Die Schwester von Johanna Hahn weint, als die Anklage verlesen wird. Ihr Bruder starrt den Angeklagten an, der ihm im Saal des Landgerichts gegenübersitzt. Ihre Mutter hat sich zum Oberstaatsanwalt gedreht, als wolle sie jedes Wort der Anklage tief in sich aufnehmen. Die drei sind Nebenkläger in dem Prozess um den Tod der 22-jährigen Studentin Johanna Hahn. Der Vater hat es an diesem Tag psychisch nicht in den Gerichtssaal geschafft.

Johanna Hahn war am Abend des 6. Juni an der Ecke Windscheidstraße Kantstraße von einem Auto getötet worden. Der Wagen war in einer Tempo-30-Zone mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde über eine rote Ampel gerast und mit zwei bei Grün fahrenden Fahrzeugen kollidiert. Die Studentin hatte ebenfalls Grün und schob ihr Fahrrad, als sie die Straße überquerte. Sie wurde laut Anklage von dem Audi erfasst und durch die Luft geschleudert. Sie starb beim Aufprall durch eine sogenannte „innere Enthauptung“.

„Wir wurden dann verfolgt, von ganz normalen Autos“

In dem Audi saßen drei Männer, die zuvor Werkzeug aus einem Kleintransporter gestohlen und auf ihrer Flucht vor Fahndern eine Polizeiblockade durchbrochen hatten. Angeklagt ist der mutmaßliche Fahrer des Wagens. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 27-jährigen Milinko P. besonders schweren Diebstahl, gefährliche Körperverletzung und Mord an Johanna Hahn vor. „Er wollte der Polizei um jeden Preis entkommen“, sagt Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Dorsch. Dem aus Serbien stammenden Mann sei es egal gewesen, wer bei der Flucht auf der Strecke bleibe.

Der Beifahrer des Angeklagten, der 18-jährige Danijel I., wurde bei dem Unfall so schwer verletzt, dass er einen Tag später im Krankenhaus starb. Der dritte Tatverdächtige ist erst 14 Jahre alt.

Milinko P. gibt an diesem ersten Prozesstag zu, an dem Diebstahl beteiligt gewesen zu sein und das Auto gesteuert zu haben. Er sei wegen der Hochzeit seiner Schwester nach Deutschland gekommen und habe in Berlin Danijel I. und dessen Bruder kennengelernt. Am 6. Juni seien sie zu einem Kleintransporter gefahren und hätten daraus Werkzeugkoffer gestohlen. An einer roten Ampel habe sich ein Auto quer vor ihren Audi gestellt, Männer in Zivil seien aus dem Wagen gesprungen. Danijel habe von Mafia gesprochen. Der Angeklagte legte den Rückwärtsgang ein, er schob dabei einen hinter dem Audi stehenden Polizisten gegen einen Polizeiwagen. „Wir wurden dann verfolgt, von ganz normalen Autos“, sagt Milinko P. Auch die Männer seien nicht als Polizisten erkennbar gewesen.

Angst vor der Mafia

Er habe geglaubt, dass es sich wirklich um die Mafia handelt. Danijel I. habe noch den Fuß des Angeklagten auf das Gas gedrückt. „Ich habe nicht gemerkt, dass eine junge Frau getroffen wurde“, sagt der Angeklagte. „Es tut mir unendlich leid, dass Frau Hahn und Daniel ums Leben gekommen sind.“

„Johannas Familie geht es sehr schlecht“, sagt Gregor Gysi, der die 51-jährige Mutter Susanne Hahn und die 24 und 26 Jahre alten Geschwister des Opfers vertritt. Johanna Hahn sei durch einen verbrecherischen Zufall ums Leben gekommen, sagt Gysi. Man müsse aber auch die Rolle der Polizei hinterfragen. Warum verfolgten die Beamten das Diebestrio – zudem noch ohne Blaulicht und Martinshorn?

Gysi kannte die junge Frau persönlich. „Sie war eine Mitschülerin meiner Tochter, ein sehr nettes Mädchen“, sagt er. Deswegen habe er auf Wunsch der Hinterbliebenen sofort das Mandat übernommen.

Soziales Engagement 

Laut Gysi legt die Familie großen Wert darauf zu betonen, dass sich die getötete junge Frau für alle Benachteiligten egal welcher Nationalität eingesetzt habe. Johanna Hahn studierte im 7. Semester Sozialarbeit an der Alice Salomon Fachhochschule Berlin. Sie betreute Flüchtlinge und engagierte sich bei Amnesty International. Zusammen mit ihrer Schwester Katharina setzte sie sich für Waisenkinder in Afrika ein. Erst kurz vor ihrem Tod hatte sie ein Auslandssemester in Norwegen absolviert.

Katharina und Alexander Hahn haben nach dem Tod ihrer Schwester ein gemeinnütziges Unternehmen gegründet. Sie wollen durch Spenden Menschen bei der Trauerbewältigung helfen. Zudem hat die Familie ein Adventskonzert organisiert – für alle, die plötzlich einen lieben Menschen verloren haben. Das Konzert findet am 9. Dezember um 19 Uhr in der St.-Thomas-von-Aquin-Kirche in der Charlottenburger Schillerstraße statt. Der Eintritt ist frei.