Als ein aus Mahlsdorf kommender Zug einlief, stieg K. kurz vor dem Abklingeln in den ersten Wagen ein (Symbolfoto).
Foto: bpk / Bundesstiftung Aufarbeitung / Klau

BerlinEigentlich, so erzählte es Wolfgang K. seinen Stasi-Vernehmern später, habe er an diesem 27. Mai 1983 auf dem Alexanderplatz demonstrieren wollen. Mit einem großen Plakat wollte er gegen die Politik der SED-Führung protestieren, damit man ihn festnehme und in den Westen ausbürgere. „Ich habe das dann aber sein lassen, weil ich ganz einfach nicht wusste, welche Losung ich auf das Plakat schreiben soll“, sagte K. aus. Stattdessen entschied er sich für einen irrwitzigen Plan, um seinen Traum vom Leben im Westen zu verwirklichen: Er kaperte eine vollbesetzte S-Bahn und zwang die Fahrerin, im Bahnhof Friedrichstraße nicht anzuhalten, sondern einfach weiterzufahren – nach Westberlin.

Die Hintergründe des spektakulären Fluchtversuchs eines Ostberliner Müllmanns vom Prenzlauer Berg mittels einer S-Bahn waren bislang kaum bekannt. Jetzt kann man im Stasi-Archiv die Ermittlungsakten des Falls nachlesen. Sie erzählen die Geschichte eines gescheiterten jungen Mannes, der von einem besseren Leben im Westen träumte. Und sie erzählen von einem Wunder – denn K. hat seine tollkühne Aktion an jenem Maitag vor 36 Jahren ohne einen Kratzer überlebt.

Wolfgang K.: Das „Problemkind“

Wolfgang K. war 24 Jahre alt, als er sich entschloss, der verhassten DDR endlich den Rücken zu kehren. In seinem Leben hatte er bis dahin nicht viel auf die Reihe gekriegt. Als Sohn eines Bäckers und einer Spinnerin war er in Hoyerswerda aufgewachsen und entpuppte sich schon bald als „Problemkind“. Er schwänzte den Unterricht, seine schulischen Leistungen waren schlecht. Da die berufstätigen Eltern die Schulbummelei ihres Sohnes nicht verhindern konnten, schaltete sich die DDR-Jugendfürsorge ein und wies den damals 14-Jährigen 1972 in ein Kinderheim ein. In Einschätzungen über ihn aus dieser Zeit heißt es, dass es ihm an Fleiß, Energie und Willen zum Lernen mangele, er aggressiv auftrete und stets „Ausgangspunkt von Unruhen und Störungen“ sei.

Nach der achten Klasse verließ er die Schule und nahm eine Schlosserlehre auf, die er jedoch aufgrund einer Haftstrafe abbrechen musste. Es blieb nicht seine einzige, insgesamt wurde er viermal wegen Diebstahl, Rowdytum und Fahren unter Alkoholeinfluss verurteilt. Nachdem seine Eltern nach Berlin umgesiedelt waren, zog er Ende der 70er Jahre zu ihnen in eine dunkle Altbauwohnung. Fotos des Wohnzimmers der Familie in der Stasi-Akte zeigen einen vollgestellten kleinen Raum mit Couch, Tisch, einem riesigen altmodischen Holzschrank, einem Doppelstockbett und einer Schlafcouch, über der zwischen Tür und Schrank eine Wäscheleine mit Kleidungsstücken baumelt.

K. hatte eine Anstellung als Hilfsarbeiter beim VEB Stadtwirtschaft gefunden, wo er auf einem Müllwagen mitfuhr. Wenn er früh zu seiner Schicht auf dem Stadtwirtschaftshof in der Malmöer Straße in Prenzlauer Berg in Sichtweite der Mauer erschien, trennten ihn nur ein paar hundert Meter von seinem so unerreichbaren Sehnsuchtsziel Westberlin. Als die Stasi K. festgenommen hatte und ihn nach den Gründen für seine versuchte Flucht befragte, gab er an, mit den Verhältnissen in der DDR nicht einverstanden zu sein. Es gebe keine Presse- und Meinungsfreiheit, die DDR sei von der UdSSR zu abhängig und tue nur das, was der „große Bruder“ sage. Außerdem sei die Versorgungslage unzureichend. „In den Wintermonaten sieht man in unseren Geschäften doch fast gar nichts anderes außer ein paar Kohlrüben im Schaufenster der Gemüseläden liegen“, sagte K. laut Stasi-Akte in seiner Vernehmung.

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Die Vorbereitung

Bei dem jungen Briefmarkensammler und Union-Fan K. hatte sich also viel Frust aufgestaut, als er am 27. Mai 1983 nach einer durchzechten Nacht aufwachte. Er hatte an diesem Freitag arbeitsfrei. Gegen Mittag verließ er die elterliche Wohnung, kaufte sich eine Flasche „Eis-Mint“ und trank den Likör im Volkspark Friedrichshain aus. Seinen Vernehmern erzählte K., er habe in dieser knappen Stunde über sein Leben und seine Probleme nachgedacht und sei zu dem Entschluss gekommen, die DDR zu verlassen. Nachdem er den Plan mit dem Protestplakat auf dem Alex aufgegeben hatte, entschloss er sich, noch am gleichen Tag eine S-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße nach West-Berlin zu entführen.

Gegenüber den Stasi-Vernehmern schilderte K. detailliert, was dann weiter geschah: Er fuhr zurück in die Wohnung, holte sein Luftdruckgewehr aus dem Schrank und eine Vierklangfanfare, mit der er sonst zu den Heimspielen des 1. FC Union in die Alte Försterei ging. Dann begab sich er in die „Suhler Jagdhütte“ am Alexanderplatz, einem Fachgeschäft für Sportwaffen und Jagdausrüstung. Dort kaufte er 400 Diabolos, kleine Projektile aus Blei, die mit Luftdruckgewehren verschossen werden. Auf dem Alexanderplatz trank er anschließend an einem Stand noch Bier. Dann fuhr er auf den Fernsehturm, „um die Lage zu peilen“, also sich die Gleisführung der S-Bahn und die örtlichen Verhältnisse am Bahnhof Friedrichstraße aus der Vogelperspektive anzuschauen. „Es zeigte sich jedoch, dass ich aufgrund der Entfernung und des diesigen Wetters von der Grenzübergangsstelle Friedrichstraße nicht viel erkennen konnte“, sagte er laut Vernehmungsprotokoll.

Die Entführung der S-Bahn

Dennoch begab sich K. anschließend zum Bahnhof Marx-Engels-Platz (heute: Hackescher Markt). Als ein aus Mahlsdorf kommender Zug einlief, stieg er kurz vor dem Abklingeln in das leere, eigentlich Reichsbahnern vorbehaltene Dienstabteil im ersten Wagen ein. Unmittelbar nach dem Abfahren versuchte er, die Fahrertür zu öffnen, was ihm aber erst kurz vor der Friedrichstraße gelang.

Die junge Fahrerin habe dies nicht bemerkt, sagte K. aus. Er habe das Gewehr aus der Tasche geholt, es in Hüfthöhe auf die Fahrerin gehalten und gerufen: „Durchfahren nach Westberlin!“ Die Frau sei erschrocken und habe die Arme gehoben, worauf der Zug langsamer wurde. Als der Zug zum Stehen gekommen sei, habe er noch versucht, ihn wieder in Gang zu setzen. Die Fahrerin aber sagte, der Strom sei abgeschaltet. Daraufhin habe er das Seitenfenster geöffnet, mit der Fanfare geblasen und in Richtung Bahnsteig gerufen, sie sollen den Strom wieder anstellen. Plötzlich seien Grenzer vor dem Zug aufgetaucht, und er habe sein Luftdruckgewehr auf sie gerichtet. Was danach bis zu seiner Festnahme geschah, daran könne er sich nicht mehr erinnern, sagte K. noch. „Ich weiß nur noch, dass Schüsse gefallen sind.“

Tatsächlich war die Situation äußerst dramatisch. Den Ermittlungsakten der Stasi zufolge war die S-Bahn erst hinter dem Bahnsteig zum Halten gekommen, so dass die ersten drei Wagen bereits im Grenzgebiet standen. Die zwei Grenzsoldaten, die von K. mit dem Gewehr bedroht wurden, waren in Deckung gegangen und hatten über Funk die Einsatzstelle der Pass- und Kontrolleinheit (PKE) am Übergang Friedrichstraße alarmiert. Die PKE bestand ausschließlich aus Stasi-Mitarbeitern. Darunter befanden sich auch speziell ausgebildete Antiterrorkräfte, die bei einem gewaltsamen Grenzdurchbruch zum Einsatz kommen sollten.

Die Festnahme

Drei dieser PKE-Kämpfer wurden nun losgeschickt, um den S-Bahn-Entführer zu überwältigen. Am Bahnsteigende kletterten sie auf das Dach des dritten Wagens und schlichen sich nach vorn Richtung Führerstand. Dort legte sich einer von ihnen auf den Bauch und schoss mit seiner Makarow-Pistole von oben in die Frontscheibe. Dann sprang er vom Dach und feuerte von vorne noch zweimal in den Führerstand, die Kugeln blieben im Dach und im Metallrahmen der Scheibe stecken. K. und die S-Bahn-Fahrerin gingen in Deckung. Währenddessen waren die beiden anderen PKE-Kämpfer in das Wageninnere eingedrungen und überwältigten den Entführer. Verletzt wurde bei der ganzen Aktion nur die Geisel – die herumfliegenden Glassplitter der zerschossenen Scheibe hatten die 21-jährige Fahrerin aus Lichtenberg ins Auge getroffen.

In einem noch am Abend desselben Tages verfassten Stasi-Bericht heißt es, dass „durch die sofortige Einleitung von Absperrmaßnahmen … die Öffentlichkeitswirkung weitgehend eingeschränkt werden“ konnte. Vom Bahnsteig aus habe der Tatverlauf nicht verfolgt werden können. Ebenso nicht von der „Westberliner Seite“ des Bahnhofs, weil die dort „angebrachten stabilen Sichtblenden … jegliche Einsichtnahme verhindert“ hätten. Tatsächlich gab es in der folgenden Zeit keine Berichte in den westlichen Medien über den gescheiterten Fluchtversuch.

Der Prozess

Am 6. Oktober 1983 wurde K. in einem unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Prozess wegen Terrors in Tateinheit mit versuchtem ungesetzlichen Grenzübertritt im schweren Fall und versuchtem Angriff auf das Verkehrswesen zu acht Jahren Haft verurteilt. Außerdem sollte er für Reparaturen am Zug, Einnahmeverluste des ausgefallenen Fahrzeugs und die vierwöchige Krankschreibung der S-Bahn-Fahrerin einen Schadenersatz in Höhe von exakt 15 008,56 Mark leisten. Das Gericht betonte die Schwere der Tat, die „einen schwerwiegenden Eingriff in die Unverletzlichkeit der Staatsgrenze der DDR darstellt … und sich auf einem unter besonderen Bedingungen zu sichernden Terrain“ abspielte. Zudem hätten – so heißt es im Urteil – „eine Vielzahl von Bürgern im Wochenendverkehr Zugunterbrechungen, Verspätungen bzw. Schienenersatzverkehr in Kauf nehmen“ müssen – woran man als Berliner allerdings ohnehin gewöhnt war.

K. saß seine Haftstrafe in Cottbus ab. Was er erst nach seiner Festnahme erfuhr: Sein tollkühner Plan, mit einer S-Bahn nach Westberlin durchzufahren, wäre gescheitert, auch wenn die Fahrerin den Zug nicht angehalten hätte. Denn das Gleis, auf dem die S-Bahnen auf Ostberliner Seite im Bahnhof Friedrichstraße ankamen, war ein totes Gleis – ein paar hundert Meter hinter dem Bahnsteig endete es an einem Prellbock.