Diesmal hat er sich getraut: die historische Situation ist danach und sie kommt so schnell nicht wieder. Um 14.40 Uhr tritt SPD-Fraktionschef Raed Saleh vor ein halbes Dutzend Kameras im Saal 374 des Abgeordnetenhauses. Dunkler Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte signalisieren höchste Seriosität.

Saleh entfaltet, wie er es immer in Situationen tut, bei denen es auf gediegene Formulierungen ankommt, einen gedruckten Sprechzettel und trägt vor, was alle erwarten: „Ich will Regierender Bürgermeister von Berlin werden“. Es folgt eine kurze Begründung, in der er dezent seinen Migrationshintergrund anklingen lässt. Er kenne die Höhen und Tiefen des Lebens in Berlin, sagt Saleh, der sich vom Sohn eines aus Palästina stammenden Arbeiters zum Geschäftsmann und zur Überraschung vieler zum SPD-Fraktionsvorsitzenden hochgearbeitet hat. „Ich will für meine Heimat Berlin Verantwortung tragen,“ sagt er.

Noch vor wenigen Monaten hatte Saleh gegen sein gern wiederholtes Bekenntnis verstoßen, in der Koalition sei „Stabilität, Stabilität, Stabilität“ oberstes Gebot. Er tat das, indem er den Parteivorsitzenden und Konkurrenten für die Wowereit-Nachfolge, SPD-Parteichef Jan Stöß , öffentlich wegen schlechter Führungsleistung rügte und sich selbst als der bessere Wowereit-Nachfolge-Kandidat für die Abgeordnetenhauswahl 2016 ins Gespräch brachte. Doch dann zuckte Saleh zurück. Und Wowereit sah sich von Stöß zunehmend unter Druck gesetzt.

Was immer Stöß, Saleh oder andere in der SPD an Nachfolgestrategien geplant hatten: Klaus Wowereit hat sie mit seinem in der Sache einkalkulierten, dem Zeitpunkt nach aber nicht erwarteten Coup zunichte gemacht. Von dem wusste auch Jan Stöß nichts. Er erfuhr erst am Dienstagmorgen von dem Rückzugsplan Wowereits. Es folgten zahllose Telefonate sowie Sitzungen der SPD-Führungsgremien in der Parteizentrale Müllerstraße. Dort trägt der Parteichef in freier Rede minutenlang vor, welche Verdienste Klaus Wowereit um Berlin habe, wie erfolgreich der Regierende als der Chef der großen Koalition sei und dass die Berliner nun erwarteten, dass es mit der Stadt weiter vorangehe.

Es ist die dramaturgische Vorbereitung auf den Satz, den alle erwarten: „Ich habe die Ankündigung gemacht, dass ich für das Amt des Regierenden Bürgermeisters antreten möchte.“ Die Entscheidung darüber soll in einem Mitgliedervotum getroffen werden, wogegen es im Vorstand Bedenken aus einigen Kreisverbänden gab: Das dauere zu lange, man sei schließlich in einer laufenden Koalition und müsse schnellstens wieder handlungsfähig werden. Stöß geht aber davon aus, dass die Kandidatenkür bis zu dem von Wowereit angekündigten Rücktrittstermin am 11. Dezember abgeschlossen sein wird. Am Ende des Verfahrens werde eine „noch stärkere, noch geschlossenere SPD stehen.“

Wenn die 21-Prozent-Partei (laut Forsa-Umfrage) dann nicht vollends am Boden liegt. Zwar sind viele in der Partei nach dem ersten Schock froh, dass man nun handeln kann. Ihnen dämmert aber auch, wie stark die Partei auf Klaus Wowereit fixiert ist. Sein Konterfei im Wahlkampf dominierte 2011 statt programmatischer Aussagen die Wahlplakate – mal mit Stoffkrokodil „Schnappi“, mal ohne. Botschaft: Die Berliner SPD: das ist Klaus Wowereit.

Ohne ihn fällt nun scharf das helle Licht auf Strukturen und Personal einer Partei, die sich in den kommenden Monaten wohl das leisten wird, was sie sich nicht leisten kann: einen internen Machtkampf, in dem Wowereit offenbar für Raed Saleh Stellung beziehen will. Die Biografie des Aufsteigers aus kleinen Verhältnissen ähnelt seiner eigenen, und auffällig dankte er vor der Presse „meiner Fraktion und ihrem Vorsitzenden Saleh für ihre Loyalität“. Als klare Kritik an Stöß wurde dagegen die Äußerung des Noch-Regierenden verstanden, das Schwadronieren über seine Ablösung bringe „wenig Nutzen für die Partei, aber viel Schaden für die Regierungsarbeit“. Als sei der – Stichwort Pannenflughafen BER nicht schon groß genug. Der ist ab sofort nicht mehr Sache Wowereits, sondern die der Berliner SPD.