Der Architekt David Chipperfield war sichtlich gerührt am Dienstag, als die letzte Pressekonferenz vor der Eröffnung seines wohl schwierigsten und vergleichsweise sicher auch teuersten Projekts stattfand. „Eine lange berufliche Beziehung zur Museumsinsel geht nun zu Ende“, sagte er. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seitdem Chipperfield 1993 im Wettbewerb für den Wiederaufbau und die Erweiterung des Neuen Museums mit einem sensationellen Entwurf den zweiten Preis errang. Es war der erste Schritt auf dem langen Weg zur James-Simon-Galerie, die am Freitag von Angela Merkel mit großem Staatsakt eingeweiht worden ist.

David Chipperfields „Schneewittchensarg“ war eine verpasste Gelegenheit 

Schon im ersten Wettbewerb sollte die Museumsinsel zu einem Zentrum des Massentourismus gemacht werden, nach dem Vorbild des Pariser Grand Louvre. Für nötig hielt man dafür auch einen zentralen Besucher-Eingang. Gerechnet wurde mit sechs Millionen Besuchen im Jahr und mit einer durchschnittlichen Zeit von 45 Minuten für den Rundgang durchs Pergamonmuseum und vorbei an Nofretete. Allerdings sollte das Neue Museum dieser Zentraleingang werden. Als einer der wenigen Teilnehmer schlug Chipperfield 1993 vor, alles, was an modernen Services benötigt wird – etwa Kassen, Shop und Café –, nicht im kostbaren Altbau, sondern in einem Erweiterungsflügel am Kupfergraben unterzubringen.

Er entwarf dafür eine leichte, überaus elegante Verteiler- und Ausstellungshalle, den „Schneewittchensarg“. Der Bau wäre eine Sensation geworden: hochmodern, sogar ökologisch in der Bautechnik, innen praktisch völlig offen für jede Nutzung, zart durchschimmernd mit Glas- und Alabasterwänden. Eine der großen verpassten Gelegenheiten der Berliner Baugeschichte. Gewonnen hatte den Wettbewerb nämlich der Italiener Giorgio Grassi mit einer kargen Ziegelsteinarchitektur. Ihn bevorzugten die konservativen Berliner Stadtplaner um Senatsbaudirektor Hans Stimmann und die Denkmalpfleger. Für die Staatlichen Museen stellte allerdings der damalige Generaldirektor Wolf-Dieter Dube sofort klar, dass Grassis Projekt nicht passe. Die Museen bevorzugten nämlich den poppigen Entwurf des Kanadiers Frank Gehry – der jedoch die breitere Öffentlichkeit entsetzte.

Bei der James-Simon-Galerie lief viel schief - von der Architektur bis zum Bau

Es war ein Riesenskandal. Es dauerte Jahre, bis die Museen akzeptierten, dass sie Gehry nicht durchsetzen würden, bis Grassi aus seinem Vertrag entlassen werden konnte. Der letztliche Sieger war nach einem zweiten, nunmehr internen Wettbewerbsverfahren 1999 derjenige, der eigentlich schon 1993 hätte Sieger sein müssen: David Chipperfield mit seinem Büro. In geradezu psychotherapeutischer Feinarbeit gelang es ihm, die verhärteten Fronten in den Museen aufzubrechen. International gefeiert wurde dabei vor allem seine Methode für die sorgfältige Restaurierung der Ruine des Neuen Museums – obwohl auch gefordert wurde, den Bau nach dem Vorbild der Dresdner Semperoper blitzeblank in alten Formen neu zu schaffen. Aber es gibt keinen auch nur halbwegs relevanten Architekturpreis, den dieses Projekt nach seiner Übergabe 2009 nicht errang.

Chipperfields zweiter Entwurf für den Eingangsbau dagegen wurde nach 1999 kaum debattiert. Erst als 2006 der Bundestag auch dafür die Gelder frei gab, kam es zum neuen Skandal: Die von Chipperfields Büro vorgeschlagenen matt schimmernden, gestaffelten Glaskuben am Kupfergraben erschienen den Berliner Traditionalisten als Anschlag auf die Würde der Museumsinsel. Dass der Architekt etwa gleichzeitig und mit ähnlicher Ästhetik das Folkwang-Museum in Essen oder das Museum für Inuit-Kunst in Anchorage entwarf, dass sein Projekt für die Museumsinsel international gefeiert wurde – die spanische Zeitschrift El Croquis brachte es als Titelblatt – blieb in Berlin unbemerkt. Dass Chipperfield keine Innenansichten veröffentlichte, stärkte seine Position nicht. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ermattet vom Dauerkampf um das Neue Museum, ließ ihn regelrecht im Stich, verlangte ultimativ einen neuen Entwurf. In nur wenigen Wochen entstand er: Das Büro ist auch deswegen berühmt, weil es auf ästhetisch höchstem Niveau immer neue Wege suchen kann.

Der neue, nun realisierte dritte Hauptentwurf wurde wesentlich von Chipperfields Büroleiter Alexander Schwarz geprägt, der auch schon am Literaturmuseum der Moderne in Marbach tätig war. Der Eingangsbau zur Museumsinsel steht – wie der in Marbach – auf einem hohen Sockel, der den des Pergamonmuseums weiterführt, ist geprägt von Pfeilerreihen und der breiten Zugangstreppe. Der neue Entwurf begeisterte weithin in Berlin, erschien so klassisch und doch modern. Kaum jemand sah sich noch die komplizierten Grundrisse an, und dass der Baugrund hoch problematisch ist, wurde gleich ganz ignoriert.

Die James-Simon-Galerie ist die Investition wert

Aber nun begann das eigentliche Drama. Bis zu 60 Meter tief reicht am Kupfergraben ein bodenlos-matschiger sogenannter Kolk, was seit dem Bau des Neuen Museums in den 1840er-Jahren bekannt ist. Genau deswegen hatte Chipperfield seinen ersten Entwurf 1993 maximal leicht gestaltet. Doch der neue Entwurf brauchte tiefreichende Fundamente. Genau wie um 1910 beim Pergamonmuseum verschlang nun allein der Bau des Unterbaus die für das gesamte Haus gedachten Millionen.

Schon die ursprüngliche Kalkulation von 74 Millionen Euro für das nur 10.000 Quadratmeter große Haus war großzügig angelegt; in Essen oder Mannheim wurden in dieser Zeit für etwas über 50 Millionen Euro ganze Museen errichtet. In Berlin aber gingen mehrere nur nach Preis ausgewählte Baufirmen bankrott, mussten halbfertige Fundamente wieder abgebrochen werden. Gegen einen Stopp des Projekts aber stand die Angst aller großen Verwaltungen, neu zu planen. Zuletzt stiegen die Baukosten auf 134 Millionen Euro, zu zahlen vom Bund.

Andererseits muss konstatiert werden: Ein solcher Bau hält über Generationen. Auch wenn das Konzept des auf Massentourismus angelegten Museums inzwischen an seine Grenzen gestoßen ist, bleibt doch der Charakter der Simon-Galerie als Kunstwerk. Und wer sich die Baugeschichte der heutigen Staatlichen Museen im größeren Überblick ansieht, muss auch erstaunt erkennen: Fast immer dauerte es zwischen Erstplanung und Eröffnung etwa eine Generation. Museen brauchen in Berlin offenbar ihre Zeit, um zu werden.