Auch der Suche: Mitarbeiter der Forstwirtschaft und Jäger suchen nach toten Wildschweinen in der Nähe von Schenkendöbern. Dort wurde das erste Wildschwein gefunden, das an der Afrikanischen Schweinepest gestorben ist.
Foto: dpa/Fabian Sommer

BerlinIn Polen grassiert die Afrikanische Schweinepest (ASP) seit Monaten. Um zu verhindern, dass infizierte Wildschweine nach Deutschland kommen, wurde an der Grenze ein flacher Zaun gebaut. Doch der ist sehr lückenhaft, und so wurde am 10. September in Ostbrandenburg das erste Wildschwein in Deutschland gefunden, das an der tödlichen Tierseuche verendet ist. Rings um den Fundort wurde eine Sicherheitszone eingerichtet. Dort wurden inzwischen 20 ASP-Fälle nachgewiesen. Nach weiteren toten Schweinen wird mit Drohnen gesucht, aber auch mit Spürhunden und mit Wärmebildkameras an Hubschraubern. Dirk-Henner Wellershoff beklagt als Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg, dass einige Schutzmaßnahmen erst viel zu spät ergriffen wurden.

Berliner Zeitung: Bereits im Frühjahr 2019 haben Sie gesagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Afrikanische Schweinepest in Deutschland ist. Nun ist es soweit. Waren Sie überrascht, oder dachten Sie, dass die mobilen Zäune an der Grenze helfen?

Dirk-Henner Wellershoff: Wir sind nicht überrascht, dass die Schweinpest nun bei uns eingeschleppt wurde. Wir haben uns die Zäune angeschaut. Solche mobilen Weidezäune halten einiges ab, aber nicht jedes Wildschwein. Weil in Polen die ASP schon länger grassiert, wollte Deutschland einen festen Zaun auf der polnischen Seite der Grenze finanzieren. Doch das hat Polen abgelehnt. Das ist sehr bedauerlich. Sehr bedauerlich ist es aber auch, dass es danach nicht geklappt hat, auf der deutschen Seite einen stabilen Zaun zu bauen.

Wo liegt da die Verantwortung?

Beim Bund und den Grenzländern, also in Berlin und auch in Potsdam. Es gab den Vorschlag vom zuständigen Friedrich-Loeffler-Institut, in Deutschland einen Zaun zu bauen, von der Ostsee bis Sachsen, ein Stück im Landesinneren, entlang der Bahnstrecken. Doch das ist im Wesentlichen daran gescheitert, weil sich Bund und Länder nicht einigen konnten wegen der Finanzierung und wegen Eigentumsfragen. Nun haben wir die Schweinpest bei uns.

In der Schutzzone um die Fundorte der toten Tiere wird nun die Tierseuche bekämpft. Reicht das?

Nein. Wir brauchen weiterhin einen festen Zaun entlang der deutsch-polnischen Grenze, entlang von Oder und Neiße. Das ist wirklich wichtig. Denn selbst wenn wir das Problem bei uns in den betroffenen Gebieten in den Griff bekommen, kann am nächsten Tag ein infizierten Wildschein aus Polen über die Grenze kommen. Auch entlang der Autobahnen in Ostbrandenburg müssen die vorhandenen Zäune durch Elektrozäune ergänzt werden, auch müssen vorerst die Wildbrücken über die Autobahnen gesperrt werden.

Dirk-Henner Wellershoff, Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg.
Foto: Berliner Zeitung/Jens Blankennagel

In der sogenannten Kernzone um die Fundstellen wird nun massiv nach anderen toten Tieren gesucht. Was muss dort geschehen?

Um die Kernzonen muss ein fester Zaun gebaut werden. Das Gebiet muss hermetisch abgeriegelt werden, und dort müssen alle Schweine geschossen werden. Doch wir Jäger fragen uns: Was passiert in den riesigen benachbarten Gebieten wie der Lieberoser Heide. Dort ruht die Jagd, weil es Naturschutzgebiete sind. Wir fordern, dass dort verstärkt bejagt wird. Es kann doch nicht sein, dass wir Jäger seit Monaten in Ostbrandenburg mehr jagen sollen und dann riesige Schutzgebiete ausgenommen sind. Das ist absurd.

Sehen Sie irgendwelche Versäumnisse in der Vorbereitung auf ASP?

Selbstverständlich. Der Zaunbau funktioniert nicht richtig. Die Kommunikation zu den Jäger und Landwirten funktioniert nicht richtig. Wir brauchen einen Krisenstab, in dem eine Person den Hut auf hat und der zentral mit seinem Stab einen Schlachtplan erarbeitet und umsetzt. Der Stab darf nicht in Potsdam sitzen, sondern vor Ort. Die Verantwortlichen müssen die Gebietskulisse kennen, müssen vor Ort die Trupps organisieren, die nach toten Schweinen suchen. Da sind wir als Jäger noch gar nicht involviert.

Was fordern Sie noch?

Wenn wir verstärkt jagen sollen, muss geklärt werden, wo wir die geschossenen Tiere lassen. Die Verwertung und Weiterverarbeitung muss also geklärt werden. Das jetzt betroffene Gebiet ist so groß wie das Saarland. Da müssen zentrale Sammelstellen und Aufkaufstationen bei den Forstämtern eingerichtet werden. Außerdem sollen alle Jäger bei einem Wildschweinkontakt ihre Kleidung, ihr Fahrzeug, ihre Hunde desinfizieren. Aber wie? Das ist unklar. Reicht es, mit dem Wagen durch die Autowaschanlage zu fahren, oder müssen wir das Auto mit Alkohol reinigen. Da müssen zentrale Desinfektionsstellen eingerichtet werden.

Jede Kernzone um eine Fundstelle hat einen Radius von drei Kilometern. Wie viele Schweine leben in einem solchen Gebiet ungefähr?

Das kann niemand sagen: Es gibt ja jetzt immer mehr Fundstellen und damit mehrere Kernzonen. Ringsum ist eine viel größere Pufferzone, die inzwischen fast von Cottbus bis Frankfurt (Oder) reicht. Da reden wir über tausende Schweine.

Wölfe wandern ja an einem Tag dutzende Kilometer. Wie ortstreu sind Wildschweine?

Die wandern nicht wahnsinnig weit. Wenn sie sich erst einmal in ein Maisfeld eingeschoben haben und dort nicht gestört werden, verlassen sie das Feld auch nicht. Aber nun ist die Maisernte in vollem Gange, jedenfalls dort, wo sie noch erlaubt ist. Da wird den Wildschweinen das Wohnzimmer abgehäckselt – und sie ziehen weiter. Manche auch viele Kilometer.

Wie viele Wildschweine leben in Brandenburg und wie realistisch ist es, mehr zu schießen, um die Ausbreitung der ASP zu drosseln?

Es gibt nur Vermutungen über den Gesamtbestand, geschossen wurden im letzten Jagdjahr etwa 100.000 Wildschweine. Wenn da 40.000 übrig bleiben, sind die Hälfte Weibchen, die im Schnitt fünf Junge bekommen. Das macht pro Jahr 100.000 Jungtiere, die zum Gesamtbestand dazu kommen. Es ist vollkommen unrealistisch, alle zu erlegen. Wir tun schon alles, um die allseits beklagten sehr hohen Bestände zu minimieren.

Wie viele Schweine haben Sie persönlich pro Jahr erlegt?

In diesem Jahr 40 Wildschweine, weil das von uns gefordert wurde als Vorsorge gegen ASP und weil wir wegen Corona auch mehr Zeit hatten.

Wann haben Sie Ihr letztes Schwein geschossen und wie lange dauert die Jagd mit allem drum und dran?

Vor mehr als einer Woche. Alles zusammen dauert es etwa 24 Stunden, bis das Fleisch küchenfertig in der Kühltruhe liegt. Denn die Zerlegebetriebe nehmen nichts mehr an, und wir Jäger müssen alles selbst zu Hause machen.