Berlin - Zur Erinnerung: Im Juli 2014 wurden auf dem Gelände der Freien Universität Berlin (FU) bei Bauarbeiten Knochen von mindestens 15 Erwachsenen und Kindern gefunden. Der Fund lag in einer speziell dafür ausgehobenen Grube; nummerierte Kunststoffmarken wiesen auf eine wissenschaftliche Sammlung hin. Die Arbeiter riefen die Polizei. Diese überstellte die menschlichen Überreste an das Gerichtsmedizinische Institut der Charité. Allerdings versäumte es das Präsidialamt der FU – damals von Peter-André Alt geleitet –, der Polizei und den Gerichtsmedizinern mitzuteilen, was man genau wusste: Die seltsamen Knochen stammten aus dem ehemaligen Garten des einst berüchtigten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Ebendieses Institut hatte 1944 Skelette und eine Vielzahl anderer menschlicher Präparate von Josef Mengele aus Auschwitz erhalten.

An einer Information der Öffentlichkeit zeigte die FU zunächst wenig Interesse. So geschah es, dass die Knochen am 16. Dezember 2014 im Krematorium Berlin-Ruhleben sang- und klanglos verascht wurden. Halbbewusst oder aus Schlamperei hatten es die Verantwortlichen der FU so weit kommen lassen. Auf Anfrage ließ Präsident Alt später mit der Ausrede antworten: „Weitere Details“ über die Herkunft seien „aufgrund der langen Liegezeiten der Knochen“ leider nicht zu erfahren gewesen. Allerdings war die Sache ruchbar geworden: Medien engagierten sich, darunter die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; schließlich, im Mai 2017, organisierte die israelische Gedenkstätte Yad Vashem einen internationalen Workshop zu dem so schnell beseitigten Fund.

Bereits zuvor hatte der öffentliche Druck dazu geführt, dass die FU Susan Pollock, eine hervorragende Archäologieprofessorin dieser Universität, beauftragte, gemeinsam mit ihren Studenten nachzugraben. In einem nur kleinen Teil des infrage kommenden Geländes fanden die Fachleute schnell drei Gruben mit menschlichen Knochen, vor allem (wohl infolge früherer Bauarbeiten) Knochensplitter – insgesamt etwa 16.000 teils winzige Stücke. Nun endlich, bald sieben Jahre nach dem ursprünglichen Fund, stellte die FU am 23. Februar 2021 die Ergebnisse dieser ersten wissenschaftlich-professionellen Grabung in einer Video-Präsentation vor.

In nüchterner und lehrreicher Weise hielt Susan Pollock den mit Abstand besten Vortrag. Insgesamt können die Gebeine mindestens 54 Menschen (mutmaßlich etwa 75) aller Altersklassen zugeordnet werden. Die Knochen gehörten eindeutig zu einer wissenschaftlichen Sammlung. Aufmerksamkeit verdient insbesondere einer ihrer Funde: der in 1,40 Meter Tiefe an einer schwer einsehbaren Stelle entdeckte fragmentarisch erhaltene Gipsabguss eines Mannes mit dazugehörigen Knochen. Wie Frau Pollock resümierte, ergibt sich besonders aus diesem Fund der Hinweis auf „einen gewissenlosen Forschungsrassismus“, mehr noch: Nach ihrer Vermutung spricht manches dafür, dass es sich im Fall dieser Grube um ein Versteck handelt, an dessen Inhalt später weiterhin geforscht werden sollte.

Aus dieser Einsicht folgt die zwingende Notwendigkeit, die Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts fortzusetzen. Das aber verhindert der derzeitige Präsident der FU, der Mathematiker Günter M. Ziegler, ohne stichhaltige Begründung. Warum nur? Fortsetzung folgt.

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