Zuerst ist da, unter den goldsilbrig schimmernden Faltungen, dieses Türkis. Eine Zwischenfarbe, faszinierend unentschlossen changierend zwischen Grün und Blau.

Es breitet sich auf den riesigen, tafelbildhaften Blättern aus wie ein irisierendes Meer, oder wie ein unwirklicher Himmel, als Bildgrund für ein wie durch eine Strömung, einen Luftsog erzeugtes Geschehen. Dieses schwankt zwischen poetischer Stille und elementarem Rhythmus, zwischen Impuls und Akribie, zwischen Chaos und Ordnung.

Dabei ist genau dieses unentschiedene Dazwischen der Grund, wegen dem sich der Blick des Betrachters regelrecht festsaugt.

Die aus Frankfurt am Main stammende Wahlberlinerin Jorinde Voigt, geboren 1977, hat die Wände der Galerie Johann König mit zwölf ganz neuen, ausladenden Arbeiten gefüllt. Die junge Zeichnerin, weltweit als außergewöhnliche, das Leidenschaftliche nie verhehlende Concept-Art-Vertreterin der Linienkunst gefeiert, war Meisterschülerin von Katharina Sieverding an der Universität der Künste Berlin. Und seit Kurzem lehrt sie selbst an der Münchner Kunstakademie.

Tomografen des Denkens

Verglichen mit den bekannten großen Zeichnungen der letzten Jahre, diesen visionären Versuchsanordnungen von Alltag bis Universum, all diese mit Graphit, Tusche, Tinte vorgenommenen Vermessungen der eigenen Umgebung, der Erde und des Kosmos, gelten der Kunstkritik wie einer großen Fangemeinde als Tomografien des Denkens. Es sind Bilder von Codes: für Schrift und Bild, Wissenschaft, Literatur, Musik und Philosophie, für Körper und Geist.

Nun steht man in der Galerie von Johann König vor großen Papieren, auf denen sich das ganze bisherige zeichnerische Vokabular als Einheit und Kampf der Gegensätze zeigt. Und es teilt sich eine Malerin mit. Jorinde Voigt verbindet neuerdings virtuos ihre energetischen Exkursionen und Tänze der Linien mit atmosphärischen Farbflächen. Die Symbiose von Graphit-Spuren mit dem Rhythmus der Pinselschläge, die Orientierung gebenden Fadenlinien, die gegen die Anarchie von Drippings und explosiv in den Bildraum geschleuderten grünblauen Pigmenten halten – das ist so konzeptionell wie sinnlich.

Und es weist ins Dreidimensionale: Ihre blattgoldenen Intarsien nennt Joride Voigt „Treppen“. Dabei mögen diese Gebilde, die aufsteigen und niedersinken, wie von imaginären Strömen getrieben, auch wie Faltungen aussehen, wie Plissees oder Lampionteile, die durch die Luft schweben, bloß von schwarzen Fäden gehalten wie Gleitschirmchen.

„Grüne Treppe“ und „3 Stairs“, was, etwas abgewandt und verkleinernd, Stiege heißt, bilden ein klassisches Diptychon. Was die malende Zeichnerin dazu vermerkt, liest sich kryptisch-wissenschaftlich: „Rotationsrichtung Rotationsgeschwindigkeit 1–8 Umdrehungen/ Tag Vorgestern – Gestern – Heute – Morgen – Übermorgen“.

Hier öffnet sich ein winziger Spalt in die Geisteswelt der Künstlerin, hinder deren enigmatischen, poetischen Gebilden eigentlich die abstrakte Idee von Transformatoren steckt. Von Umwandlern und Energietransportern – im technischen wie im philosophischen – oder auch im musikalischen Sinne. Jorinde Voigt nämlich ist passionierte Cello-Spielerin, man könnte ihre Blätter also durchaus lesen wie Partituren.

Vor allem aber zeichnet, malt, collagiert hier eine Universalistin mit eigenwilliger Wahrnehmung: Realität und Fantasie, Körperlichkeit und Geistigkeit – Sehen, Denken, Fühlen sind eins. Und was uns zuerst durch seine Schönheit bannt, ist und bleibt geheimnisvoll, was einen aber umso mehr anzieht. Der Schlüssel dazu ist die Lust, sich auf das Rätsel einzulassen.

Galerie Johann König, Dessauer Str. 6–7. Bis 20. Dezember, Di–Sa 11–18 Uhr. Tel: 26 10 30 80, Internet: www.johannkoenig.de