Berlin - Wer sich das neue Video „FM Biography“ der Sängerin und Pianistin Johanna Borchert anschaut, würde nicht damit rechnen, diese Frau beim Berliner Jazzfest anzutreffen – eher bei einem Indie-Rock-Festival. Das Klavierspiel ist schlicht, der Gesang zerbrechlich und aufwühlend, und am Ende entwickelt sich der Song zur elektronisch verzerrten Sound-Explosion. Doch ist das nur eins von vielen Puzzleteilen, sozusagen die jüngste Facette in ihrer Biografie.

Johanna Borchert kam 1983 in Steglitz zur Welt und wuchs in Bremen auf. Klavier lernte sie zuerst klassisch, ließ sich beim Spiel ab auch gerne treiben von ihrer musikalische Fantasie. „Ich habe immer schon viel improvisiert, eigene Stücke geschrieben, mich autodidaktisch weitergebildet“, erzählt sie beim Treffen im Café Schuchmanns am Kreuzberger Landwehrkanal. Irgendwann bekam sie eine Platte von Keith Jarrett geschenkt, „das waren faszinierende Welten, so etwas hat mich inspiriert“.

Borchert begann ein Jazz-Studium an der Berliner UdK, wo sie aber nach zwei Jahren die Flucht ergriff. „Ich hatte tollen Unterricht für Jazz-Trio, ich habe da viel gelernt, aber ich fühlte mich eingeengt. Bebop und Hardbop waren das Maß aller Dinge, das musste man gut finden, weil es die Jazz-Tradition ist. Und bei meinen Kommilitonen ging es vor allem darum: Wer spielt am besten die schnellsten Soli? Ich war dort von Testosteronbomben umgeben.“

Also wechselte sie die Stadt, ging nach Kopenhagen, wo sie sich mehr Freiheiten nehmen konnte. „Man kann dort als Student auch einfach mal die Richtung wechseln und sich mit Soul, HipHop oder elektronischer Musik beschäftigen.“ Zwischendurch lernte sie am Mills College in Oakland und machte einen Abstecher ins indische Chennai. Schließlich landete sie wieder in Berlin, begann sich in der Szene zu vernetzen und zu etablieren. Johanna Borchert experimentierte dies- und jenseits des Jazz, nahm als Instrument die eigene Stimme hinzu, gründete die Formationen „Little Red Suitcase“ sowie „Schneeweiss und Rosenrot“, womit sie 2012 den Neuen Deutschen Jazz-Preis gewann.

Im Dienste der Stimmung

Den Begriff Jazz sieht sie mittlerweile weniger als Genrebezeichnung. „Jazz ist für mich eine Herangehensweise, eine Haltung, die aussagt, dass man musikalisch flexibel ist, auf den Moment eingeht und sich auch an Umstände anpassen kann. Es gibt immer eine Lösung.“

Es geht ihr nicht um Virtuosität, davon zeugt auch ihr aktuelles Album „FM Biography“. Ihre Musikalität stellt sie hier vor allem in den Dienst einer träumerischen Stimmung, wobei sie aus der intimen Melancholie immer wieder ausbricht, mal mit aufbrausender Stimme, mal mit hämmernden Akkorden am Klavier. Es ist Musik mit großer Geste, für das beschauliche A-Trane vielleicht sogar zu groß. Als nächstes wird Borchert ihr Programm im Roten Salon präsentieren (8. Februar 2015).

Berlin findet sie musikalisch nach wie vor sehr spannend. „Es gibt ein offenes Publikum, auch für schräge Konzerte, nur stellen sich bestimmte Institutionen da manchmal noch quer, viele Jazzclubs sind noch sehr traditionell eingestellt.“ Das Jazzfest, in dessen Rahmen Borchert am Wochenende auftritt, versuche zwar, sich stilistisch zu öffnen. „Dort ist allerdings das Problem, dass das Festival kaum die Berliner Szene auf die Bühne lässt. Stattdessen hört man hauptsächlich große Namen aus der ganzen Welt.“

Neben der Anerkennung fehlt vielen Musikern in der Hauptstadt auch schlicht das Geld. „Als Jazz-Musiker kann man in Berlin eigentlich kein Geld verdienen, dafür musst du auf Tournee gehen. Das Publikum ist kaum bereit, mehr als 6 Euro für Jazz auszugeben. Dann bekommst du nur einen bestimmten Prozentsatz vom Eintritt, und manchmal weißt du noch nicht mal, ob sie dich nicht bescheißen“, sagt Borchert, die neben ihren Konzerten auch Unterricht gibt und früher als Barpianistin jobbte.

Trotzdem fühlt sie sich hier wohl. „Die Stadt ist für mich ein Ruhepol. Sie hat diese Weite, es gibt viel Grün, keine Hektik, und man denkt oft, dass niemand arbeitet. Ich mag das, Berlin gibt mir nicht das Gefühl, einen 9-to-5-Job haben zu müssen.“

Johanna Borchert, beim Berliner Jazzfest: Samstag 1. 11. und Sonntag 2. 11., 22 Uhr, A-Trane, Pestalozzistraße 105.

Konzert im Roten Salon: 8. Februar 2015