Vorsatz fürs neue Jahr: Kolleginnen und Kollegen zuhören!

Unterschiedliche politische Haltungen in der Redaktion sind eine Belastung, äh, Bereicherung. Die Autorin will ihre Kollegen verstehen und mehr Leser erreichen.

In der Redaktion hat man mehr Kontakt mit Kollegen als im Homeoffice. Ist das belastend oder bereichernd?
In der Redaktion hat man mehr Kontakt mit Kollegen als im Homeoffice. Ist das belastend oder bereichernd?imago/Westend61

Dieses Jahr war nicht leicht. Die Nachrichten sind das eine – sich zum Beispiel damit zu beschäftigen, dass ein Krieg ausbricht und es dann zwei Klassen von Geflüchteten gibt. Die Aussagen von Kollegen sind das andere. Im Homeoffice begegnet man nicht so vielen Menschen, die anderer Meinung sind. Zurück in der Redaktion, zerrte genau das an meinen Nerven. An den Weihnachtstagen habe ich darüber nachgedacht. Und erkannt, dass gegensätzliche Ansichten und auch Rückfragen zum Text Chancen sind. Selbst wenn die Antworten eigentlich schon in dem Text stehen. Dann muss ich diese Antworten eben noch deutlicher machen. Und der Text spricht dann vielleicht noch mehr Leser an.

Es gab in diesem Jahr ein paar Situationen, in denen ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll. Einmal tat ich beides, nacheinander. Im halb leeren Newsroom im fünften Stock kann man das. Leise, versteht sich. Manchmal fragte ich mich auch, ob die Fragen  provozieren sollten. Oder ob es sich um echtes Unverständnis handelte.

Ich schrieb zum Beispiel einen Text, der die Gleichsetzung der Begriffe Clan und Kriminalität in den Medien kritisierte. Eine Frage dazu war: „Was soll ich jetzt schreiben, wenn man Clan nicht mehr sagen darf?“ Weglassen, schlug ich vor. Wenn es sein muss: Großfamilie. „Okay, ich habe jetzt ‚arabische Bande‘ geschrieben“, sagte der Kollege. Wir einigten uns darauf, doch lieber „Clan-Milieu“ stehen zu lassen.

„Es ist gut, dass er fragt“, wiederholte ich nach diesem Gespräch wie ein Mantra in meinem Kopf, um mich zu beruhigen. „Es zeigt die Bereitschaft zur Veränderung.“ Und es zeigte auch: wie Menschen denken, die ich nicht mitgedacht hatte. Sie lesen nur, dass sie ein bestimmtes Wort nicht benutzen dürfen. Obwohl ich das an keiner Stelle geschrieben hatte. In dem Artikel ging es eigentlich um Zugehörigkeit, darum, welche Auswirkungen es hat, eine Gruppe als anders zu markieren.

Im Teams-Chat riet ein Kollege einer Kollegin: „Lass dir nicht das Wort ‚Aktivisten‘ reinredigieren.“ Es ging um die Letzte Generation, um Menschen, die gegen die gegenwärtige Klimapolitik demonstrieren. Der Kampf um Sprache wird keineswegs nur an der linkspolitischen Front geführt, auch wenn es manche so darstellen wollen.

Der durchschnittliche Leser der Berliner Zeitung zieht an dieser Stelle vielleicht die Augenbrauen hoch. Die Fältchen auf seiner Stirn werden zu Gräben. Er schlägt die Beine übereinander und blättert eine Seite weiter. Falls diese Beschreibung nun das Bild eines älteren Mannes im Kopf erzeugt – reiner Zufall. Natürlich könnte er auch weiblich oder nonbinär sein, generisches Maskulinum und so. Zumindest meint das ein Preisträger in unserer Redaktion. Ich sehe das anders.

Es ist so: Gendersensible Sprache dürfen wir in unseren Texten verwenden, Sonderzeichen wie das Sternchen oder der Doppelpunkt dürfen aber nur von Gastautoren und in Open-Source-Texten eingesetzt werden. Mir reicht das nicht, ich finde, Sprache entwickelt sich, braucht Freiheit. Und in einer redaktionsinternen Abstimmung lagen die Befürworter der Freiwilligkeit vorn. Allerdings gibt es immer wieder Briefe von Leserinnen und Lesern, die vehement gegen das Gendern sind. 

Wahrscheinlich ist meine Vorstellung unseres Lesers generell durch Leserbriefe geprägt. Die verkrafte ich allerdings viel besser als ein simples Augenrollen von Kollegen bei einem Themenvorschlag. Sogar Facebook-Kommentare lassen mich kalt. Ich kann zwischen den Zeilen herauslesen, wann ich meine Arbeit gut gemacht habe und wann es wirklich etwas zu beanstanden gibt. Wenn mir Hans-Jürgen aus Spandau schreibt, ich soll Nazis in der Kneipe, ihrem „safe space“, gefälligst in Ruhe lassen, freue ich mich ein bisschen. Das sagt mir, dass mein Text gut und meine Wahrnehmung solcher Kneipen realitätsnah war.

Das Jahr fror langsam ein. Ein Fotograf erklärte mir, dass die Berliner Zeitung zu wenig über Probleme mit Migranten und Geflüchtete berichtete. Wir schrieben an einer Realität vorbei, meinte er, in der arabische Jugendliche weiße Jugendliche verprügeln. Verantwortlich machte er Sozialstruktur und autoritäre Erziehung. Wir waren und sind uns einig, aber uneinig. Seine Lösung: abschieben. Meine Lösung: als Deutsche akzeptieren, Reichtum umverteilen.

Am selben Abend war Weihnachtsfeier. Ich wappnete mich innerlich. Mit wem würde ich wohl reden? Wenig später fand ich mich am Tisch mit einem Kollegen wieder, der von einer bekannten Boulevardzeitung zu uns gewechselt ist. Wir sprachen darüber, inwiefern es rassistisch ist, auf Schwarze zu stehen. Danach diskutierte ich mit dem Kollegen, der den Preis für sein Stück gegen gendersensible Sprache gewonnen hat – über gendersensible Sprache.

Auf dem Heimweg war ich in Hochstimmung. Der Wein könnte eine Rolle gespielt haben, aber auch die Gespräche hatten mir Hoffnung gemacht. Auf eine Redaktion, in der wir uns gegenseitig zuhören: Du kannst anderer Meinung sein und der Leser auch. Deshalb muss ich meine Artikel nicht an seine Haltung anpassen, aber seine Lesart berücksichtigen.

Bisher fand ich es sinnvoll, mit meinen Texten Leserinnen und Leser zu erreichen, die anders denken. Im neuen Jahr will ich, dass diese Leute mich erreichen. Der erste Schritt ist, meine Kolleginnen und Kollegen besser zu verstehen. Und damit auch einen Teil der Leserschaft. 2023 trainiere ich außerdem für den Berlin-Marathon. Ich weiß nicht, was schwerer wird.