Ist aus Prinzip nicht schlecht gelaunt: Ilja Richter.
Foto: Christian Schulz

BerlinDie Berliner Premiere war ausverkauft und für die Zusatzvorstellung am 17. Oktober im Schiller-Theater gab es gestern Nachmittag auch nur noch zwei Karten (jetzt heißt es also schnell sein!): Ilja Richter hatte für das Schreiben und Proben seines neuen Soloabends „Meine Lieblingslieder“ so viel Zeit, wie noch nie. Coronabedingt waren Vorstellungen anderer Programme ausgefallen. Die Langsamkeit musste Richter aber nicht erst entdecken, die kennt er schon lange: „Als Spaziergänger.“ Das Revier des Flaneurs befindet sich in Pankow: „Seit 14 Jahren bin ich als West-Berliner im Osten. Immer in Pankow. Es sind hier zwar mehr West-Berliner geworden, aber wir sind immer noch in der Minderheit.“

In der Pandemie hat der Schauspieler, wie so mancher Freischaffende, Geld verloren: „Das hat mich nicht existenziell umgehauen, es hat mir einen finanziellen Verlust gebracht, mit dem ich leben kann. Nur höre ich eben auch von Schicksalen sehr junger Schauspieler, die nicht wissen, wie sie ihre Handyrechnung bezahlen sollen. Und habe genug Vorstellungskraft, mir auch ältere Schauspieler vorzustellen, die ganz andere Probleme haben.“

Er will wirklich nicht klagen: „Ich fände es etwas unverschämt von mir, schlechter Laune zu sein. Über 300 Menschen gingen freiwillig aus dem Haus und schauten sich das an. Und kaum war der zweite Abend angesetzt, war der innerhalb kürzester Zeit fast ausverkauft. Da schlechter Laune zu sein, fände ich undankbar und undenkbar, denn so bin ich nicht gebacken.“

Menschen, die ihm auf der Straße in Anspielung auf den rituellen Anfang seiner „Disco“-Sendung in den Siebzigerjahren „Licht aus!“ und „Hallo, Ilja!“ zurufen, kann er nicht böse sein: „Die Geister, die ich rief, die wurde ich zwar nicht mehr los, aber es waren doch fröhliche Geister.“ Er benutzt den Anfang auch für sein neues Programm. Das Publikum liebt es und spielt mit.

Das Programm ist genau so geworden, wie Ilja Richter das wollte: „Niemand hat mir da reingeredet. Wer sollte das auch? Es ist meine Produktion und ich bin zu Gast bei Wölffers im Schiller-Theater.“ Warum soll er auch bei einem Abend, der „Meine Lieblingslieder“ heißt, Kompromisse machen: „Nein, da ist jedes Lied ein Wunsch.“

Es gab nur einen Grund, sich von Liedern oder Ideen für diesen Abend zu trennen: das vernünftige Bemühen, ihn nicht ausufern zu lassen. „Das hat natürlich Opfer verlangt, wie sie jeder kennt. Im Theater wird das immer so schön ‚kill your darlings‘ genannt.“ Weil Ilja Richter Autor, Interpret und Produzent in einer Person ist, konnte er das im Selbstgespräch klären: „Dafür ist keine Zeit, mein lieber Freund! Das siehst du doch wohl ein?“

Über dem, was es schließlich, begleitet vom Pianisten Harry Ermer, auf die Bühne schafft, könnte dieser Satz stehen: „Das musste mal gesungen werden.“