Jazz-Pianistin und Sängerin: Diana Krall spielt im Berliner Tempodrom

Frau Krall, in Ihren Konzerten bekennen Sie des öfteren gegenüber dem Publikum, Sie wären „sehr schüchtern“. Und das nach all den Jahren auf der Bühne?

Ich denke schon. Ich spreche nicht über Songs, ich sage sie an, aber ich scheue mich zu erklären, was sie mir bedeuten. Ich denke, Musik spricht für sich selbst. Und ich bin kein Autor, ich wurde nicht zum Songschreiben geboren, sondern um zu improvisieren, um Jazz zu spielen.

Aber Sie haben schon Songs geschrieben.

Ja, aber das war für mich nicht besonders einfach. Ich habe auch schon Platten produziert, doch ich möchte das nicht als meine Berufung betrachten.

Ihr erstes Album mit eigenen Songs „The Girl in the Other Room“ war sehr erfolgreich …

Das Album war erfolgreich, aber erst über einen längeren Zeitraum. Am Anfang waren manche Leute sogar verärgert, weil sie einen Sound wie auf meinem Album „The Look of Love“ erwarteten. Ich persönlich mag Songwriter wie Neil Young, Joni Mitchell oder meinen Mann (Elvis Costello, Anm. d. Red.), das sind Singer-Songwriter. Ich selbst bin zufrieden, wenn ich mich durch die Worte und die Musik anderer ausdrücke und das als kreatives Vehikel benutzen kann.

In einem Interview sagten Sie kürzlich: „Ich bin nicht dramatisch. Deswegen sitze ich am Klavier und stehe nicht vorne vor einer Big-Band.“

Ja, ich bin nicht wie Lady Gaga und Tony Bennett, ich sitze eher am Klavier, und wenn die Band nach 45 Minuten die Bühne verlässt, fange ich an zu reden.

Manchmal fragen Sie die Zuschauer auch nach Musikwünschen.

Ja, das habe ich schon gemacht – was aber nicht heißen muss, dass ich die Songs dann auch spiele.

Früher haben Sie als Barpianistin gearbeitet …

Oh ja, zwanzig Jahre lang. In Kanada habe ich in Restaurants gespielt, in L. A. und in Boston in Hotels und Bars, um mir meinen Lebensunterhalt und den Jazz-Unterricht zu finanzieren. Ich bin auch ein paar Mal nach Europa gefahren, in Zürich habe ich drei Monate gelebt und sechs Tage die Woche gespielt. Als Jazz-Pianist fängt man nicht an und hat sofort einen Plattenvertrag – man muss erst einmal ein paar Teller waschen.

Was haben Sie in dieser Zeit denn gelernt?

Alles. Arbeitsmoral, wie es ist, sich den Arsch abzuarbeiten, sich zu entwickeln, nach vorne zu schauen. Ich habe auch viel über Leute gelernt, sie angeschaut, wie sie dich behandeln …

Spielen Sie manchmal noch an Orten, wo während eines Konzertes gegessen wird?

Nein. Ich mag es nicht, wenn es zu viele Geräusche von Tellern und Besteck gibt. Und dann passiert es ja immer mitten in einer Ballade dass jemand den Mixer anwirft und ruft: „Wer hat die Margarita bestellt?“ Ich kenne Jazz-Musiker, die in so einem Moment aufhören würden zu spielen. Aber ich mag Clubs, sozusagen die Goldene Mitte, es gibt eine Bar, die Leute haben einen Cocktail – da mag ich den Vibe, mehr als in einer Konzerthalle, wo alle still sitzen.

Ihre Stimme wird oft als „ungekünstelt“ gelobt. Ist es schwer, diese Art von Qualität zu erreichen?

Es ist schwer, beim Singen nicht zu übertreiben. Ich muss sichergehen, dass ich ohne Tricks singe, die Songs, die ich präsentiere, brauchen keine Tricks. Sondern du singst sie sehr direkt, so im Stile Clint Eastwoods: Mach nicht zu viel, steh einfach nur da. Ich denke, je mehr geradeaus du sie singst, desto emotionaler kommt es rüber. Theatralisch ist nicht meine Art.

Sehen Sie den Gesang auch als Konversation mit dem Publikum?

Ja, ich denke, ich muss auf eine Art singen, die wie ein Dialog ist. Das ist wirkungsvoller. Ich bin zwar schüchtern, aber ich habe keine Angst, den Leuten im Publikum in die Augen zu schauen. Dabei dann auch mit dem Spiel zu stoppen und weiter zu gucken. Für manche Leute ist diese Stille unangenehm, für mich nicht.

Sie gucken den Leuten in der ersten Reihe in die Augen?

Sicher. Ich gucke ihnen in die Augen und singe, als würde ich mit ihnen sprechen. Ich habe nicht das Motto „hier ist mein unsichtbarer Vorhang, das Publikum ist auf der einen und ich auf der anderen Seite.“

Welche Rolle spielt Authentizität für Sie?

Ich muss meine Authentizität nicht beweisen. Alles, was ich machen muss, ist, mich ans Klavier zu setzen und zu spielen. Über Authentizität muss ich nicht ein Wort verlieren. Natürlich ist mir das wichtig. Aber genauso wichtig ist es für mich, Spaß zu haben, mal etwas anders zu machen, neue Dinge auszuprobieren – und diesen Kontrollmodus aufzugeben, den man ansonsten im Studio hat.

Das Gespräch führte Jakob Buhre.