Berlin - Dieses Weihnachten wird anders ausfallen als andere. Man könnte sagen: Es wir ein sehr innerliches Fest, mit Zeit zum Nachdenken. Genau so, wie es jahrhundertelang war, wenn die Menschen in eine Jahresetappe abtauchten, die man als natürlichen Lockdown bezeichnen könnte.

Jüngst sang ich einige alte Kinderlieder für meine Enkelin ein. Zum Beispiel „Komm, lieber Mai, und mache“ von 1776, später von Mozart vertont. Ein Junge (Fritzchen) erzählt darin, wie trüb die Winterzeit ist, in der man so gut wie gar nichts tun kann. Na gut: Man baut „Häuserchen von Karten, spielt Blindekuh und Pfand“, manchmal fährt man Schlitten. Aber ansonsten ist nicht viel los. Das „Steckenpferdchen“ muss in der Ecke stehen, weil das „Gärtchen“ völlig voller Schmutz ist. Am meisten Trübsal bläst das arme Lottchen, die Schwester von Fritzchen: „Umsonst hol’ ich ihr Spielchen/ zum Zeitvertreib herbei:/ Sie sitzt in ihrem Stühlchen/ wie’s Hühnchen auf dem Ei.“ 

Umso größer war die Freude auf Weihnachten, den einzigen Lichtblick in der langen dunklen Zeit. Oder, wie es in einem der alten Lieder heißt: „Wie wird dann die Stube glänzen/ von der großen Lichterzahl,/ schöner als bei frohen Tänzen/ ein geputzter Kronensaal.“ Und was es da alles geschenkt gab: „Pfeffernuss, Äpfelchen, Mandeln, Korinth“! Man staunt. Offenbar haben sich Kinder damals mit so etwas zufriedengegeben. Ja gut, Barbies, Handys, Computerspiele und übersüße Süßigkeiten  gab’s ja auch noch nicht. Was ich früher nicht wusste: Pfeffernüsse sind runde Gebäckstückchen aus würzigem Teig. Korinthen sind Rosinen aus der Traubensorte Korinthiaki.

„Ihr heidnischen Berliner feiert aber doch gar nicht richtig Weihnachten“, sagte mir einmal jemand. Wieso? Weil bei uns keine Krippe steht und kein Christkind kommt? Trotzdem kann ich feiern, mit Lichtern, Singen, Geschenken. Denn es ist ja zugleich auch ein uraltes Fest, zurückreichend bis in die Antike.

Die alten Römer begingen damit etwa im 4. Jahrhundert die Geburt des „unbesiegten Sonnengotts“ (Sol invictus). „Die Heiden pflegen nämlich am 25. Dezember das Fest des Geburtstages der Sonne zu feiern und zu ihren Ehren Lichter zu entzünden,“ schrieb ein Autor im 12. Jahrhundert laut Wikipedia. „Zu diesen Riten luden sie oft auch Christen ein. Da nun die Lehrer der Kirche sahen, dass sich viele Christen zur Teilnahme an diesen Festen verleiten ließen, beschlossen sie, fortan am selben Tag das Fest der wahren Geburt zu begehen.“

Ich weiß, das ist eine sehr heidnische These. Vielleicht war es auch ganz anders. Ich jedenfalls hatte als Kind immer das Gefühl, ein frohes Fest zu feiern, auch ohne Krippe. „Stille Nacht – die Sterne künden:/ Frieden über Flur und Feld;/ auch der Mensch soll Frieden finden –/ Frieden, Frieden aller Welt!“ So hieß es in einem Weihnachtslied meiner Kindheit. Die Lichter am Baum verkündeten, dass nun auch die Sonne bald wieder höher stieg. Es war weltlich, aber doch voller Hoffnung. Und davon braucht man ja sehr viel in diesen Tagen.