Rot-Weiß gegen Rot-Weiß: Ist Fußball wirklich nur noch der reine Kommerz?

Die Frage stellte sich unser Autor, der fast gar keine Ahnung von Fußball hat. Er besuchte in Berlin einfach mal ein Spiel in der vierten Liga.

Einträchtig in Rot-Weiß: Links die Fans von Energie Cottbus und rechts die Lichtenberg-Fans mit dem 47er-Aufdruck.
Einträchtig in Rot-Weiß: Links die Fans von Energie Cottbus und rechts die Lichtenberg-Fans mit dem 47er-Aufdruck.Berliner Zeitung/Jens Blankennagel

Berlin-Fußball ist doch nur noch Kommerz oder was für Hardcore-Fans. Das ist ständig zu hören. Beim Fußball gehe es nur noch um Millionen, um teure TV-Rechte, um Superstars. Der gute alte Sport der Arbeiterklasse sei zum Luxusgut verkommen, die einfachen Fans können sich einen regelmäßigen Stadionbesuch gar nicht mehr leisten.

So weit die Theorie, nun die Realität: ein Besuch bei Lichtenberg 47 oder L47. Nicht irgendeine Mannschaft, zu DDR-Zeiten immerhin achtmal Berliner Meister im Osten und 2001 auch Gesamtberliner Meister. Früher auch mal sechste Liga, nun aber vierte Liga und dort eines der ganz wenigen Amateurteams. Das meiste hier passiert ehrenamtlich, und die Spielerfrauen backen am letzten Spieltag auch mal Kuchen für die Fans.

An diesem Nachmittag ist der FC Energie Cottbus zu Besuch. Das Schöne daran: Die Vereinsfarben beider Vereine sind Rot-Weiß. Im kleinen Stadion sind 1596 Fans, und wir sitzen im Block der Lichtenberger. Mitgenommen hat uns ein Cottbuser Cottbus-Fan, der seit Jahren in Berlin lebt. Wir haben für unsere zwölf Euro Eintritt perfekte Plätze. Erste Reihe.

Ein Fest der guten Unterhaltung

Wir haben keine Ahnung vom Fußball, aber das Spiel wird für uns ein Fest der guten Unterhaltung: Links der Cottbus-Fan, der sich über jede verschenkte Chance seiner haushohen Favoriten ärgert. Rechts ein alter Mann mit Krückstock: weißhaarig, Sonnenbrille, waschechter L47-Fan, der jede Aktion im Sinne seiner Mannschaft kommentiert. Mit subtilem Berliner Humor: Als genau vor ihm ein Cottbuser zwei Lichtenberger ausdribbelt, ruft er: „Ganz ruhig Jungs, der kann genauso wenig wie ihr.“ Als ein Cottbuser foult, fordert er Rot, und als der eigene Torwart einen Kullerschuss der Gegner hoch konzentriert annimmt und den Ball lange umklammert, als hätte er einen unhaltbaren Freistoß von Ronaldo aus der Luft gefischt, ruft der Mann: „Weltklasse, der Mann, absolute Weltklasse.“

Die Cottbus-Fans machen Lärm und Alarm. Die ganze Zeit. Trommeln, Gesänge, Fahnen. Die L47-Fans sitzen in der Sonne, beklatschen jede gute Aktion ihres Teams und genießen die Bratwurst für drei Euro und das Bier für 3,50 Euro. Laut Statistik sind die Bayern mit 5,50 Euro auch bei den Bierpreisen ganz vorn.

Das Spiel endet 0:0. Das ist quasi ein Sieg für L47, denn Cottbus war mal erste Liga. Obwohl seine Mannschaft nicht gesiegt hat, sagt unser Cottbus-Fan: „Was für ein wunderbarer Tag. Gutes Wetter, gute Bratwurst, dazu ein Bier mit Freunden. Was will man mehr?“ Als wir zum Ausgang kommen, gehen vor uns lauter Leute in Rot-Weiß und plaudern. Links ein Mann in Cottbus-Rot-Weiß, rechts ein Vater mit Sohn in L47-Rot-Weiß.