Berlin - Jens-Holger Kirchner parkt seinen Opel Zafira in der Kollwitzstraße. Es ist ein kalter grauer Tag, nur ein einziges Kind trotzt auf der Schaukel des Spielplatzes dem eisigen Wind. Kirchner steigt aus, zieht die Pudelmütze tief ins Gesicht. Verabredet ist ein Spaziergang rund um den Kollwitzplatz, mitten in Berlins meistdiskutiertem Biotop. Kirchner hat hier früher gelebt und gearbeitet. Er schaut sich um. An der Ecke gibt es das Restaurant Belluno, einen Haushaltswarenladen namens Coledampf’s CulturCentrum und einen Laden, der Badesalze und hochwertige Handtücher verkauft.

Doch Kirchner, der Baustadtrat, sieht das nicht. Er sieht dänische Ferienwohnungsbesitzer, Spekulationsobjekte, Quadratmeterpreise wie in London. „Das explodiert gerade, Prenzlauer Berg ist in das Interesse der Weltwirtschaft gerückt“, sagt Kirchner mit Berliner Dialekt. Er sieht dabei aus, als würde er sich selbst ein bisschen wundern.

Jens-Holger Kirchner, 53, steht an seinem alten Platz, er hat sich einmal im Kreis gedreht und ist in einer Zeit gelandet, die er sich so wild, so kapitalistisch nie hätte vorstellen können.

Hätte ihm in den Achtzigern jemand gesagt, dass die Häuser, in denen früher die Kohleöfen standen, Klo eine halbe Treppe tiefer, einmal zu begehrten Investitionsobjekten für irische Immobilienfonds und italienische Rentner werden würden, hätte er wahrscheinlich nur gelacht.

Wenn man etwas über das neue Berlin erfahren will, muss man mit Kirchner reden. Er hat die Wellen der Veränderung, die die Stadt seit der Wende überrollen, selbst durchlebt, durchlitten. Das hat ihn sensibel gemacht für den Boom, den alle herbei gesehnt haben und der jetzt viele nervt. Kirchner ist einer der ersten Politiker, der verstanden hat, dass man den Boom drosseln muss, weil er sonst die Stadt kaputt macht.

Pankow hat 380.000 Bewohner und ist der Bezirk mit dem meisten Zuzug, den meisten Sanierungen. Kirchner beschreibt einen Markt im Rausch. 25 Prozent der Mietwohnungen in Prenzlauer Berg sind bereits als Eigentumswohnungen verkauft worden, also „umgewandelt“. „Das klingt nicht viel, aber wir kommen von null.“ Die hohe Nachfrage lässt die Preise weiter nach oben schießen: 5 500 Euro werden in manchen Ecken bereits pro Quadratmeter verlangt. Seit 2007 sind die Kaufpreise in der ganzen Stadt um 32 Prozent gestiegen. Die Mieten steigen laut Mietspiegel seit 2009 um vier Prozent pro Jahr, das treibt auch die Rendite nach oben.

Er lässt sich nicht einschüchtern

Senat und Bezirke suchen, bisher ohne Erfolg, nach einem Mittel gegen den Mietenanstieg in den Innenstadtbezirken – Kirchner prescht nach vorn. Er gehört nicht zu den Politikern, die sich aus Vorsicht vor möglichen Klagen einschüchtern lassen. Ein „Geht nicht“ spornt ihn erst an. Das war schon so als Stadtrat für Verbraucherschutz, als er durchsetzte, dass die Ergebnisse der Hygienekontrollen in Restaurants veröffentlicht werden. Das Smiley-System machte ihn bundesweit bekannt.

Als ihm auffiel, dass inzwischen selbst gut verdienende Mittelständler mehr als ein Drittel ihres Einkommens für die Miete ausgeben, um sich ihre Wohnung noch leisten zu können, fing er an zu lesen. Er durchforstete Gesetze, suchte nach Lücken und fand den Paragraf 172, Baugesetzbuch, mit dem sperrigen Titel „Erhaltung baulicher Anlagen und der Eigenart von Gebieten“.

Das Bezirksamt erließ eine Verordnung, die Sanierungen, die für die Bevölkerung nicht unbedingt notwendig sind, untersagt. Verboten sind seit Januar der Einbau eines zweiten Bades, Innenkamine, Fußbodenheizung, separate Autostellplätze. Es gilt für die offiziellen Milieuschutzgebiete, soll aber ausgeweitet werden. Für Prenzlauer Berg kommt das Verbot fast zu spät, die zweite Sanierungswelle ist abgeschlossen, gibt Kirchner zu, „aber für Pankow kommt das genau richtig.“ In zwei bis drei Jahren werde der Boom Pankow erreichen.

Auch gegen Ferienwohnungen geht der Bezirk Pankow seit Januar streng vor. Wieder war Kirchner Vorreiter. 1500 Ferienunterkünfte gibt es in Prenzlauer Berg etwa. Als Geschäftsmodell funktioniert es gut, der Vermieter erzielt etwa drei bis viermal so viel wie bei regulärer Miete, aber dem Markt gehen die Wohnungen verloren. Kirchner erzählt, nicht ohne Stolz, dass er sich sogar im dänischen Fernsehen für das Verbot rechtfertigen musste.

Kein typischer Grüner

Kirchner hat neue Pläne, die er bei einem Besuch in seinem Büro, wenige Tage vor dem Spaziergang, ausbreitet: Als nächstes will er verbieten, dass Wohnungen ohne vorherige Genehmigung des Bezirksamtes in Eigentum umgewandelt werden. Er ist kein typischer Grüner, mit Verboten hat er kein Problem, solange sie der Sache nützen. „In Hamburg wird das auch gemacht, das ist kein Sozialismus.“

Kirchner läuft über den Platz, Erinnerungen kommen hoch. Er wuchs in Woltersdorf auf, kam 1979 nach Berlin, besetzte in der Knaackstraße eine leere Wohnung und arbeitete für die Humboldt-Uni als Tischler in einer Werkstatt in der Kopenhagener Straße. Nebenher kümmerte er sich ehrenamtlich um Kinder. Er baute den Abenteuerspielplatz auf dem Kollwitzplatz, der bis heute besteht, auch wenn die Rutschen und Klettergerüste längst erneuert wurden.

Wenn man so will, begann damals im Kleinen seine Karriere als Stadtplaner. Er lernte, dass es was bringt, wenn man sich einmischt, dass man seine Umgebung gestalten kann. Für das Bezirksamt waren Kirchner und seine Freunde damals die Spinner vom Kollwitzplatz, doch man ließ sie machen. „Es gab durchaus auch in den Behörden Sympathien für alternative Lebensformen“, sagt Kirchner im Rückblick.

Er ist auf einmal wieder in den Achtzigerjahren, Worte wie Kommunale Wohnungsverwaltung, Wohnbezirksausschüsse und künstlerisches Volksschaffen schwirren durch die Luft, Worte einer vergessenen Welt. Kirchners Finger wandert zu den Häusern rund um den Platz, in denen zu DDR-Zeiten Künstler und Freidenker wohnten. „Da wohnte die Birthler, da der Thierse, da Rainer Zapka, der Aktionskünstler“, erinnert er sich. Bis auf Thierse sind alle weggezogen, doch manchmal bloß ein paar Straßen weiter. Nur 15 Prozent der Bevölkerung, die schon vor 1990 im Prenzlauer Berg wohnte, lebt immer noch dort. Die Vorstellung, dass alle Weggezogenen verdrängt wurden, lässt Kirchner nicht gelten. Sie passt nicht in sein Bild, dass der Boom auch seine guten Seiten hat. „Viele haben auch anderswo Arbeit gefunden, in Amerika, in Westdeutschland, das ist doch normal.“

Spitzname Nilsson

Es schadet als Stadtrat nicht, das Milieu und seine Akteure zu kennen. Freunde, Familie und Bekannte nennen ihn Nilsson, kennen seinen richtigen Namen gar nicht. Während des ersten Lehrjahrs als Tischler verschlang er das Buch „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ der schwedischen Buchautorin Selma Lagerlöf. Die Kollegen gaben ihm den Spitznamen Nilsson. Er blieb, auch, weil er ihm besser als Jens-Holger gefiel.

Er steht jetzt vor seiner alten Wohnung, Knaackstraße 33, 3. Stock, Vorderhaus. Abends traf man sich in der Kollwitzstraße 66 im Projektbüro und sah sich selbst gedrehte Super-8-Filme an. Danach tranken sie in der verranzten Kneipe am Wasserturm Bier für 43 Pfennige das Glas.

Vermisst er nichts?

Er muss nicht lange überlegen. „Nö“, sagt er, „war ’ne schöne Zeit, aber das war auch nicht alles schick.“ Er lächelt, und dann erzählt er, wie dreckig früher alles war, wie die Höfe stanken, das Wasser von den Wänden der Wohnungen lief. Und die Stasi überwachte den Platz.

Mit den Wehklagen seines alten Nachbarn Thierse, der sich von Schwaben bedroht fühlt, kann Kirchner nichts anfangen. „Natürlich brauchte ich damals, als ich 19 war, mehr Zeit, über den Kollwitzplatz zu kommen als jetzt, weil ich dauernd Bekannte traf. Aber das will ich heute vielleicht gar nicht mehr.“ Das fällt auf an Kirchner, mit welcher Macht er sich gegen jeden Anflug von Nostalgie wehrt. Weil er weiß, dass Nostalgie auch nicht weiterhilft.

Manchmal, wenn er mit seinen drei Enkeln spazieren geht, die älteste ist schon in der Schule, wird er für den Vater der Kinder gehalten. Mit Anfang 50 steht man im Prenzlauer Berg heute im besten Vater-Alter.

Er kam in der Wendezeit zur Politik, als überall die Runden Tische entstanden. Er wurde Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, rutschte in die Bezirksverordnetenversammlung, wurde 2006 Stadtrat, erst für Ordnung und Verbraucherschutz, seit 2011 für Stadtentwicklung. Nebenher studierte er Erziehungswissenschaft. Er hat gesehen, wie ein System, dass unumstößlich schien, plötzlich auseinanderfiel. Das macht ihn skeptischer, aber auch härter.

Ein Moderator

Manche werfen ihm Selbstdarstellung vor, nur, weil er seine Mailbox abhört und Journalisten zurückruft. Das ist unter Berliner Bezirkspolitikern eher unüblich. Offenheit wird gern als etwas Gefährliches für einen Politiker angesehen. Kirchner ist lockerer, vielleicht auch, weil er die geschlossene Gesellschaft schon erlebt hat.

Mit dem anderen bekannten grünen Bezirkspolitiker, Franz Schulz aus Friedrichshain-Kreuzberg, auch ein ehemaliger Hausbesetzer, verbindet ihn wenig. Dass er 1,5 Millionen Euro für einen neuen Schulsportplatz ablehnt, wie der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, um eine Wohnwagenstellfläche zu schützen, kann man sich bei Kirchner nicht vorstellen. Er sieht sich nicht als Vertreter von Einzelinteressen, sondern als Moderator, als Schiedsrichter. Er sitzt eigentlich immer noch am Runden Tisch.

Als im Jahr 2011 die Erneuerung der Gehwege an der Kastanienallee in Anlehnung an die Proteste gegen den Stuttgarter Bahnhof zu einem „K21“ aufgepumpt wurden, bewahrte er einen klaren Kopf. Und argumentierte: Nicht nur Kneipenbesitzer hätten ihre Interessen, sondern auch Omas mit Rollator und Mütter mit Kinderwagen. Mit seiner Ruhe nahm er der Hysterie die Luft raus.

Kirchner ist kein typischer Grünen, dazu ist er zu pragmatisch. „Er ist ein Typ, der auch Ecken und Kanten hat“, sagt ein Parteifreund über ihn. Die Arbeit, die er mache, empfehle ihn durchaus für höhere Weihen. 2011, als Renate Künast Bürgermeisterin werden wollte, war er als Senator für Stadtentwicklung im Gespräch.

Ein Abend im Februar, der BVV-Saal in der Fröbelstraße. Eine Frau im roten Pullover steht auf: „Ich wohne von Anfang an im Thälmann-Park, und jetzt wird alles zugebaut. Ich habe Angst, dass die Mieten steigen und sich die Wohnungen hier nur noch Reiche leisten können.“ Donnernder Applaus. Der Bezirk hat zu einem Gespräch über die Untersuchung des Thälmann-Parks eingeladen, der Saal ist voll besetzt. Der Thälmann-Park, mit Hochhäusern und einem überdimensionierten Denkmal des Kommunisten Ernst Thälmann, war zu DDR-Zeiten ein Prestige-Projekt. ET-Park, so nannten ihn die Jugendlichen, wie den Außerirdischen.

Keine Geduld für ausufernde Diskussionen

Ein Mann mit Lederjacke ruft: „In der Ella-Kay-Straße wurden schon Bäume gefällt, um Luxuswohnungen zu errichten.“ Ein älterer, bärtiger Mann erhebt sich: „Dem Bezirk fehlt das Geld zum Rasenmähen, und jetzt wollen sie hier so ein riesiges neues Areal hinstellen?“

Kirchner steht breitbeinig am Pult. Er trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, und er sieht damit ein wenig verkleidet aus. Er hört aufmerksam zu, verzieht keine Miene. Zwischendurch nimmt er einen Schluck aus der Thermoskanne. Ein Relikt aus seinen Zeiten als Handwerker.

Mit knappen Worten hat er Ruhe im Saal hergestellt. Er macht das ruhig, sachlich, er hat parat, wie viel der Bezirk zur Pflege von Grünanlagen ausgibt, 1,4 Millionen Euro pro Jahr. Er hat gelernt, mit der Dauererregung, die den Bezirk prägt, umzugehen.

Er verspricht nichts, stellt sich auf keine Seite, sondern verlangt von den Bürgern, sich selbst einzubringen. Heimat entsteht dort, wo man sich einbringt, hat er mal gesagt. Das hat er selbst erlebt, das fordert er von anderen. „Uns geht es darum, konkrete Ziele zu entwickeln, nicht nur irgendwas mit Weltfrieden.“ Für ausufernde Diskussionen fehlt ihm die Geduld. Um Punkt acht beendet Kirchner die Sitzung nach 90 Minuten. „Wegen eines wichtigen Fußballspiels.“