Vom „Wahnsinnswinter“ sprach die Bildzeitung, der Spiegel berichtete ausführlich über den Energienotstand in Frankreich und Bayern, über abgeschnittene Dörfer in Griechenland, geschlossene Flughäfen in Norditalien und machte sich Gedanken über die Anfälligkeit der technisierten Gesellschaft, wenn es mal sehr kalt wird. Am 10. Januar 1987 hatte die eingeflossene, bodennahe eisige Luft die Temperaturen in weiten Teilen Europas stürzen lassen. Nachdem der westeuropäische Kälterekord im Schweizer Jura mit minus 41,8 Grad Celsius gebrochen war, scherzte ein Radiosender, die Leute würden in die Tiefkühltruhen flüchten – dort herrsche mit minus 18 Grad wohlige Wärme.

So gelassen fielen die Schlagzeilen der DDR-Presse nicht aus. In der Nacht vom 13. zum 14. Januar 1987 registrierte Berlin die kälteste Januarnacht des Jahrhunderts, das ja schon etliche wirklich harte Eiswinter gebracht hatte (1940, 1978/79). Schönefeld meldete minus 25 Grad, Kamenz (Lausitz) minus 30 Grad. Sechs Tage lang, vom 10. bis zum 15. Januar stiegen die Tagestemperaturen vielerorts nicht über minus 20 Grad. Das war zu viel für die DDR.

Nasse Kohle, festgefroren

Die Schlagzeile des Neuen Deutschland auf Seite 1 vom 15. Januar machte in all ihrer Umständlichkeit die katastrophale Lage klar: „Großer Einsatz zur Meisterung der Situation, die durch ungewöhnlich große Kälte entstanden ist“. Der Text spricht von „außerordentlich komplizierten Bedingungen“. Kohlekumpel, unterstützt von der Nationalen Volksarmee und Polizeibereitschaften stünden „in aufopferungsvollem Kampf“ zur Versorgung der Bevölkerung und der Volkswirtschaft. „Dennoch konnten Störungen und Ausfälle nicht verhindert werden.“ Die Aktuelle Kamera berichtet am 16. Januar vom „Kampf gegen Schnee und Kälte“.

Im Binnenland war es bis zum 14. Januar noch windschwach gewesen, was Smogbildung begünstigte. Zuerst im Norden, dann auch in anderen Landesteilen kam dann ein Nordostwind mit Spitzen von über 90 km/h auf, der bis zu vier Meter hohe Schneeverwehungen aufbaute. Straßen mussten gesperrt werden. Auf Schienen verspäteten sich trotz schwerer Räumtechnik Züge um bis zu neun Stunden – und blieben häufig ungeheizt.

Aus dem Tagebau Greifenhain hieß es, ein „großer Kampf“ um den in Gefahr geratenen Plan finde statt. Die feuchte Braunkohle fror an den Fördergeräten und in den Waggons fest. Mit Körperkraft und Eisenstangen schufteten alle auftreibbaren Kräfte, um die Produktion am Laufen zu halten. Normalerweise reduzierten Trockner den Wassergehalt der Kohle, um sie brennbar zu machen. Doch fielen viele Trockner aus, das Material, das die Kessel der Heizkraftwerke erreichte, brannte schlecht oder gar nicht. Der Reporter der Berliner Zeitung berichtete am 16. Januar aus dem Großtagebau Meuro, wie Kohlearbeiter und Soldaten mit Lauge und Gasbrennern gegen die gefrorene Kohle in den Schaufeln der riesigen Radbagger vorrückten: „Hier wird eine Schlacht geschlagen.“

Die Gleise in den Kohlegruben, die den Abbaubaggern folgend ständig verlegt werden mussten, waren nur unter größten Mühen, wenn überhaupt, aus den Betten zu hebeln. Förderbänder rissen. Und dann explodierte zu allem Unheil nach Tagen der Höchstbelastung der Maschinenraum des Blocks 13 in Boxberg – eines der wichtigsten Kraftwerke überhaupt.

Die Kälte traf die DDR an ihrer verwundbarsten Stelle, der Energieversorgung. Die Braunkohle war eben nur oberirdisch abzubauen und von minderer Qualität. Man arbeitete ohnehin nahe an der Belastungsgrenze; ein strenges Energiemanagement gehörte zur DDR-Normalität. Die Bürgern erhielten regelmäßig Mitteilung über Tagesspitzen im Stromverbrauch und entsprechende Mahnungen, energieintensive Haushaltsgeräte in den heiklen Stunden nicht zu benutzen. In jenem Winter aber rissen viele der dünnen Sicherheitsnetze.

Die vergleichsweise umfang- und detailreichen Medienberichte gestanden ein: Es gibt große Schwierigkeiten. Das war ungewöhnlich in der auf Erfolgsmeldungen vom Vorwärtsschreiten getrimmten Medienlandschaft. Die Ausnahme hatte einen doppelten Grund: Erstens war die Katastrophe nicht wegzureden, jeder spürte die Konsequenzen. Zweitens: Die Hauptschuld konnte mühelos auf einen äußeren, von der Staatskunst der DDR-Führung tatsächlich nicht beeinflussbaren Umstand zurückgeführt werden. Bittere Scherze machten die Leute im Privaten: Gegen General Winter hatte schon die Generation der Väter nichts ausrichten können.

Ohne Scheu setzte die offizielle Berichterstattung bellizistisches Vokabular ein: Schlachten wurden geschlagen (in Tagebauen, an Gleisanlagen), die Werktätigen kämpften (um stabile Versorgung mit Energie und Lebensmittel, um die Planerfüllung) – das alles „unter äußerster Anspannung aller Kräfte“.

Mitglieder des Politbüros schwärmten aus auf die ökonomischen Schlachtfelder, vor allem dorthin, wo die gefährlichsten Auswirkungen auf die Bevölkerung zu entstehen drohten. Die Berliner Zeitung begleitete am 17. Januar Politbüromitglied Günter Schabowski, seinerzeit Chef der SED-Bezirksleitung Berlin, ins Kraftwerk Rummelsburg und titelte „Kraftwerker machen Dampf für Heizungen“. Tatsächlich blieben in etlichen Stadtbezirken Schulen, Geschäfte und Ämter wegen Heizungsausfalls geschlossen, saßen tausende Berliner in eiskalten Wohnungen. Die Autorin bibberte tagelang ohne Heizung im Hochhaus am Leninplatz bei zwölf Grad – obwohl gegen jede Mahnung die Elektrokochplatten samt Backofen als Notheizung liefen. Da standen die Leute mit ihren Kohleheizungen im Altbau Prenzlauer Berg doch mal besser da – sofern der Kohlenkeller gefüllt war. Und der Westberliner (ja, auch jenseits der Mauer war es eisig) rettete sich mit Elektroheizgeräten: Am 13. Januar (minus 19 Grad) verkaufte allein das KaDeWe 80 Heizlüfter. Da konnte der Ossi nicht mit.

Das Volk murrt

Die Partei tat, was sie konnte, um dem anschwellenden Grummeln in der Bevölkerung entgegenzuwirken. Also erklärte man alle Probleme schon quasi gelöst, sobald sie auftraten: So erfuhr Günter Schabowski in Rummelsburg, dass trotz der großen Kälte der von der Spree abgehende Stichkanal am Heizkraftwerk eisfrei sei und der Kohlebedarf des Heizkraftwerks durch die Binnenschifffahrt gedeckt werde. Überall – von Rostock bis Eisenhüttenstadt kämpften Eisbrecher um die Offenhaltung der für den Gütertransport so wichtigen Wasserstraßen. Der Betriebsdirektor versicherte, kritische Situationen seien durch rasche Reparaturen und teilweise Umstellungen der Arbeit gemeistert worden. Alles wieder stabil, beschwor der Direktor und: „Die Kollektive wollen mit großem Einsatz weiterhin die Wärmeversorgung sichern.“

FDGB-Chef Harry Tisch informierte sich im Bahnhof Schöneweide über den Fortgang der „Winterschlacht“. „Wir haben alles im Griff“, versicherte ihm und der Bevölkerung ein Reichsbahner.

Dennoch sank die Stimmung der Bevölkerung in gefährliche Tiefen. Als sich in den Briefkästen am Leninplatz eines Morgens ein handgefertigtes Flugblättchen fand, das von der maroden Technik sprach und von der Unfähigkeit der Staats- und Parteiführung, die Bevölkerung vor den Folgen solcher Krisen zu schützen, klingelten am Abend die Genossen des Ministeriums für Staatssicherheit an den Türen, verlangten die Herausgabe der Zettel und drängten auf Mitteilung über die mutmaßliche Quelle. Man war hochnervös.

Bei anderen noch schlimmer

Nach Schätzungen westlicher Experten fiel in der Woche nach dem 12. Januar in 200.000 Wohnungen republikweit die Fernheizung aus. In der Erinnerung vieler DDR-Bürger tat der 87er-Kälteschock einiges, um das Ende des SED-Systems zu beschleunigen. „Die können es eben nicht“, sagten die Leute.

Der Gerechtigkeit halber muss man hinzufügen: Im Vergleich zu anderen Ländern lief das Krisenmanagement den Umständen entsprechend in der DDR gar nicht so schlecht. Zehntausende Arbeitskräfte aus Armee, Polizei, Landwirtschaft und Universitäten retteten viele Betriebe in Not vor dem sofortigen Stillstand. In energieintensiven Betrieben verlagerte man umgehend die Hauptproduktion in Nacht- und Wochenendschichten.

Zwar gab es im Eiswinter auch in der DDR Todesopfer wie den Gleisarbeiter, der beim Verlegen vereister Teile erschlagen wurde – aber niemand erfror oder verhungerte. Anders in der Sowjetunion, wo allein bis Mitte Januar 80 Menschen erfroren, in Polen 36. Dort stellte die Regierung des Generals Jaruzelski sogar wegen Strommangels den Betrieb der Störsender ein; Radio Free Europe und die Deutsche Welle waren besser denn je zu hören.

Der Deutsche Wetterdienst hat dankenswerterweise auf Anfrage die Daten des Eiswinters gesichtet und die Kältesumme für den Winter 1987 berechnet – man addiert die negativen Tagesmittelwerte über einen bestimmten Zeitraum. Ergebnis: Ostdeutschland hatte aufs Ganze gesehen schon strengere Winter erlebt. Aber was nutzt der milde Dezember in eisigen Januarwochen? Er wärmt nur die Statistik. Die DDR ging in jener Zeit ihrem Ende in besonders großen Schritten entgegen. 1988 war sie praktisch zahlungsunfähig. 1989 brach sie zusammen.