Warten auf die Flugzeuge: Am 31. Oktober 2020 soll der Flughafen Berlin Brandenburg, kurz BER, endlich ans Netz gehen.
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BerlinDie rosigen Zeiten liegen nicht einmal ein Jahr zurück. Doch Enrico Rümker hat das Gefühl, dass seitdem eine Ewigkeit vergangen ist – so unwirklich wirken die Erinnerungen aus heutiger Sicht. „Die Situation war völlig anders als heute. Der Luftverkehr nahm immer weiter zu, auch und vor allem in Berlin“, sagt der Sekretär der Gewerkschaft Verdi. „Ein Ende des Booms war nicht in Sicht, die Branche schien völlig krisensicher zu sein. Unsere einzige Befürchtung war, wie wir genügend qualifiziertes Personal bekommen.“ Doch dann kam Corona, und die Luftfahrt gehörte zu den Wirtschaftszweigen, die am härtesten von der Pandemie getroffen wurden. Auch der Flughafen BER, der am 31. Oktober öffnet, findet sich in einem sehr ungünstigen Umfeld wieder. Lässt sich das Versprechen, dass er zu einer Jobmaschine für Berlin und Brandenburg wird, jetzt noch einlösen? Es gibt Skepsis – aber auch Optimismus.

Enrico Rümker, der mit seinem Kollegen Holger Rößler Beschäftigte des Luftverkehrs betreut, musste zu dem Treffen nichts Schriftliches mitbringen. Der 40-Jährige, dessen Akzent die Mecklenburger Herkunft verrät, hat die aktuellen Zahlen im Kopf, weil er sich täglich mit der Misere befasst. Der Jobmotor stottert: So sieht Rümkers Bestandsaufnahme derzeit aus. Vor der Corona-Krise ergaben Rechnungen der Universität Leipzig und des Beratungsunternehmens Conoscope, dass der Luftverkehr in der Hauptstadt-Region zuletzt rund 40.000 Arbeitsplätze sicherte. Bis 2035, hieß es, würde die Zahl kontinuierlich auf bis zu 70.000 steigen. Heute erwartet das niemand mehr.

Auch der Verdi-Mann nicht. Er nennt als ein Beispiel von vielen die Lufthansa: Wenn deren Technikstandort in Tegel nun abgewickelt wird, entfallen die rund hundert Arbeitsplätze ersatzlos. Ein Umzug zum BER werde den Mitarbeitern verwehrt. „Die Tür wurde zugeknallt. Es gibt Techniker, die waren vorher für die Germania, für Condor und für Air Berlin tätig. Jetzt verlieren sie schon wieder ihre Arbeit. Das ist für viele wirklich tragisch. Einige sehen in der Luftfahrtbranche keine Chance mehr für sich.“

Weil es weniger Flugzeuge gibt, die mit Gepäck beladen, übers Vorfeld gezogen oder deren Passagiere eingecheckt werden müssen, sieht es für die Bodenverkehrsdienste ebenfalls schlecht aus. Nach dem Verlust von Aufträgen baut die Wisag in Berlin viele Arbeitsplätze ab, so Rümker. In Berichten sei von bis zu 800 die Rede. Konkurrent Aeroground konnte zwar neue Kunden gewinnen und schrieb immerhin 250 Stellen aus. „Doch mit weiteren Neueinstellungen hält er sich zurück.“ Wie viele Arbeitsplätze es am BER in diesem Bereich geben wird? Schwer zu sagen. Auf jeden Fall weniger als erwartet.

Nicht zu vergessen die Flughafengesellschaft FBB, die schon vor Corona mit Verlusten kalkuliert hat. Für dieses Jahr braucht das Unternehmen, das Berlin, Brandenburg und dem Bund gehört, rund 260 Millionen Euro. Für 2021 gehen die schlechtesten Prognosen von 640 Millionen Euro Finanzbedarf aus. „Auch die FBB muss sparen“, sagt Enrico Rümker. „Zurzeit hat sie noch 2286 Stellen, davon sind bereits 130 nicht besetzt. Bis 2025 sollen rund 400 Arbeitsplätze abgebaut werden.“

20 Prozent mehr Arbeitslosigkeit in der Tourismusbranche

Und dann ist da noch Easyjet. Eine Bestandsaufnahme kommt nicht ohne den Marktführer in der deutschen Hauptstadt aus. Schlechte Nachrichten haben die Branche aufgeschreckt: Von den rund 1500 Berliner Arbeitsplätzen der britischen Airline sollen 740 wegfallen. Auch die Zahl der Flugzeuge, die in Berlin stationiert sind, soll ungefähr halbiert werden – von 34 auf 18, hieß es. Bei den Mitarbeitern geht die Angst um.

„Auffällig ist, dass Berlin von den geplanten Kürzungen deutlich stärker betroffen ist als andere Easyjet-Standorte“, sagt Enrico Rümker. „Dabei ist die Nachfrage der Passagiere hier immer noch relativ hoch, nicht von ungefähr gehen die Bauarbeiten für den Easyjet-Hangar am BER weiter. Dass Berlin so stark bluten muss, liegt aus unserer Sicht daran, dass 2018 zahlreiche Mitarbeiter der insolventen Air Berlin zu Easyjet gewechselt sind. Ihre Arbeitsplätze sind am einfachsten und billigsten abzuwickeln. Anderswo reagiert das Unternehmen anders. So leisten die Beschäftigten in Zürich Kurzarbeit. Das wäre auch in Berlin möglich“ – und ein wichtiges Signal für den BER.

Mit der Luftfahrtbranche leidet der Tourismus. Auch wenn viele Menschen in diesem Jahr ihren Urlaub in Deutschland verbracht haben: „2020 kann nicht mehr positiv werden“, sagt Norbert Kunz, Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbands. „Nachdem es zuvor zehn Rekordjahre in Folge gab, ist das Desaster zu groß, um es wieder wettmachen zu können.“ Kunz erwartet, dass die Arbeitslosigkeit in der Branche um 20 Prozent steigt.

So viel steht fest: Die Jobmaschine stottert, der Boom ist erst mal zu Ende. „Seit sechs Monaten ist die Luftfahrt in der Krise. Eine lange Zeit. Eine harte Zeit“, sagt Stephan Erler, Deutschland-Chef von Easyjet, während einer Podiumsdiskussion des „Tourismusdialogs“ in Berlin. Er trägt orangerote Socken, auch die Schnürsenkel leuchten in der Farbe des Unternehmens. „Wir müssen sicherstellen, dass wir mehr Einnahmen als Ausgaben haben“, betont er. Nur so werde Easyjet überleben können.

Die Airline hat angekündigt, die Zahl der Flugzeuge weltweit von 350 auf 300 zu reduzieren. „Ob es in Berlin die Hälfte betrifft oder weniger, ist Gegenstand von Gesprächen“, sagt Erler. „An unserer DNA hat sich nichts geändert. Wir wollen Tarifvertragspartner sein, wir wollen kein Hire-and-Fire. Auch wenn ein Flugticket deshalb vielleicht zehn Euro mehr kostet.“ Gegen den Vorwurf, dass Easyjet in Berlin so hart spart, weil ein Personalabbau hier kostengünstiger wäre, verwahrt er sich.

Am 31. Oktober geht der Flughafen BER endlich ans Netz, mehr als 14 Jahre nach dem ersten Spatenstich. Doch die Tragik, die dieses Projekt von Anfang an geprägt hat, dauert an. Lange wurde befürchtet, dass der Flughafen angesichts des Passagierandrangs zu klein sein wird – nun ist er erst mal zu groß. Der vorsichtige Optimismus, der sich im Juni und Juli entwickelt hatte, ist schon wieder vorbei. „Bis zum Sommer stieg die Zahl der Fluggäste in Berlin auf 30 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Inzwischen ist sie wieder gesunken, unter 20 Prozent“, berichtet Enrico Rümker. Spanien, Frankreich, England sind als Reiseziele erneut ausgefallen, andere Länder schotten sich gegen Ausländer ab.

Mehr Passagiere als in München

„Normalerweise wird in den Herbstferien viel verreist, in diesem Jahr ist das anders. Für das nächste Jahr ist ebenfalls eine Flaute absehbar“, so der Verdi-Sekretär. „In vielen Behörden und großen Unternehmen müssen die Beschäftigten in den nächsten Wochen ihre Urlaubsplanungen für 2021 vorlegen, und viele werden sich sicherheitshalber für Deutschland entscheiden. Die meisten werden ihre Pläne nicht mehr ändern, selbst wenn Auslandsreisen doch noch möglich sein werden.“ Er wäre glücklich, wenn die Zahl der Passagiere in Berlin auf 50 Prozent des Vor-Corona-Niveaus stiege, sagt Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Sicher sei das aber nicht.

Auch er habe keine Glaskugel, bedauert er. „Wir gehen davon aus, dass es drei, vier, fünf Jahre dauern wird, bis wir die Krise komplett überwunden haben.“ Doch mit seiner kühlen Art will er nicht in manchen Abgesang einstimmen. „Die Menschen wollen weiterhin reisen.“ Der Geschäftsreiseverkehr werde weiterhin schwächeln, was andere Flughäfen aber stärker trifft – etwa München, wo mittlerweile weniger Fluggäste einchecken als in Berlin. „Privatreisen werden aber ein stabiler Bereich bleiben.“ Weltweit gebe es immer mehr Gegenden, in denen Menschen Geld fürs Reisen haben – das sie auch ausgeben möchten.

„Auch weiterhin werden Menschen andere Regionen kennenlernen wollen, und das wird für viele von ihnen bedeuten, dass sie Flüge buchen“, pflichtet Norbert Kunz bei. „Viele Ziele lassen sich nicht zu Fuß oder mit der Bahn erreichen.“ Das sieht Flughafenchef Lütke Daldrup ebenfalls so. „Wir werden mehr direkte Interkontinentalverbindungen nach Berlin bekommen. Der BER wird sich entwickeln.“ Zwar habe Corona diesen Trend unterbrochen, für mindestens zwei Jahre. „Doch wir sind weiterhin in guten Gesprächen mit Airlines aus Asien und Nordamerika, die zu uns fliegen wollen“, sagt er.

Der Flughafenchef verrät einen Tipp. „Kürzlich war ich in Venedig, mit dem Flugzeug. So schön und so leer war die Stadt seit 40 Jahren nicht mehr, als ich das erste Mal da war.“ Was Lütke Daldrup damit sagen will, ist klar: Die Krise bietet auch Chancen. Wenn Reiseregionen ausfallen, werden Menschen Alternativen suchen – und finden. Selten sind Flugreisen so ruhig und entspannt gewesen wie jetzt, sagt Stephan Erler: „An Bord ist es ruhig, alle Passagiere sitzen mit Mundschutz da.“

Noch ein Hotel am BER – trotz Corona-Krise

Wann wird der Jobmotor nun anspringen? „Alle Prognosen zur Entwicklung des Luftverkehrs, die es heute gibt, sind morgen schon wieder überholt“, so Enrico Rümker. „Wenn ein verlässlicher Impfstoff auf den Markt kommt, wird es mit der Branche wieder aufwärts gehen.“ Dass trotz der jetzigen Flaute vor dem BER ein weiteres Hotel gebaut wird, mache deutlich, dass Firmen langfristig denken. „Der Immobilienmarkt ist weiterhin zuversichtlich. Er ist längerfristig orientiert, auf mehrere Jahrzehnte“, sagt Engelbert Lütke Daldrup. „Diese Branche sieht die Entwicklung nüchterner als wir, die wir jeden Tag Geld verdienen müssen und jeden Tag Geld verlieren.“

Bislang habe sich der BER als Wirtschaftsmagnet bewährt, bilanziert Rümker. Im Umkreis Schönefelds haben sich bereits viele Unternehmen angesiedelt. „Ohne den BER wäre Tesla nicht in unsere Region gekommen.“ Die Bauwirtschaft hat profitiert. „In den kommenden zwei Jahren wird die Lage der Luftfahrtbranche prekär bleiben. Aber ich bin mir sicher, dass der Jobmotor BER anspringen wird. Darauf müssen sich die Unternehmen vorbereiten“, sagt der Verdi-Sekretär. „Die Frage lautet: Wie lange hält diese Phase an – und wie kommen wir da heraus? Ich weiß nicht, wie viele Airlines und Dienstleister noch aufgeben. Wir wissen nicht, was kommt. Wir fliegen auf Sicht.“