Berlin hat rund 3,7 Millionen Einwohner, sie sind so verschieden wie die Stadt selbst. Was also macht Berlin aus, wieso lebt man hier – und tut man es überhaupt gern? In unserer Rubrik „Fragebogen Berlin“ fragen wir bekannte Hauptstädterinnen und Hauptstädter nach ihren Lieblingsorten und ihren persönlichen No-go-Areas. Sie verraten ihre Gastro-Geheimtipps, Shopping-Favoriten und Kiezgeheimnisse, aber auch, was sie an Berlin nervt und was man hier auf keinen Fall tun sollte.

Diesmal hat Jörg Thadeusz unsere Fragen beantwortet. Der Moderator und Grimme-Preisträger wohnt mit seiner Frau, der Journalistin Anna Engelke, und drei Katzen an der Stadtgrenze zu Potsdam. Im RBB-Fernsehen präsentiert der 53-Jährige den Kultur-Talk „Thadeusz und die Künstler“ und die politische Gesprächssendung „Thadeusz und die Beobachter“ (nächste Folge: 31. Mai, 22.15 Uhr). Thadeusz strebt nach eigenem Bekunden an, irgendwann mit „alter Meister“ angesprochen zu werden. Dafür muss es aber mit dem Malen bald endlich besser werden.

1.          Herr Thadeusz, seit wann sind Sie schon in der Stadt?

Seit 2001.

2.         Was ist Ihr Lieblingsort in Berlin?

Die Quasi-Schlucht „Im Fischtal“ in Zehlendorf. Ich glaube einem Freund die wahrscheinlich erfundene Geschichte, das Fischtal sei nach Feng-Shui-Vorgaben entworfen worden. Ich kann aber auch an dem Ruinenstück des Anhalter Bahnhofs stehen und mir vorstellen, ich könnte den Tunnel zum gegenüberliegenden Hotel Excelsior noch gehen. Wie die Reisenden in den 20er-Jahren.

3.         Wo zieht es Sie hin, wenn Sie entspannen wollen?

In die Gemäldegalerie. Oder zur Eisdiele am Mexikoplatz. Oder in die erste Mall Berlins, die Einkaufsarkaden des U-Bahnhofs Onkel Toms Hütte. Bitte, liebe wahnhafte Wokies, cancelt den Namen dieses Bahnhofs nicht.

4.         Welche Ecken der Stadt meiden Sie?

Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Mitte.

dpa/Jörg Carstensen
Hier wird man Jörg Thadeusz eher nicht antreffen: auf der Wiese im Mauerpark in Prenzlauer Berg.

5.        Ihr ultimativer Gastro-Geheimtipp?

Das vietnamesische Restaurant Vinh Loc in der Pichelsdorfer Straße in Spandau. Und: Auch wenn dort schon alle Heiratsanträge dieser Welt gemacht worden sind, im Cassambalis in der Grolmanstraße in Charlottenburg komme ich mir wie ein Weltstädter vor. Jedes Mal.

6.       Ihr ultimativer Shopping-Geheimtipp?

Die Buchhandlung am Mexikoplatz. Ich strebe an, von den beiden Besitzerinnen Frau Stolte und Frau Tietz spätadoptiert zu werden. Und die Papeterie in der Uhlandstraße. Das beste Schreibwarengeschäft Deutschlands. Was es dort an Edelpapier nicht gibt, gibt es nicht.

imago
Zur Person

Jörg Thadeusz wurde 1968 in Dortmund als Sohn eines Elektrikers und einer Friseurin geboren. Er studierte an der Ruhr-Uni Bochum Geschichte und Politik, was er aber wieder aufgab.

1991 ging er als Reporter und Moderator zum Hörfunk, seit Ende der Neunziger ist er auch im Fernsehen zu sehen. So moderierte er im RBB bis 2017 die Sendung „Thadeusz“. Für seine Rolle als Außenreporter bei „Zimmer frei!“ erhielt er im Jahr 2000 gemeinsam mit Götz Alsmann und Christine Westermann den Grimme-Preis. Seit April 2013 führt er durch den Polit-Talk „Thadeusz und die Beobachter“.

Bereits als Schüler war Thadeusz als Mitglied der Grünen aktiv, 1990 verließ er die Partei. 2021 schrieb er eine Kolumne im Wahlkampf-Magazin der Berliner FDP. Nach Kritik daran ließ er seine Moderationstätigkeit beim RBB bis zur Abgeordnetenhauswahl ruhen. Thadeusz ist mit der Journalistin Anna Engelke (Foto) verheiratet.

7.         Der beste Stadtteil Berlins ist … 

Wannsee. Ich verstehe mich dort sehr gut mit einem ebenfalls übergewichtigen Biber. Bin immer noch entzückt, dass der Eiserne Gustav aus Wannsee in seiner Droschke nach Paris fuhr. Für einen Mann mit klarer West-Bindung ist das auch ein beruhigendes Gefühl.

8.         Das nervt mich am meisten an der Stadt:

Der Irrtum, barbarisches Benehmen sei eine Variante von Humor.

9.        Was muss sich dringend ändern, damit Berlin lebenswert bleibt?

Die Stadt sollte irgendwann von Leuten regiert werden, die einen Spitzenplatz auf allen möglichen Feldern als Herausforderung betrachten. Nicht als gemeine Zumutung, die sowieso nicht zu bewältigen ist, so lange Bayern, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg auch im Rennen sind.

10.       Ihr Tipp an Unentschlossene: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?

Köln ist entspannter, Frankfurt am Main multikultureller und Hamburg schöner.

11.        Cooler als Berlin ist nur noch …

Dortmund-Lütgendortmund. Mein Heimatvorort der Stadt, die einen „Ugly City Club“ als Fußballverein hat. Dort ist es gelungen, den Ortskern autofrei zu machen. Vielleicht ist Berlin dazu auch irgendwann cool genug.