Die ersten Eindrücke der Stadt waren enttäuschend. Ich kam vom Mittelmeer, von Tel Aviv her, über die Autobahn. Links und rechts lagen Hügel, der Verkehr floss zäh. Die ersten Häuser schienen die üblichen Betonwürfel, die überall im Nahen Osten herumstehen: gebaut nach dem Zweiten Weltkrieg, mächtige Klimaanlagen an den Außenwänden, das Wetter nagte an den Fassaden. Der Taxifahrer, ein jüdischer Israeli, sagte, er würde nur bis zur Altstadt fahren, dann müsste ich umsteigen, in ein anderes Taxi, weil er nicht in den Osten der Stadt fahre, wo die Araber lebten. Aber er kenne einen guten arabischen Fahrer, den würde er gleich anrufen, keine Sorge, der werde mich an mein Ziel bringen, eine Wohnung in der Nähe des Damaskus-Tores.

Der nächste Hügel, dann die westliche Innenstadt. Der Taxifahrer fragte, warum ich in den Osten wolle, auch im Westen gebe es gute Hotels, sogar sehr viel bessere als im Osten, und als ich antwortete, ich wohne dort, schwieg er. Wahrscheinlich waren ihm alle Europäer verdächtig, die im Osten wohnen, und wahrscheinlich hielt er mich für ein friedliebendes Weichei, das noch an Ausgleich und Verständigung glaubt, an Oslo und an die Zwei-Staaten-Lösung und nicht an die harte Realität der Waffen.

Nahende Auseinandersetzungen konnte ich ahnen

Vom Balkon der Wohnung aus waren die Spitzen der Al-Aksa-Moschee zu sehen. Im Gericht nebenan kam es mindestens einmal in der Woche zu einem Aufruhr, weil ein palästinensischer Aktivist vorgeführt und verurteilt wurde. Dann standen auf der einen Seite der Straße Demonstranten und auf der anderen Seite gepanzerte Autos sowie Männer und Frauen in schusssicheren Westen mit Waffen im Anschlag. Der Parkplatz war voll, die Autos der Richter und der Staatsanwälte standen neben den Autos der Anwälte und der Angehörigen der Angeklagten.

Schon morgens konnte ich ahnen, ob es am Tag zu Auseinandersetzungen kommen würde. Ein anderer Geruch in der Luft, die Stimmen aufgeregter, die Bewegungen der Menschen auf der Straße einer anderen Dynamik unterworfen. Eine Stimmung, die signalisierte, dass etwas passieren würde, ohne dass dieses Etwas schon seine Konturen gezeigt hätte. Kurz danach lag meistens der Geruch von Tränengas in der Luft.

Wunder werden immer seltener

Der Himmel über der Stadt war magisch. Er hatte jeden Tag eine andere Farbe. Im Sommer war es unerträglich heiß, gegen Abend kam meistens Wind auf, was das Leben erträglicher machte. Dann ging ich spazieren und ließ ich mich meistens ohne Plan treiben, landete aber fast immer an der Mauer, ein haushohes Ungetüm aus grauen Betonplatten. Sie war der Höhepunkt all der Grenzen, die sich überall durch die Stadt zogen, und sich in Checkpoints, in Zäunen, in Stacheldrähten, in Kontrollen am Eingang von Kaufhäusern materialisierten. Als wollten sich die zwei Gesellschaften, die hier Rücken an Rücken und in tiefer Feindschaft miteinander verbunden lebten, ihrer gegenseitigen Missachtung auf Schritt und Tritt versichern.

Ich erinnerte mich an einen amerikanischen Freund, den ich 1987 zum Potsdamer Platz schleppte, damit er den Kalten Krieg aus der Nähe betrachten konnte. Von einer Aussichtsplattform aus sah er auf die Grenze hinab und sagte, die Mauer würde nicht mehr lange stehen. In Jerusalem dachte ich: Wunder gibt es vielleicht immer wieder, aber sie werden auch immer seltener.