Berlin - Zwei Frauen bleiben am Schaufenster, das wirkt wie das eines stinknormalen Spätis in Kreuzberg, voller Getränke und Snacks. Erst auf den zweiten Blick bemerken sie, dass keines der aufgestellten Produkte echt ist. Die bunten Imitate tragen Namen wie „Macho“-Chips, „Alles für die Katz“-Streu oder „Punk“- Zwieback. Die Passantinnen müssen lachen, vor dem Kunst-Späti in der Oranienstraße 188.

Drinnen steht Silke Thoss und sagt: „Das hier ist der Silky-Späti. Ich bin Silky und das ist mein Späti aus Pappmaché.“ Die bildende Künstlerin stellt in dem Kunst-Raum „Salon 36“ ihre Werke aus und unterstützt mit den Erlösen auch das benachbarte SO36, das legendäre Kreuzberger Konzerthaus.

„Ich wusste, dass es diese Galerie gibt, die man mieten kann, und dachte: Es haben so viele Spätis aufgemacht, ich mache jetzt auch einen Späti.“ Stolz zeigt die farbenfrohe 52-Jährige mit roter Kappe und weißem Overall ihre Exponate: Frühstücksflocken namens „Queerios“, „Feminist“-Pralinen oder „Black Lives Matter“-Milch. Alle Kunstwerke sind aus Zeitungspapier, Kleister und Farbe. Sie tragen Botschaften, einige ironisch, andere ernst, gegen Homophobie, Sexismus oder Rassismus. Auch verstorbene Künstler wie Little Richard werden geehrt.

„Hier sprechen die Produkte, sie haben alle eine Nachricht“, erklärt Thoss und präsentiert zum Beispiel „Rotzkotz“-Kekse, deren Name an eine Punkband erinnert. „Ich habe mich von der Geschichte des SO 36 inspirieren lassen, zu dem die Galerie auch gehört.“ So sind auch Snacks und Getränke nach David Bowie oder Iggy Pop benannt, die angeblich zu den ersten Besuchern der 1978 eröffneten Konzerthalle gehörten.

Immer wieder bleiben Passanten in der trotz Corona belebten Oranienstraße stehen und schauen verwundert. Denn direkt rechts und links vom Kunstraum befinden sich echte Spätkaufläden mit wahren Waren. „Es sieht so aus, als ob es echt wäre, ist es aber nicht“, erklärt die Künstlerin. „Damit spiele ich ganz gerne, die Realität zu imitieren.“

Die Kunstwerke stehen als Bierflaschen in Kühlschränken, liegen als Schokoriegel in der Auslage oder als Knabberzeug im Regal. Der Stil der über 100 Exponate erinnert in seiner bunten Werblichkeit an Pop Art. „Ich beschäftige mich als Künstlerin viel mit Werbung, das ist mein Thema“, sagt Thoss, die vor Berlin schon in Bremen, London und Hamburg lebte. „Die Werbewelt verspricht irgendetwas, und wir kaufen das einfach. Das ist manchmal total irre, was da versprochen wird. Damit spiele ich auch.“

Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann
Sixpack wie Iggy Pop: ein beliebtes Exponat im Kunst-Späti.

Ihre Arbeiten sind vor einem halbem Jahr im ersten Lockdown entstanden, sozusagen das Tagebuch einer Corona-Zeit. Sie waren teils schon als Ausstellung im Holzmarkt zu sehen, der ein Arbeitsstipendium vergab. „Ich wollte aber auf keinen Fall, dass das Wort Corona vorkommt“, sagt Thoss, und doch lassen Schokoriegelnamen wie „Risk“ (Risiko), „Shock“ (Schock) oder „Freedom“ (Freiheit) Rückschlüsse auf die Pandemie zu. 

Ohnehin scheint der bunte Kunst-Späti besonders gut in die triste Lockdown-Zeit zu passen. „Ich habe am 1. Dezember aufgemacht, da wurde es Winter und dunkel, alle waren müde“, sagt Thoss. „Dann kamen die Leute her, haben sich gefreut und gesagt: Das passt perfekt gegen diese miese Stimmung.“

Für Irritation sorgen weniger die falschen Produkte als die aufgerufenen Preise zwischen 25 und 90 Euro pro Einzelstück. „Manche fragen mich: Warum ist das denn so teuer?“, berichtet Thoss. 

Die Exponate können online gekauft werden, der Erlös kommt nicht nur der Künstlerin und über die Miete dem SO36 zugute. Die Künstlerin unterstützte den durch den Lockdown bedrohten Musik-Club auch direkt.

Bands wie Die Ärzte signierten die Kunstwerke

„Ich hatte Kisten und Koffer mit speziellen Produkten hergestellt, die Bands signiert haben, die im SO36 gespielt und einen Bezug dazu haben.“ Dazu gehörten bekannte Künstler wie Die Ärzte, Fehlfarben, Oma Hans, der wahre Heino oder Stereo Total. Bis zum 20. Dezember waren die Werke bei Ebay zu ersteigern. Es kamen 1600 Euro zusammen, die ans SO36 gingen.

Dennoch schienen nicht alle Passanten angetan von dem neuen Kunst-Späti in der Nachbarschaft. „Der Späti wurde schon mehrmals von komischen Gestalten von außen abgecheckt, die wissen wollten: Was ist das hier?“, berichtet Thoss. „Die kamen aber nicht rein. Wenn Touristen da sind, sind Spätis normalerweise ein gutes Geschäft.“ Auf sie wirke das Milieu organisiert. Also Späti-Mafia? „Ich kann es nicht beweisen, das ist nur eine Vermutung“, sagt Thoss.

Der Kunst-Späti durfte bleiben und wird wohl noch bis mindestens Ende Januar die Passanten verunsichern nach dem Motto: Ist das Kunst oder kann das Wegbier?