Acht Jahre sind seit José González letztem Solo-Album „In Our Nature“ vergangen. In dieser Zeit hat er zwei Alben mit seiner Band Junip veröffentlicht und Filmsongs für Ben Stiller geschrieben. Am 20. Februar erschien sein neues Album „Vestiges & Claws“, das er am Montag und Dienstag (3. März) auf gleich zwei ausverkauften Konzerten im Heimathafen in Neukölln vorstellt.

Vor einem knappen Jahrzehnt haben Sie Ihre Berliner Konzerte im Kino Babylon und im Admiralpalast gegeben, nun treten Sie im Heimathafen auf. Mögen Sie es als Solo-Musiker lieber mondän?

Ich mag es einfach, an kleineren Orten zu spielen. Die Intimität dort spiegelt auch ein wenig die Situation wieder, in der meine Lieder entstehen. Der Nachteil bei bestuhlten Sälen ist allerdings, dass es sich das Publikum schnell zu gemütlich macht. Daher ist es mir diesmal wichtig, dass der Heimathafen nicht bestuhlt wird. Das Publikum sollte nicht so statisch sein, man soll sich auch mal zwischendurch ein Bier holen können. Und gerade bei meinen neuen Songs „Leaf Off“ und „Let It Carry You“ wurde mir klar, dass sie eher für ein stehendes Publikum geeignet sind.

Zuletzt haben Sie mit Ihrer Band Junip auf dem Berlin Festival gespielt. Haben Sie den Eindruck, dass sich Ihr Berliner Publikum über die Jahre verändert hat?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen. Einerseits verschwimmen im Rückblick alle Konzerte zu einer schwer zu unterscheidenden Masse. Wenn es aber andererseits Unterschiede von Konzert zu Konzert gibt, dann liegt das meistens nicht an den verschiedenen Städten, sondern an den verschiedenen Veranstaltungsorten, die ihr jeweiliges Publikum anziehen, das wiederum einen speziellen Vibe erzeugt. Ich weiß, dass das Publikum in Berlin immer gut zu mir war. Ich verspüre eine starke Bindung zu dieser Stadt.

Mit dem Kunstbandprojekt The Berlin String Theory sind Sie 2011 auf Tour gegangen...

Ja, es leben auch ein paar gute Freunde von mir hier. Der Sänger Patrick Christensen zum Beispiel, der einige meiner Songs für The Berlin String Theory beziehungsweise für deren schwedischen Ableger The Göteborg String Theory neu arrangiert hat.

Hat diese Projekt wirklich etwas mit der Stringtheorie zu tun?

Ehrlich gesagt mochte ich diesen Namen nicht besonders. Ich habe mit Patrick auch darüber geredet. Er hat sich seine eigenen Gedanken zu diesem Namen gemacht... Wie auch immer, wissenschaftlich kamen wir da nicht auf einen Nenner. Aber sie machen gute Musik.

Sie wären selbst fast Wissenschaftler geworden...

Ja, ich habe fünfeinhalb Jahre Biochemie studiert, bis ich vor elf Jahren begann, auf Tour zu gehen und nur noch Musik zu machen. Hin und wieder erwacht mein Interesse an der Wissenschaft, aber nur als Beobachter. Wenn es eine interessante Konferenz gibt, versuche ich zum Beispiel ein paar Vorträge anzuhören.

Beeinflusst Ihr wissenschaftliches Interesse auch Ihre Musik?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Für mich ist Musik einfach Musik. Ich frage mich nicht, warum jetzt eine Harmonie für mich schöner klingt als eine andere. Mein Zugang ist da eher naiv und nicht intellektuell. Aber wenn es darum geht, Songtexte zu schreiben, ist ein gewisser wissenschaftlicher Einfluss schon vorhanden. Wie zum Beispiel das Wort „Vestiges“, das im Titel meines neuen Albums auftaucht. Das wird außerhalb der Wissenschaft eigentlich von niemandem benutzt.

Der Blick in ins Wörterbuch zeigt: „Vestiges“ heißt auf deutsch „Spuren“ oder „Reste“. Woran haben Sie dabei gedacht?

Es bezieht sich auf etwas, das übriggeblieben ist aus einer vergangen Zeit und nun seine ursprüngliche Funktion verloren hat. Bei „Vestiges“ handelt es sich also um Spuren kultureller oder auch biologischer Art.

Es geht eben nichts über die gelegentliche Aufmotzung des eigenen Vokabulars.

Ja, nicht wahr? Im Ernst, eigentlich versuche ich, schwierige Worte in meinen Songs zu vermeiden. Aber in einer Unterhaltung kann so ein Wort hin und wieder ganz nützlich sein.

Damit kann man jeden Small Talk sabotieren.

Oh ja. Und plötzlich entsteht diese peinliche Stille... Motze dein Vokabular auf – das ist das beste Rezept, um nie wieder flachgelegt zu werden.

Ihr neues Album klingt erst mal wie ein typisches José-González-Album. Bei genauerem Hinhören tauchen aber sowohl westafrikanischer Blues als auch der estnische Komponist Arvo Pärt als Einfluss auf. Wie haben Sie diesen Spagat geschafft?

Ich habe viel Musik aus Mali gehört und auch mit einigen Musikern dort zusammengespielt. Das macht mir einfach Spaß. Aber ich mag auch hin und wieder die Idee, dass Musik eine Funktion haben kann. So höre ich selbst manchmal Musik zur Meditation, damit meine Gedanken zur Ruhe kommen. Arvo Pärts „Spiegel im Spiegel“ gehört dabei zu meinen absoluten Favoriten.

Das Gespräch führte Ralf Krämer.