Ein Schöffe brachte den ersten Prozess um den Tod von Jonny K. zum Platzen. Der neue Schöffe macht einen gelangweilten Eindruck und döst vor sich hin. Ob ehrenamtliche Richter gebraucht werden oder nicht, erklärt Stefan Finkel, Vorsitzender des Berliner Richterbundes. Er arbeitete selbst 14 Jahre lang als Strafrichter.

Herr Finkel, wozu braucht man überhaupt Schöffen, können Richter nicht alleine entscheiden?

Die erste Aufgabe eines Schöffen ist, natürliches Empfinden in einen Prozess hineinzutragen. Er soll in einem Verfahren schildern, wie zum Beispiel ein Zeuge bei ihm ankommt, damit nicht nur die Berufsrichter aus ihrer akademischen Position heraus entscheiden. Außerdem sollen die Schöffen die Berufsrichter zu einer verständlichen Sprache anhalten, damit die Bürger nachvollziehen können, warum ein Urteil wie ausfällt.

Und die Berufsrichter nehmen die Schöffen auch ernst?

Selbstverständlich, sie sind eine große Hilfe für uns. Ein Berufsrichter hat zwar intensiv das Recht studiert, für den ist aber interessant und wichtig, welchen Blick ein Laienrichter gerade bei der Klärung von Sachfragen hat.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Da muss ein Gericht beurteilen, ob ein Handwerker seine Verträge richtig abgewickelt hat, oder ob eine Baustelle richtig gesichert war. Ein Schöffe kann den ganz normalen Alltag oft viel besser beurteilen als ein Berufsrichter.

... wenn er denn zuhört und im Prozess nicht schläft...

Dass ein Schöffe nicht zuhört, ist die absolute Ausnahme. Dann muss man mit ihm reden und ihn an seine Verantwortung erinnern. Das klappt meistens auch. Generell werden Schöffen geschult. Außerdem reden wir Berufsrichter vor Beginn eines jeden Verfahrens immer noch einmal mit ihnen, bereiten sie beispielsweise darauf vor, welche schlimmen Fotos von Leichen sie möglicherweise zu sehen bekommen. Und erklären ihnen auch noch einmal, wie sinnvoll und wichtig sie sind, dass sie die selbe Verantwortung wie ein Berufsrichter haben.

Am Kammergericht, dem obersten Berliner Landesgericht, gibt es keine Schöffen, warum?

Weil dort keine Sachfragen sondern ausschließlich Rechtsfragen geklärt werden, dazu braucht man keine Schöffen.

Ist in einer Ihrer Verhandlungen mal ein Schöffe eingeschlafen?

Das habe ich noch nie erlebt. Aber es gibt Schöffen, die hören weniger interessiert zu als andere.

Was macht man mit den Desinteressierten?

Da können Sie nichts machen. Desinteresse ist kein Grund, einen Schöffen vom Prozess auszuschließen. Man sollte sich aber vom äußeren Eindruck nicht täuschen lassen. Es gibt Schöffen, die stellen in einem Verfahren keine einzige Frage, weil sie sich nicht trauen. Die formulieren ihre Fragen lieber schriftlich und lassen sie dann den Berufsrichter stellen. Wie groß ein Interesse ist, merkt man eher hinten im Beratungszimmer, wenn wir Verfahrensfragen wie etwa einen Beweisantrag diskutieren.

Dann müssen Sie den Laienrichtern erst einmal erklären, was sich hinter einem Beweisantrag verbirgt.

Es ist unsere Aufgabe, komplizierte juristische Fragen so zu erklären, dass sie auch ein Laie nachvollziehen kann. Manchmal klappt das in zehn Minuten, manchmal brauchen wir dafür auch anderthalb Stunden.

Nehmen wir nur mal den Berliner Bankenskandal. Ist da ein Schöffe nicht komplett überfordert?

Durchaus. In Wirtschaftsstrafverfahren, wo es um so komplizierte Delikte wie Untreue oder Insolvenzverschleppung geht, sollte man überlegen, ob nicht eine Spezialisierung besser wäre. Dass da eben nur Bankfachleute oder Steuerberater als Schöffen in Frage kommen. In Jugendstrafverfahren gibt es ja auch spezielle Schöffen, die in aller Regel aus Berufen kommen, in denen sie viel mit Jugendlichen zu tun haben, wie Lehrer oder Sozialarbeiter.

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Was passiert, wenn ein Schöffe ein anderes Urteil fällen würde als Sie?

Das ist klar geregelt. Eine Schwurgerichtskammer zum Beispiel, die über Kapitaldelikte wie Mord oder Totschlag befinden muss, besteht aus drei Berufsrichtern und zwei Laienrichtern. Bei Rechtsfragen, die den Prozess betreffen, wie etwa einem Beweisantrag, reicht für eine Entscheidung des Gerichts eine einfache Mehrheit der Richter. Wenn ein Angeklagter aber schuldig gesprochen wird, ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich. Das heißt, ein solcher Schuldspruch muss mit mindestens vier von fünf Stimmen gefällt werden. Sind beide Schöffen gegen einen Schuldspruch, wird der Angeklagte im Namen des Volkes freigesprochen.

Ist Letzteres schon vorgekommen?

Selbst wenn ich ein Beispiel wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht sagen. Das verbietet das Beratungsgeheimnis. Alles, was wir hinten im Beratungszimmer besprechen, wird nicht nach außen getragen.

Das Gespräch führte Sabine Deckwerth.