Berlin - Die Hausnummer 13 hat eine der schönsten Fassaden in der Rigaer Straße. Der Gründerzeitbau sieht frisch verputzt aus und etwas nobel. Hellgrau und weiß mit abgesetztem Stuck. Aber das sind eben auch die schwarzen Spuren der Farbbeutel-Attacken, die im Friedrichshainer Samariter-Kiez auf so vielen neuen Fassaden zu sehen sind.

Einer dieser Flatschen befindet sich direkt über dem Fenster, aus dem sich ein junger Mann im Kapuzenpulli lässig zum Rauchen lehnt. „Ach, die Kleckse sind schon länger da“, sagt er, winkt ab und lacht ein wenig. Es sei viel ruhiger geworden, er fühle sich wohl hier. Keine Probleme.

Am schlimmsten sieht die Liebigstraße 14 aus, gleich um die Ecke. Dort befand sich eines der letzten alternativen Wohnprojekte im Viertel. Unter massivem Polizeiaufgebot, begleitet von heftigen Krawallen, wurde das Haus vor einem Jahr geräumt. Illegal, wie die ehemaligen Bewohner noch heute betonen. Mittlerweile sind die Wohnungen saniert und seit dem vergangenen Sommer vermietet.

Symbol für Verdrängung

Aber die in Terrakotta- und Orangetönen neu verputzte Fassade ist übersät mit Farbbeutelspuren und Graffiti. An der Hauswand kleben dicht an dicht Pamphlete. „Liebig 14 - never rest in peace“, steht da, was so viel bedeutet wie, „wir lassen euch nicht in Ruhe“. Dazu gibt es Aufrufe zur Mahnwache am heutigen Donnerstag und zur „Zombie-Demo“ am Sonnabend.

Nachdem am vergangenen Wochenende erstmals wieder Krawalle im Friedrichshainer Szene-Kiez aufgeflammt waren, schlossen auch Sympathisanten der linken Szene eine weitere Eskalation am ersten Jahrestag und bei der für Samstag angemeldeten Demo nicht mehr aus. Die Liebigstraße 14 gilt in der Szene mittlerweile als Symbol für die Verdrängung der angestammten Bewohner aus gefragten und teuren Innenstadtquartieren.

1,6 Millionen Euro

Bei der Räumung des von 25 Menschen bewohnten Hauses und den sich anschließenden Krawallen und Straßenschlachten vor einem Jahr waren nach aktuellen Polizeiangaben fast 4000 Polizisten im Einsatz, rund die Hälfte aus anderen Bundesländern. Der Einsatz kostete insgesamt 1,6 Millionen Euro.

Deswegen ist mittlerweile auch den Betreibern des Jugendwiderstandsmuseums an der Rigaer Straße 10 etwas mulmig zumute. Dort, in den Räumen der derzeit nicht mehr von der Gemeinde genutzten Galiläa-Kirche, gibt es eine Dauerausstellung über oppositionelle Jugendbewegungen in der DDR. Der Verein Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft vermietet den Saal für wenig Geld.

Protest mit ausgebeulten Kochtöpfen

Begleitet von einem erheblichen Polizeiaufgebot haben die ehemaligen Bewohner des alternativen Wohnprojektes nun am Donnerstag an die Räumung vor einem Jahr erinnert. Viele waren es nicht - doch zumindest kann eine Hand voll Menschen ziemlich laut sein. Gegenüber der Liebigstraße 14 schlugen einige schwarz eingemummelte, junge Leute bei Eiseskälte heftig auf ausgebeulte Kochtöpfe ein.

Eine Mahnwache sollte das sein, ein weiterer Protest gegen die polizeiliche Räumung des alternativen Wohnprojektes vor einem Jahr. Wenigstens akustisch war die Aktion wahrnehmbar.

"Absolut friedliche Lage"

Die in rund einem Dutzend Mannschaftswagen im Umfeld von Liebig- und Rigaerstraße ausharrenden Polizisten waren mit großem Abstand in der Überzahl. Zwei Beamte mussten vor dem inzwischen neu vermieteten Altbau Wache stehen. Der Gehweg vor der Liebigstraße 14 war mit rotweißen Absperrgittern gesperrt. Mit Zuspitzungen rechnete die Polizei vorerst nicht: „Wir haben hier eine absolut friedliche Lage“, sagte eine Sprecherin. Und es gebe derzeit keine Hinweise, dass sich daran etwas ändere.

An der Mahnwache, die für die Zeit von 10 bis 18 Uhr angemeldet war, nahmen zunächst etwa 20 Personen teil. Die Bewohner rechnen nach eigenen Angaben im Tagesverlauf mit weiteren Teilnehmern an den Protesten. Für den Abend ist ein Punkkonzert in der ehemaligen Galiläakirche in der Rigaer Straße, geplant. „Wir hatten hier oft Konzerte der Alternativ-Szene“, sagt Andy Hemke vom organisierenden Verein. „Nie ist etwas passiert.“