Berlin - Die Sache mit der Kälte kam dann doch etwas überraschend und auch noch ziemlich heftig. Die meisten hatten sich doch schon ein wenig damit abgefunden, dass Berlin nun gefühlt eine mediterrane Stadt ist mit dauerblauem Himmel, mit einer glühenden Mittelmeersonne und keiner Spur von Regen. Nach 60 Tagen um die 30 Grad lebten die meisten längst im Dauer-Dürre-Modus.

Und dann das: plötzliche Kälte, schneidender Wind, heftige Schauer und nachts Temperaturen, die nur noch fünf Grad über dem Gefrierpunkt liegen.

Anfang Juli: Berlin wird zur Steppe, die Wiesen im Blankenstein-Park sind verbrannt.
Benjamin Pritzkuleit
Anfang Juli: Berlin wird zur Steppe, die Wiesen im Blankenstein-Park sind verbrannt.

Aber wie heißt es so passend: Der Klimawandel fördert die Wetterextreme. Zuerst ist es Ewigkeiten zu heiß und dann schlagartig so kalt, dass man gar nicht so schnell die Herbstjacke wiederfinden kann, wie die Temperatur fällt.

Aber Schluss mit dem Gejammer. Der Regen ist natürlich ein Segen für die Natur. Das ist beispielhaft am Blankenstein-Park in Prenzlauer Berg zu sehen. In dem eigentümlich gestalteten Park stehen nur am Rand etliche Bäume, aber der größte Teil ist eine riesige Wiese. Anfang Juni sah die einst grüne Wiese nach Wochen ohne Regen aus wie struppiges Steppenland. Gelb und verdorrt. Gift für die Augen.

Doch kaum gingen ein paar Regenschauer über der Ödnis nieder, meldete sich die Natur zurück. Das Wasser ließ es wieder grünen und sprießen. Der Witz dran: Ausgerechnet mit dem Kälteeinbruch kam der zweite Frühling.

Es ist wie ein Wunder: Selbst bei ganz genauen Hinsehen ist unter dem frischen Grün so gut wie nichts vom gelben Gras zu sehen. Das satte Grün ist nach dem Dürresommer 2022 eine Wohltat für die Augen. Wer hätte gedacht, dass Kälte so schön sein kann?

Trotzdem ist es verwirrend, dass wir nun nach den Handschuhen fürs Fahrradfahren suchen, bevor überhaupt die bunten Herbstblätter von den Bäumen fallen.

Die Welt ist auch im Supermarkt etwas verrückt. Dort sah ich am 5. September die ersten Paletten voller Zimtsterne, Lebkuchen und Pfeffernüsse. Dass es zu diesem Zeitpunkt noch 112 Tage waren, bis der Weihnachtsmann kommt, scheint den Handel nicht zu interessieren.

Früher hieß es: Die Schoko-Nikoläuse kommen erst in den Laden, wenn die Grillkohle weggeräumt werden muss. Aber die lag auch noch rum. Kein Wunder: Am 5. September zeigte das Thermometer 24,8 Grad. Definitiv kein Weihnachtsmannwetter.

Da stehen wir nun verwirrt da: Auf der einen Seite überrascht uns ein zweiter Frühling, auf der anderen Seite nervt schon das Weihnachtszeugs. Vielleicht schneit es ja demnächst. Und wenn danach kurz warm ist, blühen noch mal die Krokusse. Vielleicht stehen aber auch nächstes Jahr die Weihnachtsmänner vor den Osterhasen im Supermarkt.