Der bekannte Berliner Islamist Reda Seyam lebt. Über den 55-Jährigen aus Charlottenburg, der sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anschloss, hatte es Gerüchte gegeben, er sei am 6. Dezember bei einem Luftangriff nahe der irakischen Stadt Mossul getötet worden.

„Wir bekamen jedoch bald Hinweise von Geheimdiensten, dass er lebt“, sagt ein hochrangiger Ermittler. Seyam – eine Führungsfigur der deutschen Islamistenszene – erfreut sich nicht nur bester Gesundheit, sondern machte auch Karriere in der Terrortruppe. Er ist offenbar "Bildungsminister" im IS.

Vor einigen Tagen veröffentlichte die Terrororganisation im Internet einen Film, in dem der 55-Jährige den Schullehrern im Herrschaftsbereich des Islamischen Staates den neuen Lehrplan erläutert: Vor der schwarzen Fahne der Organisation gibt Seyam den Zuhörern, die vor ihm auf dem Boden hocken, Anweisungen.

Dschihadisten vermittelt

Unter anderem sagt er, dass alles, was auf Vielgötterei und Unglauben hinweise, aus dem Lehrplan entfernt werde. Er fordert von den Lehrern, dass diese dem Terrorchef Abu Bakr al-Baghdadi, der sich selbst zum „Kalifen“ ernannt hat, die Treue schwören. Zudem müssten die Lehrer bereuen, dass sie früher unislamische Inhalte gelehrt hätten. Aufgenommen wurde der Film, der etwa 17 Minuten lang ist, und in dem auch Schüler und Lehrer gezeigt werden, wahrscheinlich in der syrischen Stadt Raqqa, wo sich das IS-Hauptquartier befindet.

Seyam ist bereits 2013 Richtung Türkei und Syrien ausgereist. Seine Frau und seine sieben Kinder ließ er in Deutschland zurück. In der türkischen Grenzstadt Reyhanli soll er eine Art Vermittlungsstelle für europäische Dschihadisten betrieben haben, die nach Syrien wollten. In Syrien betätigte er sich als Kameramann, etwa für den Fernsehsender Al Dschasira. So filmte er Dschihadisten, die Zivilisten als Geiseln gefangen hielten. Hochtrabend nennt er sich jetzt „Du-l-Qarnain“ („der mit zwei Hörnern“, auch: „der zwei Völker Beherrschende“). Dieser mythische Führer soll die vom Satan geführten Völker Gog und Magog besiegt haben. So behauptet es die Koran-Sure 18.

Der in Ägypten geborene Reda Seyam gilt für die Behörden als einer der Drahtzieher des Bombenanschlags von Bali im Jahr 2002, bei dem 202 Menschen starben. Gerichtsfeste Beweise gegen ihn fehlen bislang. Deutschlandweit bekannt wurde er, als er 2009 ein spektakuläres Urteil vor dem Berliner Kammergericht erstritt: Es erlaubte ihm, seinen Sohn Dschihad zu nennen. Das Standesamt musste dies als offiziellen Vornamen beurkunden, während Vornamen wie Flipper, Schneewittchen oder Pumuckl weiterhin nicht erlaubt sind.

Mit der Zeit gewann Seyam Einfluss in der deutschen Salafisten-Szene: Jahrelang verbreitete er in Berlin Propaganda über das „Islamische Nachrichten- und Informationszentrum Al Risalah“. Zudem stand er der As-Sahaba Moschee in Wedding vor, die nach Einschätzung des Verfassungsschutzes neben der Neuköllner Al-Nur-Moschee eine Hochburg der Salafisten ist, und wo Nachwuchs für den bewaffneten Kampf in Syrien rekrutiert wird.

Kein Märtyrertod

In der As-Sahaba-Moschee ließ sich auch der bis dahin erfolglose und vorbestrafte Gangsta-Rapper Denis Cuspert („Deso Dogg“) radikalisieren. 2012 reiste er aus Deutschland aus – zunächst nach Ägypten, dann nach Syrien, wo er sich im Frühjahr 2014 dem IS anschloss. Wegen schwerer Kriegsverbrechen sucht den 39-Jährigen inzwischen das Bundeskriminalamt. Auch die USA setzten ihn im Februar auf ihre internationale Fahndungsliste.

Die Karriere von Reda Seyam, der im Gegensatz zu dem Rapper intelligent ist, machte Deso Dogg im IS-Apparat jedoch nicht. Zwischendurch hatten seine Kumpane auch über ihn das Gerücht verbreitet, er sei beim bewaffneten Kampf den Märtyrertod gestorben und nun im Paradies. Doch auch Deso Dogg lebt möglicherweise noch immer. Sicher kann man sich jedoch nicht sein.