Jobs in der Lausitz: Region um Cottbus sucht Fachkräfte

Cottbus - Die Lausitz – diese 150 Jahre alte Braunkohleregion in Südbrandenburg und Nordsachsen – steht vor dem nächsten großen Umbruch. Der erste vollzog sich nach dem Ende der DDR, als von den 70.000 Arbeitsplätzen in den Braunkohlegruben und Kraftwerken nur knapp 20.000 übrig blieben. Inzwischen sind es nicht mal mehr halb so viele.

Doch in nicht allzu ferner Zukunft sollen es gar keine Kohlegruben und Kraftwerke mehr sein. Denn der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist so gut wie beschlossen, jetzt verhandelt die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission mit den betroffenen Bundesländern der vier deutschen Kohleregionen noch über das Wie und Wann. Vor allem geht es darum, wie viel Geld ausgegeben wird, um den strukturellen Umbruch zu managen und alternative Jobs zu schaffen.

Zahlen aus zehn Jahren ausgewertet

Immer wieder ist davon die Rede, dass knapp 9000 direkte Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen und dass die Region massiv absteigen könnte. Doch bei allen berechtigten Befürchtungen spielt die gesamtgesellschaftliche Entwicklung eher eine positive Rolle. Gemeint ist, dass auch in der Lausitz nicht Massenarbeitslosigkeit droht, sondern eher massiver Fachkräftemangel.

Das legen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit nahe, deren Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zu dem Ergebnis kommt, dass die 8825 Arbeitnehmer der Energiebranche gerade einmal 2,1 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Lausitz ausmachen. „Wir haben die Zahlen der vergangenen zehn Jahre untersucht und waren doch ein wenig überrascht“, sagt Doris Wiethölter vom IAB der Berliner Zeitung. Denn wer den Begriff Lausitz höre, denke zuerst an Kohlegruben und Kraftwerke.

„Doch die Zahlen zeigen, dass der Strukturwandel bereits seit einigen Jahren im vollen Gange ist.“ Die Energiewirtschaft spiele natürlich für die Wirtschaftsleistung der Region weiter eine große Rolle, aber bei den Beschäftigtenzahlen ist die Branche längst nicht Platz 1.

Jobs im Gesundheitsbereich sind gestiegen

Dort stehen die 75.000 Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe. Zum Beispiel sind allein 12.000 Menschen in der Ernährungswirtschaft tätig – mehr als in der Kohle. Auf Platz 2 steht die Gesundheitsbranche mit 68.000 Jobs, gefolgt von 50.000 in Handel und bei Instandsetzungsbetrieben.

Das Wesentliche daran ist, dass die Zahl der Jobs in der Kohle in den vergangenen zehn Jahren stabil geblieben ist, aber die Zahlen im Gesundheitsbereich um 30 Prozent stiegen, im verarbeitenden Gewerbe um 11 Prozent. „Das heißt: Beim Strukturwandel in einem der wichtigsten Industriestandorte in der Metropolregion Berlin-Brandenburg sind in den letzten zehn Jahre bereits die meisten neuen Arbeitsplätze außerhalb der Energiewirtschaft entstanden“, sagte Doris Wiethölter.

Großer Bevölkerungsrückgang – auch in Zukunft

Zu dieser positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt kommen weitere gesamtgesellschaftliche Faktoren, die den schwierigen Umbruch in der Lausitz zusätzlich erleichtern. So haben die Forscher die Abwanderung von Arbeitskräften untersucht und festgestellt, dass der Bevölkerungsrückgang in der Lausitz deutlich größer ist als in anderen Gebieten. Er lag von 1995 bis 2015 bei fast 19 Prozent. Damit sank auch die Zahl der erwerbsfähigen Bevölkerung um 26 Prozent.

„Der Bevölkerungsrückgang ist damit deutlich kräftiger – teilweise doppelt so hoch – als in anderen Regionen Brandenburgs oder Sachsens“, sagte Doris Wiethölter. Zudem rechnen die Forscher damit, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird, dass bis 2035 die Zahl der Menschen im Alter von 15 bis 65 Jahre um mehr als ein Drittel zurückgehen wird.

Hauptaufgabe der Politik: Fachkräfte halten

Ein Vorteil ist, dass in der Energiewirtschaft überdurchschnittlich viele gut ausgebildete Spezialisten arbeiten, die meist schon älter sind. Viele von ihnen können in Ruhestand gehen, wenn in 10 oder 20 Jahren die Kohlverstromung endet. Das Problem ist allerdings, dass vor allem junge Leute in andere Regionen ziehen. „Wegen der Abwanderung und wegen des Geburtendefizits gibt es schon jetzt einen Fachkräftemangel“, sagte Doris Wiethölter.

Da die Überalterung nicht aufgehalten werden kann, sehen die Forscher die Hauptaufgabe für die Politik darin, die Abwanderung der Fachkräfte und der Jugend aufzuhalten oder wenigstens zu verringern. Dafür sollte es noch mehr Initiativen geben. Sie sollen Leute, die bereits gegangen sind, wieder in ihre Heimat zurückzuholen. Oder man muss Leuten, die heute zur Arbeit nach Dresden oder Berlin pendeln, gut bezahlte Jobs in der Lausitz bieten. Das ist natürlich eine Herausforderung, da die Lausitz allgemein nicht gerade als der schönste und idyllischste Landstrich gilt.

Berufsschulen müssen bleiben

Auch die Forscher sehen, dass dies nur durch einen massiven Modernisierungsschub gelingen kann. „Das ist nur machbar mit einer guten modernen Infrastruktur – sowohl digital als auch verkehrstechnisch“, sagte Doris Wiethölter. „Gemeint sind regelmäßige schnelle Züge in die Region und schnelles Internet.“

Zudem muss verhindert werden, dass weitere Berufsschulen schließen. Sonst ist die Jugend von Anfang an weg. Und die Cottbuser Universität muss sich besser mit Hochschulen in Dresden und Berlin vernetzen, damit in der Lausitz hochmoderne Firmen aus der Uni ausgegründet werden können. „Erfolgsbestimmend wird sein, ob es eine leistungsfähige Bildungsstruktur gibt“, sagt Doris Wiethölter.