Jörg Steinert berät in Zukunft Seyran Ates. Vorher geht der leidenschaftliche Pilger aber erst noch einmal auf Reisen. 
Foto: Markus Wächter

BerlinDer Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) muss schon bald auf seinen langjährigen Geschäftsführer Jörg Steinert verzichten. Zum nächsten Jahr wechselt der 38-Jährige zu der 2017 von Seyran Ates gegründeten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Steinert wird hier auf Honorar-Basis vor allem in beratender Funktion das Pilotprojekt „A.I.D – die Anlaufstelle für Islam und Diversity“ begleiten. Wie es dazu kam, und wie er seine Erfahrungen von der Arbeit beim LSVD in die neue Aufgabe einbringen will, sagt Steiner im Gespräch mit der Berliner Zeitung.

„Ereignisreich und sicher nie langweilig“ sei die Zeit beim bundesweit größten Verband für queere Interessen gewesen, so der gebürtige Zwickauer rückblickend. Er verlasse den LSVD ausdrücklich nicht, um für Ates’ Ibn-Rushd-Goethe-Moschee zu arbeiten: „Entgegen meiner persönlichen Planung, bin ich sehr lange beim Verband geblieben, weil mir die Arbeit dort einfach Spaß gemacht hat“. Doch nun sei „der Sprung ins Neue“ reif gewesen. Das Angebot der Anwältin und muslimischen Reformerin Seyran Ates, mit der er seit Jahren befreundet ist, sei spontan und genau zur richtigen Zeit gekommen – das Thema Religion für ihn zudem nicht neu.

Denn die Arbeit beim LSVD zur Sensibilisierung und Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare hat Steinert auch immer wieder in Kontakt mit den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und ihren Institutionen gebracht. „Die Kirche hat sich wahnsinnig entwickelt.“ Er betont vor allem die Fortschritte der Evangelen, die die gleichgeschlechtliche Ehe im Jahr 2001 noch vor dem deutschen Staat einführten. Auch die jüdische Gemeinde Berlins habe sich weiterentwickelt, wie ihre Mitwirkung beim „Bündnis gegen Homophobie“ zeige. Selbst die katholische Kirche habe an der Basis einen beachtlichen Schritt nach vorn gemacht. Bei den großen islamischen Verbänden sieht Steinert dagegen Nachholbedarf: „Am wenigsten hat sich leider in organisierter Form innerhalb der muslimischen Communitys getan.“ Und denen, die daran etwas ändern wollen, drohe Polizeischutz, so wie Seyran Ates, die sich seit Jahren ohne LKA-Beamte nicht frei bewegen könne.

Die in der arabischen Welt hoch umstrittene Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist für Steinert ein wichtiger Anker, um das liberale Spektrum des Islams abzubilden, das sich eben nicht in den muslimischen Verbänden wie der „Milli Görüs“ wiederfinde. Dass er als Nicht-Muslim keine Stimme zum Islam haben kann, lässt er so nicht gelten. Identität sei nicht alles, wichtiger seien „Kompetenz und Empathie“. „Ich sehe meine Aufgaben nicht im theologischen oder innerreligiösen, sondern im gesellschaftspolitischen Bereich“, so Steinert weiter.

Ganz praktisch versteht der Aktivist und Buchautor seine Aufgabe darin, verschiedene Gesprächspartner an einen Tisch zu bringen, „organisierte Gesellschaft“ nennt er das. Doch Steinert sieht auch begrenzte Handlungsspielräume, die Strukturen der oftmals vom Ausland finanzierten muslimischen Verbände zu verändern. Wichtiger sei ihm, den liberalen Muslimen der Stadt, die viel zu wenig gehört werden in der Gesellschaft, eine Vernetzungsmöglichkeit und ihnen innerhalb der islamischen Gemeinschaft eine Anlaufstelle für queere Themen zu bieten.

Konkret zu Projekten äußern wollte sich Steinert hingegen nicht. Er verweist auf die anstehende Pilgertour mit Freundin Ates, bei der natürlich auch über die neue Zusammenarbeit gesprochen wird: „Wir werden genug Zeit haben, um zu schauen, wo genau meine neue Rolle in der Moschee sein wird.“