßen gegen Pegida und Lutz Bachmann wandten.

Immer wieder musste sie sich vor Gericht verantworten, weil sie sich Vollstreckungsbeamten widersetzt haben soll oder weil auf den Plakaten, die auf ihre Wanderausstellung „Hass vernichtet!“ hinweisen, auch ein kleines Hakenkreuz zu sehen war.

Der erste Schuldspruch im Herbst

Doch noch nie war sie von einem Gericht für schuldig gesprochen worden. Bis zu diesem Herbst. Das Amtsgericht Tiergarten hat sie Anfang Oktober wegen Sachbeschädigung verurteilt, eine Verwarnung gegen sie ausgesprochen und der uneinsichtigen Angeklagten bei einer neuerlichen Straftat damit gedroht, die verhängte Geldstrafe von 1 800 Euro zu vollstrecken.

Dabei hatte Irmela Mensah-Schramm nur das getan, wofür sie schon so oft geehrt worden war: Hassschmierereien vernichtet. Denn derjenige, der in 1,20 Meter großen Buchstaben „Merkel muss weg“ an die Wand des Fußgängertunnels in Zehlendorf gesprüht hatte, tat das nach ihrer Überzeugung aus Hass.

„Das war nicht nur eine Meinungsäußerung“, erklärt sie. Wochenlang fuhr Irmela Mensah-Schramm mit der Buslinie 118 an dem Slogan vorbei. Wochenlang schien der Spruch nur ihr aufzufallen. Wochenlang ärgerte sie sich. Bis sie beschloss, die Schmiererei zu demokratisieren.

Farbdosen gegen Rassismus

Am 24. Mai 2016 packte sie die Farbdose, das Geschenk eines Göttinger Schulleiters, in den Leinenbeutel. An der Tunnelwand sprühte sie den Spruch „Merkel muss weg“ einfach um in „Merke! Hass weg!“. Mit pinkfarbenen Lettern.

„Besorgte Bürger“, so sagt Irmela Mensah-Schramm trocken, sahen ihr damals zu. Sie riefen die Polizei, die wiederum Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattete. Gegen den Strafbefehl über 450 Euro legte Irmela Mensah-Schramm Einspruch ein. So kam es zum Prozess, in dem sich die Friedensaktivistin selbst verteidigte und der Richter die Sache eigentlich auf sich beruhen lassen und einstellen wollte.

Erste Verwarnung

Alle Prozessbeteiligten hätten zustimmen müssen. Die Staatsanwältin aber weigerte sich. Sie gab in ihrem Plädoyer der alten Dame auf den Weg, künftig eine andere Form der Meinungsäußerung zu wählen. Denn das, was sie getan habe, sei eine Sachbeschädigung und alles andere als vorbildlich.

Es lag im Ermessen des Richters, Irmela Mensah-Schramm trotzdem freizusprechen. Doch er berief sich auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs und verwarnte sie. Sie habe eine Sachbeschädigung noch vertieft, weil sie ein Ausrufezeichen auf die noch unbeschmierte Wand gemalt habe.

Lieber ins Gefängnis als aufhören

Außerdem sei der Spruch nicht verboten gewesen.
Seitdem ist das Leben der Seniorin etwas aus den Fugen geraten. Nicht, dass sie Sorge hätte, eine Geldstrafe zahlen zu müssen. Schon vor Gericht hatte sie erwähnt, dass sie ihre Arbeit fortsetzen und dafür sogar ins Gefängnis gehen würde.

„Wenn man es genau nimmt, habe ich schon Tausende Mal in meinem Leben Sachbeschädigungen begangen“, erklärt sie nun. So oft habe sie schon Hassparolen im öffentlichen Raum übermalt.

Seit dem Urteil ist sie kaum zur Ruhe gekommen. Journalisten aus aller Welt melden sich, die die Rentnerin kennenlernen wollen. Reporter des ZDF und der ARD sind darunter. Das niederländische Fernsehen arrangierte ein Treffen.