Berlin - Güter gehören auf die Bahn: So lautet ein alter Werbespruch, der aber gegen den Rückgang des Frachtverkehrs auf der Schiene nichts ausrichten konnte. Güter gehören in die Straßenbahn: Das ist eine neue These, die in Berlin jetzt auf ihren Realitätsgehalt überprüft wird. Inzwischen hat es bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) einen ersten Testlauf gegeben. Weitere Untersuchungen sind geplant, sagte Straßenbahnchef Rico Gast der Berliner Zeitung. Gut möglich, dass sie zu einem Pilotprojekt führen, bei dem Logistikfirmen die Straßenbahn in ihre Transportketten einbauen – was die Straßen entlasten könnte. Namensvorschläge gebe es schon: „Cargo Tram“ oder „City-Logistik“.

Es ist erst wenige Tage her, da trafen sich die Projektpartner im Straßenbahn-Betriebshof in der Lichtenberger Siegfriedstraße zu einem Praxisversuch. Ein weißes Lastenrad von Onomotion fuhr vor. Es hatte einen Container mitgebracht, in dem normalerweise Paketsendungen oder andere Waren befördert werden. Über eine Rampe, die einen Bahnsteig darstellen sollte, wurde der zwei Meter hohe und 1,70 Meter lange Behälter in die Bahn gerollt – ohne viel Mühe. „Im Mehrzweckbereich, wo sonst Kinderwagen oder Rollstühle stehen, wurde der Container mit Gurten sicher befestigt“, erklärte Gast. „Dann drehte die Bahn auf dem Betriebshof ein paar Runden.“

Start-up aus Treptow arbeitet mit der BVG zusammen

Das Resümee des Straßenbahnchefs ist positiv. „Der erste Test war erfolgreich“, berichtete er. „Wir werden uns nun vertieft mit dem Thema befassen.“ Gasts Partner Beres Seelbach ist ebenfalls optimistisch. „In jeder Stadt, die eine Straßenbahn hat, könnten solche Containertransporte sinnvolle Logistiklösungen sein. Natürlich auch in Berlin“, sagte er.

Onomotion
Der erste Testlauf für das neue City-Logistik-Konzept: Auf dem Straßenbahn-Betriebshof Lichtenberg der BVG wird ein Container vom Lastenrad in eine Tram umgeladen.

Der 37-Jährige ist Gründer und Chef von Onomotion, einem Unternehmen mit Sitz in der Treptower Bouchéstraße. Es vertreibt emissionsfreie Elektro-Lastenräder, die Container befördern – was Arbeitsgänge spart und Kosten senkt. Die Behälter haben ein Volumen von 2,1 Kubikmetern und sind so breit wie eine EU-Palette. Rund 50 der dreirädrigen Cargo Bikes, die inzwischen bei einem Automobilzulieferer im bayerischen Garching montiert werden, konnte Onomotion schon verkaufen. „Bis zum Ende dieses Jahres wird die Zahl auf 100 steigen“, freut sich Seelbach. Der Logistikdienstleister Hermes, Teil der Otto Gruppe, ist der größte Kunde des Berliner Start-ups.

In Frankfurt am Main hat es ebenfalls bereits Testläufe für eine Cargo Tram gegeben, die vom Stadtrand ins Zentrum fährt. Zu den Partnern gehören die Frankfurt University of Applied Sciences und Porsche Consulting. In der hessischen Stadt basiert die Versuchsanordnung allerdings darauf, dass eine Bahn des Typs R von Siemens/Duewag umgebaut und ausschließlich für den Gütertransport genutzt wird. „Bis zu 23 Container ließen sich darin unterbringen“, so Seelbach. Dieses Konzept hat bei den beteiligten Fachleuten die beste Bewertung bekommen.

„In Berlin verfolgen wir jedoch einen anderen Ansatz“, erläuterte Rico Gast. Es gehe um eine Mischnutzung. Hier sollen Straßenbahnen sowohl Personen als auch Güter befördern, kündigte er an. Während des regulären Betriebs nähmen sie Container mit. „Natürlich würde dies nur in den Schwachlastzeiten geschehen, wenn wenig los ist – zum Beispiel am frühen Morgen“, so der Chef der Berliner Straßenbahn. „Für Fahrgäste darf es keine Einschränkungen geben. Deren Beförderung geht vor.“

Von Lichtenberg oder Marzahn ins Berliner Stadtzentrum

Das Berliner Pilotprojekt, über das derzeit gesprochen wird, könnte so aussehen: Auf dem Betriebshof Lichtenberg oder Marzahn, beide außerhalb des Stadtzentrums gelegen und gut mit dem Lkw erreichbar, werden morgens Container in die Straßenbahn geladen. Für die Fahrt ins Stadtzentrum werden die Behälter in den Mehrzweckbereichen an Haltestangen befestigt. Wichtig sei, dass Fahrgäste die Gurte nicht lösen können. „Sicherheit hat höchste Priorität“, betonte Gast.

In der Innenstadt werden die Behälter ausgeladen. Dies soll aber nur an Haltestellen geschehen, die über Bahnsteige verfügen. „Wir werden darauf achten, dass der Ladevorgang sehr kurz ist“, so der Tram-Chef. Schließlich soll der Fahrplan für die Güterbeförderung nicht geändert werden. Für die letzte Meile zum Empfänger der Waren werden die Container auf Cargo Bikes von Ono geladen – und ab geht’s zu den Kunden.

Für den geplanten Feldversuch müssen weitere Partner ins Boot geholt werden. Doch bei der BVG und Onomotion ist man zuversichtlich. Große Paketdienste, die auf Kosten und Wirtschaftlichkeit achten müssen, setzen schon seit längerem Lastenräder ein. Das Bundesverkehrsministerium als möglicher Geldgeber stehe neuen Mobilitätskonzepten, die umweltfreundlich und stadtverträglich sind, inzwischen sehr aufgeschlossen gegenüber, hieß es weiter. „Und auch wir als großes Nahverkehrsunternehmen haben ein berechtigtes Interesse“, erklärte der Straßenbahnchef. „Wenn sich auf den Berliner Straßen nicht mehr so viele Lieferfahrzeuge drängen, kommen unsere Bahnen und Busse schneller und zuverlässiger voran.“ Allerdings habe auch die BVG noch Hausaufgaben zu erledigen. Damit die Container optimal in die Mehrzweckabteile passen, muss dort noch etwas Platz geschaffen werden. Derzeit sind die gepolsterten Anlehnhilfen im Weg, hieß es.

Altpapier reiste auf Straßenbahngleisen zur Schiffsverladung

Völlig neu ist das Konzept Cargo Tram nicht. In Berlin wurden bis 1935 Postpakete per Straßenbahn befördert. Zu DDR-Zeiten reiste Altpapier auf Tramgleisen von Mahlsdorf zum Ladeplatz an der Dahme. „Zwischen Oberschöneweide und Niederschönhausen verkehrte ab 1982 ebenfalls eine Güterstraßenbahn, die Stahlbaugruppen zwischen dem Transformatorenwerk Karl Liebknecht und seiner Zweigstätte beförderte“, berichtet Christian Linow aus Berlin. Bis zum vergangenen Dezember brachten Güterstraßenbahnen in Dresden Pkw-Bauteile zur dortigen VW-Manufaktur.

Unter dem Titel City Hub befasste sich die Senatsverkehrsverwaltung 2017 mit dem Thema. Auch nach dem damaligen Plan sollte der Schienentransport in den Betriebshöfen Lichtenberg oder Marzahn beginnen. Allerdings ging man damals davon aus, dass die Container mit Güterwagen nachts in die Innenstadt befördert werden. An Wendeschleifen, zum Beispiel in der Kniprodestraße und am Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg, sollten die Pakete auf elektrische Lastenräder umgeladen werden. Nach anfänglicher Euphorie hörte man nichts mehr von den Idee – der Druck war offenbar noch nicht so groß. Befürchtungen, dass Anwohner gegen das nächtliche Treiben klagen werden, bremsten das Projekt zusätzlich aus.

Inzwischen haben sich die Chancen für ein Revival der Cargo Tram verbessert, heißt es jetzt. Mehr und mehr Berliner sehen die zunehmende Zahl an Lieferwagen als Problem. Geschäftsschließungen während der Corona-Krise haben dazu geführt, dass Kurier-, Express- und Paketdienstleister (KEP) immer mehr zu tun haben. Allein der Versand von Konsumgütern nahm um 56 Prozent zu. Zugleich wurden Lastenräder technisch aufgerüstet, und auch der Komfort hat sich weiter verbessert, wie Onomotion-Chef Seelbach erklärte. „Unsere Fahrerkabinen schützen vor dem Wetter, sie haben Displays, Handy- und Becherhalter, Safe und USB-Anschluss.“

Berlin würde von der Cargo Tram profitieren, so Rico Gast und Beres Seelbach. Einen Versuch wäre es wert.