Wer kann schon seine ganz persönliche Bilanz aus anderthalb Jahrzehnten in ein Schaubild fassen? Jochen Esser kann es. Er teilt am Dienstag eine Grafik aus, über der „Mein Lieblingsbild“ steht. Man sieht eine rote Fläche, die nach links immer schmaler wird; und eine blaue Fläche, die immer größer wird. Das rote sind die Schulden, die Berlin schon seit Jahren nicht mehr macht. Das Blaue sind die Einnahmen, die inzwischen – dank guter Konjunktur – reichlich fließen. „Das ist ein echter Gesundungsprozess“, sagt Jochen Esser, 64 Jahre alt, Haushälter der Grünen im Abgeordnetenhaus seit 1999, und blickt über die schmale Brille vorn auf seiner Nase in die Runde. Das ist der typische Esser-Blick, der sagen will: Und, habt ihr’s alle verstanden?

Persönliche Bilanz-PK

Jochen Esser hält an diesem Tag eine Art Bilanz-Pressekonferenz in eigener Sache. Das wäre bei manchem Landesparlamentarier, selbst nach mehr als 17 Jahren Abgeordnetenhaus, nicht unbedingt eine Notiz wert. Aber bei diesem ist es mehr als das: Joachim Esser, genannt Jochen, ist in diesen gut anderthalb Jahrzehnten eine Art lebende Legende geworden. Seine Bühne war der Raum 113 des Abgeordnetenhauses, ein riesiger Saal mit langen Tischreihen und mächtigen Lampen, in dem der Hauptausschuss tagt, das für Finanzen zuständige Gremium mit Politikern aller Fraktionen.

Esser war so etwas wie ihr Wortführer, jedenfalls der der Opposition. Keiner kannte sich besser aus mit den groben Linien und den feinen Details des Berliner Etats, mit den Milliarden- und den Zehntausenderbeträgen, den Aberhunderten von Haushaltstiteln in mehreren, eng bedruckten Tabellenbänden, die es alle zwei Jahre Ressort für Ressort, Fachgebiet für Fachgebiet, Projekt für Projekt zu debattieren und zu beschließen gab. Und keiner konnte brutaler dazwischenrufen, wenn ihm etwas nicht passte. Essers Einwürfe im Plenum („Halt bloß die Klappe da drüben!“) waren gefürchtet, aber auch seine Monologe im Saal 113, zu welchem Thema auch immer – ob ihrer Länge, Tiefenschärfe und der sonoren Vortragsweise in heiserer, zigarettenrauchgetönter Basslage und dem unverkennbar Kölschen Grundidiom. Aber sie waren auch geschätzt und geachtet wegen ihres Inhalts.

An Jochen Esser kam kein Finanzsenator vorbei. Alle mussten ihm zuhören. Und sie wollten ihm auch alle zuhören.

Esser tritt nun zur Berlin-Wahl am 18. September nicht mehr als Kandidat fürs Abgeordnetenhaus an – und will sich aus der Politik auch möglichst weit zurückziehen, wie er sagt. „Auch wenn ich ein Politjunkie bleiben werde.“ Es wird ein spürbarer Verlust für das Hohe Haus, das steht fest.

Denn an dem Gesundungsprozess der Berliner Finanzen, den Esser zurecht konstatiert, haben er und die Grünen einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Obwohl sie in seiner Zeit, bis auf ein halbjähriges Intermezzo 2001, niemals an der Regierung waren. Doch an einem wie ihm, hartnäckig, faktensicher, fordernd und immer bestens vorbereitet, kann man lernen, dass Opposition nicht Mist sein muss. Esser hat das auf ein paar Seiten übersichtlich zusammengefasst: Wie die Grünen 2001, als sie über eine Ampel-Koalition verhandelten, in ihr Finanzkonzept schrieben, dass Berlin bis 2015 strukturell saniert sein soll. Die Linken, die dann statt ihrer mit der SPD regieren durften, haben das später unterschrieben und unter Rot-Rot begonnen umzusetzen. Heute ist es geschafft.

„Herr Esser, Sie haben recht!“

Die größten Brocken gehörten dazu: Berlins beispielloser „Solidarpakt“ im öffentlichen Dienst, vulgo massive Gehaltseinschnitte mit Arbeitszeitverkürzung, war auch eine grüne Idee – und brachte milliardenschwere Einsparungen. Besonders stolz ist Esser auf die, wie er sagt, „folgenreichste Rede“, die er je gehalten habe. Im Jahr 2002 schlug er im Plenum vor, aus der bisherigen Wohnungsbauförderung auszusteigen, die zwar sozial hieß, aber asozial war. Danach sei Thilo Sarrazin – als damaliger Finanzsenator in Berlin noch durchaus bei Sinnen – zu ihm in die Lobby gekommen und habe gesagt: „Herr Esser, Sie haben recht. Genauso machen wir’s.“ Das brachte weitere Milliarden.

Natürlich ist aber nicht alles gut, das kann es in der Politik nicht sein. Was Berlin dringend brauche, gibt Esser zu Protokoll, sei eine solide Investitionsoffensive, um die in den dürren Jahren brutal zerschlissene Infrastruktur wiederaufzubauen. Und eine wirkliche Verwaltungsreform samt Personalkonzept, denn derlei habe es all die Jahre nicht gegeben – was auch er sich auf die Soll-Seite schreibe. Im Mai werde er 65, im Herbst komme die erste Rentenüberweisung. Das sei ein Einschnitt, sagt Esser. Er wolle sich jetzt mehr seiner zweiten großen Leidenschaft widmen: der Literatur. Und wieder mehr Freunde treffen statt Haushaltsvorlagen zu lesen.