Berlin - Es ist keine edle Bescheidenheit, wenn in der Einleitung zu diesem Buch geschrieben steht, die großen Herausforderungen an die Islamforschung stünden erst noch bevor. Denn dieser erste Band eines auf stolze acht Teile angelegten Handkommentars zum Koran steht „einseitig in einer europäischen Tradition des Umgangs mit historischen Texten“, wie Angelika Neuwirth, Professorin für Semitistik und Arabistik an der FU Berlin, schreibt.

Erstmals wird mit diesem Kommentar zwar eine „Darstellung der theologischen Entwicklung der koranischen Verkündigung allein auf der Grundlage des Korantextes selbst“ gegeben; anders als bisherige Korankommentare arbeitet Neuwirth also das „kreativ Neue“ des Koran heraus. Aber die islamische Tradition bleibt damit unbeachtet.

Nach ihr wird der Islam nämlich als „notwendiges Resultat der prophetischen Verkündigung“ verstanden. Auch diese Tradition erkennt die pluralen Deutungsmöglichkeiten des Koran an, sie stehe jedoch, so Neuwirth, primär im „Dienst der Sorgewaltung für die Integrität des als sakral wahrgenommenen Textes“. Neuwirth betont deshalb, dass eine gleichberechtigte „Lektüre des Koran nach westlich-historischer und islamisch-rhetorischer Tradition“ erst eine Islamforschung der Zukunft leisten könne.

Für die Gegenwart gelte zunächst, den Koran konsequent als „Spiegel eines Kommunikationsprozesses mit bis zum Schluss offenem Ende erkennbar“ zu machen. Er erscheint damit als „Mitschrift einer Verkündigung“, nicht als „Sieg“ einer neuen religiösen Bewegung. Deshalb ist auch die überlieferte Anordnung der Suren, der Koranabschnitte, nicht mehr verbindlich. Sie sind vielmehr auseinander herausgewachsen, dokumentieren demnach „jeweils neue Etappen einer Verkündigung, die etwas bereits Mitgeteiltes entfalten“.

Die zwei Gesichter des Koran

Die ältesten, frühmekkanischen Suren, denen sich dieser erste Band widmet, sind vornehmlich poetische Texte. Wie die Psalter in der jüdischen und christlichen Tradition bildet sich in ihnen das intime Zwiegespräch des Verkünders mit seinem Gott ab. Sie sind also, wie Neuwirth hervorhebt, „ideal für Gebets- und Meditationskontexte“. Deshalb ist diese Surengruppe bis heute auch außerhalb des Gesamtkoran im Umlauf. An ihnen ist aber auch bestens zu studieren, wie der Verkünder in Auseinandersetzung mit seinen Hörern ein neues Gottes-, Menschen- und Weltbild entwickelt.

Es ist genau diese historische Dimension, die in der Rezeption immer mehr aus dem Blickfeld geriet und Neuwirth jetzt sehr detailliert und sehr präzise (wieder) herausarbeitet. Zu jeder Sure gibt es einen kursorischen Verskommentar, eine entwicklungsgeschichtliche Einordnung und Deutung samt bibliographischen Einzelhinweisen und Erörterungen zur Verskomposition.

Der Kommentar löst so in hervorragende Weise ein, was Neuwirth in ihrem 2010 erschienen Einleitungsband zu diesem Kommentarvorhaben nur behaupten konnte: dass der Koran das „Dokument einer Gemeindebildung inmitten einer christlich-jüdisch-synkretistisch geprägten Debattenlandschaft“, dass er Ausdruck der spätantiken „Verwobenheit der Religionskulturen“ ist. Und dass er „zwei Gesichter“ hat: Er ist der Gründungstext des Islam und ein „am Herausbilden des späteren Europa beteiligter und damit orientalisch-europäischer Text“. Dieser Kommentar ist damit, ganz unbescheiden, eine wissenschaftliche Großtat. Die Forschung der Zukunft wird an ihm nicht vorbeikommen.