Jana Mestmäcker von der „Letzten Generation“: Die Normalität bekommt langsam Risse

Jana Mestmäcker unterstützt die „Letzte Generation“ und die Klimaproteste. Sie sagt: Der Tod der Berliner Radfahrerin werde instrumentalisiert. Ein Gastbeitrag.

Ein Klimaprotest von „Letzte Generation“ aus dem Juli 2022.
Ein Klimaprotest von „Letzte Generation“ aus dem Juli 2022.imago/Aaron Karasek

„Was passiert hier gerade eigentlich wirklich?“ Das ist die wichtigste Frage, die wir uns meiner Meinung nach zurzeit stellen könnten. Denn wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen, und wir werden es bald nicht mehr aufhalten können, hinabzustürzen.

Über die Welt, in die wir hinabstürzen werden, sagt Johan Rockström, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Folgendes: „Es ist schwer vorstellbar, wie wir acht Milliarden Menschen oder vielleicht sogar nur die Hälfte davon unterbringen können.“ Das ist eine vorsichtige Formulierung für das Ausmaß an Chaos, Gewalt und Massensterben, das uns erwartet.

„Der Klimaprotest hatte keinen Einfluss auf die Versorgung des Unfallopfers“

Was hier gerade wirklich passiert – das wollten diese Woche die wenigsten wissen, als eine Radfahrerin einen grausamen Unfall erlitt und wenige Tage später verstarb. Nach einer Äußerung eines Feuerwehrmanns war dem Großteil der Medienlandschaft und auch einigen aus der Bundesregierung klar: Die Rettung hatte sich verzögert und die andauernden Klimaproteste waren schuld.

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Jana Mestmäcker
Zur Autorin
Jana Mestmäcker, geboren 1992 in Saarbrücken, studierte Psychologie in Hamburg und Lübeck. 2022 reduzierte sie ihren Job als Psychologie-Dozentin auf ein Minimum, um mit „Letzte Generation“ zivilen Widerstand zu leisten. Sie lebt in Göttingen.

Vizekanzler Robert Habeck und Innenministerin Nancy Faeser sprachen von Gefährdung von Menschenleben. Laut dem stellvertretenden Vorsitzenden der FDP hatte die „Letzte Generation“ ihr „erstes Todesopfer“. Die Vorwürfe rissen nicht ab, bis die Süddeutsche Zeitung am Freitag die Perspektive der behandelnden Notärztin einbrachte: „Der Klimaprotest hatte keinen Einfluss auf die Versorgung des Unfallopfers“.

Wir machen einfach weiter

Wir sind mittlerweile fast ein Jahr dabei, den Widerstand gegen das Klimaversagen auf die Straßen zu tragen. Könnten solche Vorverurteilungen davon rühren, dass diese ständige Konfrontation mit der Klimakatastrophe langsam zu viel ist? Dass das Fass kurz vorm Überlaufen ist? Sie kamen wie aus der Pistole geschossen und aus tiefster Überzeugung.

Es heißt, die „Letzte Generation“ würde radikaler werden. Der Subtext ist zunehmend: „Was denn bitte noch alles?“ Die Realität ist: Wir haben so gut wie gar nichts verändert, was wir machen. Wir haben nur schlicht nicht damit aufgehört.

Wir hören nicht auf und die Normalität bekommt langsam Risse. Mit jeder Straßenblockade und jeder Tomatensuppe kommen kleine Risse dazu. Die Umstehenden sind fleißig dabei, sie jeweils schnell wieder zuzukleistern, während sie geflissentlich alle aufklären, dass unser Vorhaben niemals Erfolg haben wird.

Wir werden 1,5 Grad überschreiten

Diese Woche hat gezeigt, wenn es eine Gelegenheit dazu gäbe, dann wäre ein Großteil des Landes sehr schnell dazu bereit, uns zu verurteilen. Warum? Wenn wir weg vom Fenster wären, könnte nicht zum Vorschein kommen, was die „Letzte Generation“ versucht, unter der Decke der Normalität hervorzuholen: Es kann so nicht weitergehen. Wir werden 1,5 Grad überschreiten. Wir rasen in ein grausames Klimachaos und die Bundesregierung hat aktuell keinen Plan, den Schaden auch nur zu begrenzen.

Auf eine Weise wissen wir das alle. Wüssten wir es nicht, wären die friedlichen Sitzblockaden eher nervig als eine Sache für die Innenministerin. Wüssten wir es nicht, wäre Tomatensuppe auf einem Gemälde einfach nur seltsam, keine Nachricht, die um die Welt geht.

Dies ist ein Gastbeitrag. Er spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider.

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