Das Jahr ist fast vorbei und das Fest schon einige Tage. Es hat trotz aller Besorgnis stattgefunden. Ja, stand das denn in Frage? Glaubt man den Nachrichtenportalen, dann schon. „Ist Weihnachten in Gefahr?“ – so und ähnlich titelten nicht wenige Medien im Advent. Grund für die Panik war nicht der Terror, sondern der Streik bei Amazon.

Wie viel doch die Fragen, die wir stellen, dachte ich in dieser Zeit oft, aussagen über die Zeit, in der wir leben. Und wann wir sie stellen. Eine typische Zeit für viele Fragen ist die zwischen den Jahren. Man klopft die Vergangenheit mit ihnen ab und ruft sie in die Zukunft. Alles wegen der Daten.

Das Baby in der Bahn weiß nicht, was Kalender und Uhren sind, Weihnachten und Silvester. Es starrt. Uns an. Niemand starrt so total wie Babys. Und auch nur ihnen verzeiht man es so gern, selbst wenn sie einen mit ihrem Blick gefühlt an die Wand nageln. Je nach Naturell und Tagesform windet man sich oder starrt zurück. Zwinkert. Nicht unwahrscheinlich, dass das Baby dann lachen muss. Wie dieses. Links und rechts hinter dem Schnuller wachsen Mundwinkel heraus, immer breiter, bis er herausfällt. Das Baby grinst zahnlos und starrt weiter.

„Warum lacht das Baby?“, fragt das Kind, mit dem ich in Richtung Nikolaiviertel unterwegs bin. Und ehe ich antworten kann: „Warum lachen Babys überhaupt so viel und lachen sie auch im Bauch?“ Während wir darüber reden, was Ungeborene können und was nicht, treten wir am Alexanderpatz ins Freie. In der Ferne leuchtet das Riesenrad vom Weihnachtsmarkt, der gerade seinen letzten Tag hat.

„Hinter dem Riesenrad ist doch dieses Aquarium, oder?“, fragt das Kind, übergangslos das Thema wechselnd. „Wie wurden die ganzen Fische denn da hingebracht, in Lastwagen mit Wasser drin? Oder wurden die da geboren? Und werden die da auch gefüttert?“ Man sieht förmlich Staub aufwirbeln über seinem Kopf von den rennenden Gedanken, da kommt das Eingangsportal des Rathauses in den Blick.

“Man sieht förmlich Staub aufwirbeln über seinem Kopf von den rennenden Gedanken, da kommt das Eingangsportal des Rathauses in den Blick.

„Ist das die einzige Tür?“ Fragt das Kind. „Geht da auch der Bürgermeister rein? Arbeitet der eigentlich allein da drinnen? Es ist ja riesig!“ Es staunt an den backsteinernen Fassaden Richtung Himmel, da bleibt sein Blick an einem Relief hängen. „Und wer hat die Steine so schön gemacht? Ich meine, wie macht man das, das ist doch total schwierig?“

Später, vor einem Juweliergeschäft, wird es noch um echte und falsche Diamanten gehen, und noch später, vor einem anderen Laden, darum, ob in Häusern mit Geschäften auch Leute wohnen und ob das gut ist oder schlecht. Von da sind wir schnell bei denen, die gar keine Wohnungen haben und warum und bei anderen ganz großen Fragen. Ich komme nicht hinterher und denke an das Baby in der Bahn, das in ein paar Jahren auch so sprudeln wird. Und zwar nicht nur in den stillen Tagen. Denke, dass auch das neue Jahr viele Fragen aufwerfen wird. Wichtigere als die, ob Weihnachten von einem Versandhändler abhängt. Stellen wir sie.