Islam in Neukölln und Schöneberg: Wie Muslime nach Charlie Hebdo in Berlin leben

Berlin - Zwei Tage, nachdem Angela Merkel erklärt hat, dass der Islam zu Deutschland gehört, führen Schüler der 9. Klassen des Ernst-Abbe-Gymnasiums in Berlin-Neukölln ein Theaterstück auf. Nicht irgendein Stück, es sind die „Nibelungen“. Die Aula des ziegelroten Gebäudes an der Sonnenallee ist am „Tag der offenen Tür“ voll besetzt. Mitschüler sind gekommen, Geschwister, Freunde, Lehrer, Eltern, deren Kinder dort zur Schule gehen, und solche, die sich hier erst mal umsehen wollen. Die Vorstellung soll ein Höhepunkt des Abends werden. Jeder im Saal ist aufgeregt, die Leiterin des Theaterprojektes hat wirklich alle Hände voll zu tun, ihr Ensemble einigermaßen zusammenzuhalten. Den Text des „Nibelungenliedes“ haben sie ein wenig den örtlichen Gegebenheiten angepasst, wie man an diesem kleinen Rap bemerken kann, Siegfrieds Auftrittslied:

Er kam hungrig in die Stadt und sah den Dönerbudenstand. Er bestellte sich’n Döner, doch die Kriemhild fand er schöner. Wer kam da denn eben rein? Wer kann das bloß sein ? Es war der Dragonman!

Und dann spielen sie die Geschichte vom Drachentöter Siegfried, das deutsche Nationalepos schlechthin. Es geht um Machos im Nibelungenklub, um den Kampf auf der Straße, den Zusammenhalt der Geschwister. Die jungen Schauspieler heißen Denis, Emircan, Hassan, Hevi, Hilal, Jordan, Ogün, Rakip oder Riham. Die Mädchen tragen Hijab oder nicht, die Jungen Kapuzenshirt. Sie wechseln sich in den Hauptrollen ab, damit jeder mal ein bisschen Ruhm genießen darf. In einer Szene wechseln sie auch die Geschlechterrollen, spielen mit Klischees.

Ein Mädchen streift sich Siegfrieds Jacke über, ein Junge tritt mit Kriemhilds Minirock auf, was das Publikum ziemlich amüsiert. Auch dort tragen viele ein Kopftuch, was bei Kindern, die älter als vierzehn sind, in der Schule gestattet ist. Die Vorführung wird ein voller Erfolg, selbst wenn längst nicht jeder Auftritt klappt. Die Nibelungen mit Migrationshintergrund, das ist nicht der Untergang des Abendlandes, sondern ein Blick in die deutsche Gegenwart, wo längst Alltag ist, was auf manch anderer Bühne in diesem Land noch proklamiert, diskutiert oder auch diffamiert wird.

Ein geschützter Raum

Das Ernst-Abbe-Gymnasium ist eine Art Labor für das Zusammenleben der Kulturen, Religionen und Nationalitäten, ein geschützter Raum. Es gibt andere Erfahrungen an anderen Schulen. Aber selbst hier wird in diesen Tagen über Pegida und die Angst vor dem Islam gesprochen. „Es geht darum, dass man sich nicht provozieren lassen soll, um denen nicht auch noch recht zu geben“, sagt ein Junge aus der 12. Klasse, dessen Familie aus der Türkei stammt. In einem Referat hat er sich vor Kurzem mit dem problematischen Einfluss Erdogans auf die türkische Demokratie auseinandergesetzt. Nach dem Abitur will er Kriminalkommissar werden. Wenn er hört, dass es Menschen gibt, die sich vor einem wie ihm fürchten, findet er das absurd.

Terroristen, Islamisten, Salafisten, Boko Haram und Islamischer Staat. Pegida, Legida, Abendlandretter – fast jeden Tag besteht die Hälfte der „Tagesschau“ aus Meldungen, die tatsächlich zum Fürchten sind. Diese Nachrichtenlage dürfte mit dazu beitragen, dass inzwischen 57 Prozent der Bevölkerung in Deutschland den Islam für bedrohlich halten. Ein noch höherer Anteil der Menschen ist der Ansicht, dass der Islam nicht in die westliche Welt passe. Nach einer Bertelsmann-Studie hat die Ablehnung des Islams in den letzten zwei Jahren noch deutlich zugenommen.

Und was hat das alles mit den muslimischen Leuten, sagen wir, in Neukölln und Schöneberg, zu tun, die zum Teil seit Generationen in Berlin leben? Wir haben dort nach Meinungen geforscht, relativ spontan und absolut unwissenschaftlich. Deshalb kann das Ergebnis auch nicht repräsentativ sein, interessant ist es aber schon.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm zum Freitagsgebet über die Anschläge auf Charlie Hebdo diskutiert wird.