Berlin-SchönefeldDie freundliche Übernahme des neuen Flughafens durch seine Besitzer begann am Sonntag. Bis zum Mittag kamen viele Hunderte zum Inspizieren, Begutachten und Ausprobieren zum BER. Wenn der Eindruck nicht täuscht, laufen die Dates auf eine Versöhnung zwischen den Berlinern und der größten Problembaustelle hinaus. Wen man auch fragte am Sonntagvormittag – man hörte Wohlgefallen bis Begeisterung und nur ein ganz klein bisschen Gemecker. Aber selbst das blieb unberlinisch verhalten.

Am Informationsschalter sitzt in bester Laune eine Lady von Christine-Lagarde-Format und empfängt einen Herrn, der ihr die Inbesitznahme verkündet: „Ich besuche meinen Flugplatz zum ersten Mal!“, teilt er mit und lüpft kurz seine Maske: „Sie sollen mich lächeln sehen!“ Der Herr heißt Uwe Klasen, ist Architekt und konnte auch bisher schon von seinem Garten in Grünau aus Flugzeuge sehen. Nun will er gleich am Tag eins anschauen, was die Kollegen Gerkan und Marg, die Architekten des BER, abgeliefert hätten. Er ist begeistert: „Ein beeindruckend hoher Raum.“ Zum Einsatz von Nussbaumholz im Inneren sagt er: „Was Edles – find ich gut.“ Auch die Anfahrt im Auto auf das Gebäude hat ihn beeindruckt: „Das ist schon ein grandioses Bild.“ Mit Kennerblick betrachtet er das Informations- und Leitsystem: „Die Elemente könnten sich bei vollem Betrieb, wenn viele Menschen herumwuseln, als zu klein erweisen.“

Am ersten Tag blieb es unwuselig, nur wenige Leute reisten mit Koffern an, um loszufliegen nach Edinburgh, Rhodos, Alicante oder Istanbul. Viel Präsenz zeigte die Polizei mit Streifen. Sicherheitspersonal des Flughafens hatte ein waches Auge auf das Publikum. An ihrer rot-schwarz-weißen Kleidung erkennbare Freiwillige des BER erleichterten den Besuchern die Orientierung, beantworteten Fragen, verteilten Gummibärchen und Malbücher für Kinder. Dr. Jörg Stapel, eigentlich Mitarbeiter der BER-Entwicklungsabteilung, hat sich freiwillig für den Besucherdienst am Starttag gemeldet: „Wir wollen doch nett sein, jetzt wo es endlich so weit ist“, sagt er.

Oben am Zugang zur Besucherterrasse wird es nach zehn Uhr allmählich voll. Zunächst muss sich jeder in die Corona-Kontaktliste eintragen, dann öffnet sich der Zugang zur riesigen Aussichtsfläche. Die bietet einen weiten Blick über den Tower, an Piers angedockte Flugzeuge, das Vorfeld, parkende Maschinen. Hier wird selbst der von Tegel verwöhnte Planespotter glücklich. Thaddäus Klein, 16, kommt aus Pankow und fotografiert seit Jahren Flugzeuge – bisher in Tegel, nun erobert er sein neues Aktionsfeld. Ihn beglücken die fotografischen Möglichkeiten: „Frontal ist ja nicht so gut, aber hier gibt es Stellen, von denen aus sich echt gute Winkel ergeben.“ Und er sieht noch andere Perspektiven: Er will Luftfahrttechnik studieren und dann „dort drüben im Tower arbeiten oder im Hangar“, sagt er.

Nicht vollständig glücklich ist eine Berliner Familie, die mit den beiden Kindern gekommen ist. „Die Aussichtsterrasse ist ein Witz“, sagt der Vater, „sehr enttäuschend, weil man Start und Landung nicht sehen kann.“ Jedenfalls nicht die auf der Nordbahn. Das sei schade für die Kinder. In diesem Moment taucht von rechts um die Ecke rollend ein Jet der Turkish Airlines auf, und die beiden dort platzierten Feuerwehrlöschzüge schießen aus vollen Rohren einen Wasserbogen über den Premierenflieger. Die Kinder freuen sich, und schon rollt die nächste Maschine um die Ecke – Easyjet mit auflackiertem Berliner Bär.

Und wie gefällt der „Neue“ den beiden herbeischlendernden älteren Herren? „Großartig!“ Über die hohen Kosten und die lange Verspätung wollen sie heute hinwegsehen. Für die erste Begegnung haben die beiden Herren aus Alt-Glienicke einen Vergleich parat: „Der erste Eindruck entscheidet, und hier stehen wir einer gut gekleideten Person gegenüber – eine gepflegte Erscheinung.“

So ähnlich sehen es zwei Freunde, die aus Wilmersdorf und Reinickendorf zur Erstbesichtigung angereist sind: „Sieht gar nicht so schlecht aus“, befinden sie. Ins Berlinische übertragen heißt das in etwa: „Kannste nich meckern“, und ist ausnehmend positiv zu verstehen. „Wie’s funktioniert, wollnwa denn ma sehn“, sagen sie und haben auch schon bemerkt, dass an mehreren Stellen die Abwärts-Rolltreppen fehlen: „Da wird’s schwierig mit de Koffer.“

Auch die Ausstellung im Untergeschoss fand schon am Eröffnungstag viele Besucher. Und man muss sagen: Die tut nach neun Jahren Verspätung und Kostenverdreifachung denjenigen gut, die den weltweiten Spott ertragen und die Zeche bezahlt haben: den Steuerzahlern, die „die öffentliche Hand“ befüllten, die die Milliarden ausgab. Hier beschäftigt sich der BER mit dem Thema Pleiten, Pech und Pannen. Hier liest man Klartext: „Es fehlte nicht nur an Planung. Es mangelte auch an Aufsicht.“ Es folgt eine lange Liste von Fehlern, politischem und technischem Versagen. Man wünscht dem Neuen, dass diese Zeit wirklich vorbei ist. Er hat jetzt mit Corona noch Ärger genug.