Berlin - Es gibt dieses spöttische Zitat von Reichskanzler Otto von Bismarck aus dem späten 19. Jahrhundert, der sagte: „Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.“ Heute würde Bismarck vielleicht einfach in Berlin bleiben.

Zumindest ist die IT-Infrastruktur in der hiesigen Verwaltung so antiquiert, dass man sich im Falle einer Apokalypse beste Überlebenschancen ausrechnen darf. An diesem Dienstag stellt Microsoft den Support für sein 2001 eingeführtes Betriebssystem Windows XP ein. Damit gibt es keine Sicherheits-Updates mehr, Hacker haben leichtes Spiel. Doch Berliner Behörden haben den lange angekündigten Stichtag verpasst. Mehr als 30.000 Rechner arbeiten über den 8. April hinaus mit dem veralteten System.

Zwar befindet sich die Berliner Verwaltung in guter Gesellschaft. 400 Millionen Rechner weltweit laufen noch mit Windows XP, in Deutschland ist es vermutlich jeder achte, selbst in Unternehmen verwenden nach Schätzungen von Microsoft noch mehr als zehn Millionen Rechner das Betriebssystem. Doch im Unterschied zu privaten Firmen verfügt die öffentliche Verwaltung über sensible Daten ihrer Bürger – entsprechend sollte eigentlich sichergestellt sein, dass ihre Computer so gut wie nur möglich geschützt sind. Doch um das zu gewährleisten, ist viel Koordinationsarbeit nötig, und daran ist die Verwaltung in diesem Fall gescheitert.

Will man herausfinden, wie es dazu kommen konnte, kann man beispielsweise Jana Borkamp fragen. Die Grünen-Politikerin ist Finanzstadträtin in Friedrichshain-Kreuzberg und damit zuständig für die IT-Infrastruktur des Bezirks. Auf ihrem eigenen Rechner ist noch Windows XP installiert, auf fast allen anderen in den Ämtern des Bezirks auch. „Bis Ende 2014 dauert die Umstellung auf jeden Fall“, sagt Borkamp. Zwei Probleme hat die Stadträtin. Zum einen umfasst die IT-Abteilung des Bezirks gerade mal sechs Mitarbeiter, sie sind zuständig für mehr rund 1500 Computerarbeitsplätze. Zum anderen wäre es zwar theoretisch möglich und nicht mal teuer, auf jedem Rechner ein zeitgemäßes Betriebssystem zu installieren – etwa Windows 7.

Die Verwaltung frickelt

Doch etliche Programme in der Verwaltung laufen ausschließlich auf Windows XP. Borkamp kann diese Software auch nicht einfach ersetzen, das können nur die zuständigen Senatsverwaltungen. Aus ihrer Sicht hätte die für IT-Fragen zuständige Innenverwaltung viel früher eine Arbeitsgruppe einsetzen müssen, um die Umstellung vorzubereiten. „Das Datum war bekannt. Aber welcher Rattenschwanz von Problemen daran hängt, wurde nicht wahrgenommen“, sagt sie. Erst im vorigen Sommer erfasste der Senat, welche Verwaltungssoftware mit Windows 7 kompatibel ist, da war es längst zu spät, um noch rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen.

Nun tut die Berliner Verwaltung das, was sie in langen Jahren der Mangelwirtschaft gelernt hat: Sie frickelt. Das IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) Berlin hat Ende März mit Microsoft ein „temporäres Notfallpaket“ verhandelt, das den Support bis 2015 sicherstellt. Die Kosten liegen pro Behörde nach Angaben des ITDZ im niedrigen fünfstelligen Bereich.

Allerdings gilt das zunächst nur für jene Ämter, deren Rechner vom ITDZ betreut werden – und das sind die wenigsten. Alle anderen können sich an dem Abkommen beteiligen. Weil das Angebot erst Ende März stand, konnten sie es jedoch noch nicht prüfen.

Prinzip Hoffnung

Also gilt bis auf Weiteres das Prinzip Hoffnung. In der ersten Zeit seien noch keine großen Attacken zu erwarten, meint Bert Kormann, E-Government-Beauftragter beim Landesamt für Gesundheit und Soziales. Und auch danach seien die Rechner nicht schutzlos.

Die Behörden sind über das Berliner Landesnetz mit dem Internet verbunden, das vom ITDZ betreut wird. „Das ist ein gut gesichertes System“, sagt Kormann. Zudem gebe es restriktive Leitlinien für die Mitarbeiter, was den Umgang mit E-Mails und die Verwendung des Internets angeht.

Ob diese Vorkehrungen ausreichen, da hat der Piraten-Abgeordnete Simon Weiß allerdings Zweifel: „Das Landesnetz ist geschützt, aber es gibt immer noch Angriffsmöglichkeiten. Und ich würde mich nicht darauf verlassen, dass sich jeder Mitarbeiter der Verwaltung an die Sicherheitsrichtlinien hält.“ Für Weiß steht außer Frage, dass die Berliner Behörden künftig in IT-Fragen enger zusammenarbeiten müssen. „Es muss mehr zentrale Steuerung geben“, sagt er. Vielleicht machen sich die Zuständigen darüber ja irgendwann mal Gedanken. Erstmal dürften sie mit der Windows-Umstellung aber alle Hände voll zu tun haben.