Auf der Anklagebank wirken die beiden Jungs, als würden sie jeder Oma die Tasche tragen. Sie wirken ein bisschen naiv, aber nett und vor allem friedlich. Doch die beiden 21-Jährigen Mohamed El-N. und Ali El-I. sind angeklagt wegen „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“.

Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihnen vor, zwischen Dezember 2014 und Juli dieses Jahres einen Anschlag auf die israelische Botschaft oder eine andere israelische Einrichtung geplant zu haben. Am Dienstag wurde im Berliner Landgericht gegen sie der Prozess eröffnet.

Laut Anklage hatten sich die beiden mindestens 45 Platzpatronen und Vogelschreckmunition beschafft. Sie sollen die Geschosse auseinandergenommen und den Inhalt in einen etwa zehn Zentimeter langen „zylindrischen Gegenstand unbekannter Herkunft“ mit einem Durchmesser von rund fünf Zentimetern gefüllt und mit Klebeband abgedichtet haben.

Inspiriert vom Anschlag in Tunesien

Ali El-I. habe eine radikal-islamistische Gesinnung angenommen, er billigte die Gewalttaten des „Islamischen Staates“ (IS) und sei vom Anschlag eines Einzeltäters auf ein tunesisches Touristenhotel im Juni derart fasziniert gewesen, dass er sich selbst als künftigen Täter sah, sagt die Staatsanwältin. Ali El-I. sei fest entschlossen gewesen, den Sprengkörper für einen Anschlag auf die israelische Botschaft oder einer anderen Einrichtung des Landes zu nutzen, wobei er von Todesopfern ausgegangen sei.

Auf seinem Handy fand die Polizei IS-Propaganda. Ein Zeuge, der die beiden über ihr Vorhaben prahlen hörte, ging zur Polizei. Er will auch die Bombe gesehen haben. Auf dieser Aussage beruht die Anklage. Im Juli wurden Mohamed und Ali verhaftet. Sie lebten in einem Heim für junge Wohnungslose in Gesundbrunnen.

Einen Sprengsatz fand die Polizei bei ihnen nicht, aber Schreckschusswaffen, verbotene Messer, einen Baseballschläger – und Schreckschussmunition. Es gibt Hinweise, dass sie mit Sprengstoff hantierten. Eine Chemikerin des LKA sagt vor Gericht, dass in den Kleidungsstücken der beiden Spuren von Kaliumperchlorat und Aluminium hafteten, die es so nur in Pyrotechnik gebe. Auch am beschlagnahmten Klebeband war Kaliumperchlorat. Die Angeklagten behaupten, keine Bombe gebaut, sondern nur mit einer Kondensmilchdose und ein paar Patronen hantiert zu haben.

Geiseln in den Kopf schießen

Gut möglich, dass der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck keine entschlossenen Dschihadisten vor sich hat, sondern eher Maulhelden. Dennoch dürften Mohamed und Ali zur Zielgruppe gehören, auf die es die Propagandisten des IS abgesehen haben.

Beide sind in Berlin geboren. Mohamed ist deutscher Staatsbürger, Alis Staatsangehörigkeit ist ungeklärt; er kommt aus einer palästinensischen Familie. Während Mohamed in einer Bäckerei jobbte, verbrachte Ali die Zeit mit Kiffen und Spielen auf der Playstation. Sie kannten sich nur zwei Monate, und all zu gute Freunde sind sie wohl nicht. „Ich merkte, er hatte radikales Gedankengut, wollte mich vom IS überzeugen“, sagt Mohamed über Ali. Er habe gesagt, dass Selbstmordattentäter nach ihrem Tod ein Lächeln im Gesicht haben. „Er hat auch von Geiselnahmen in Schulen erzählt und dass er Geiseln in den Kopf schießen wolle. Ich konnte das aber nicht ernst nehmen. Ich schätze, dass er nur die Aufmerksamkeit der Anderen braucht.“

Der Richter kommt auf die Bombe zu sprechen: „Hatten Sie die Bauanleitung, aus dem Internet?“ „Nein, mein großer Bruder hat mit mir schon aus zwei Ladungen eine gemacht – Zündschnur rein, das ist ganz normal.“

Vorwürfe zurückgewiesen

Ali sagt, Mohamed habe ihn auf die Idee gebracht, den Inhalt der Patronen umzufüllen. Sein Verteidiger verliest seine Aussage: „Als ich vom Terror in Paris hörte, war ich schockiert.“ Ali räumt ein, dass er einen Sprengsatz bastelte. Aber den Vorwurf, einen Anschlag gegen israelische Einrichtungen geplant und Todesopfer in Kauf genommen zu haben, weist er strikt zurück. Der Knaller sollte angeblich im Wald hochgehen.

Er spricht von Fehlern, die der Westen mache. Der IS habe auf ihn eine gewisse Faszination ausgeübt. Er habe aber gemerkt, „dass der IS eine Verbrecherorganisation ist.“ In der von seinem Anwalt ausgearbeiteten Erklärung verwendet Ali, der nicht sehr gut Deutsch spricht, wohlgesetzte Worte: Seine Beschäftigung mit dem IS sei von einer „gewissen Ambivalenz“ geprägt. „Ich war perspektivlos. Wir waren bekifft, haben mindestens fünf Joints am Tag geraucht, manchmal 10 bis 15. „Wir wollten was krasses erleben, es war eine fixe Idee.“ Er bezeichnet es als seinen Charakterzug, dass er sich schnell für etwas begeistere und dann davon wieder ablasse.

Am Freitag soll der Zeuge angehört werden, der die Bombe gesehen haben will.