Berlin - Es gibt runde Geburtstage und halbrunde, es gibt echte Jubiläen und solche, die öffentlich zelebriert werden, obwohl ihnen die ganz beeindruckende Jahreszahl fehlt. Am 16. Oktober werden neun Jahrzehnte Theater am Kurfürstendamm gefeiert. Die Geburtstagsparty, zu der die Berliner eingeladen sind, ist auch ein (vorgezogener) kleiner Abschied. Denn die Bühne soll gemeinsam mit der „Komödie“ weichen, wenn aus dem verstaubten Kudamm-Karree ein modernes Einkaufszentrum wird. Der irische Investor Ballymore will zwar auch in dem Neubau ein Theater bauen. Doch von den beiden, vom berühmten Architekten Oskar Kaufmann erbauten historischen Bühnen wird wohl nur die Erinnerung bleiben.

Der Tag der offenen Tür (11-18 Uhr), zu dem Direktor Martin Woelffer einlädt, ist eigentlich eine Jubiläums-Nachfeier. Denn das Theater am Kurfürstendamm wurde am 8. Oktober 1921 mit der Premiere des Stücks „Ingeborg“ von Kurt Goetz (später Curt Goetz) eröffnet. Einen Tag später schrieb das Berliner Tageblatt: „Wen riefen die Leute zum Schluss? Den Autor? Vielleicht. Die Darsteller? Möglich. Den Direktor? Kann sein. Den Regisseur? Denkbar… Mit voller Sicherheit riefen sie: Kaufmann, Kaufmann! Das ist der Architekt.“

Das Theater wurde zu einem Lieblingsort des Berliner Publikums, vor allem nachdem 1928 Max Reinhardt die Bühne übernahm. 1933 wurde Hans Wölffer Direktor von Theater und Komödie am Kurfürstendamm - und begründete eine neue Dynastie. Er blieb Prinzipal, bis die Bühnen 1942 unter den Nationalsozialisten verstaatlicht wurden. 1943 wurden beide Theater durch Bomben schwer beschädigt, drei Jahre später waren sie wieder aufgebaut. Das Theater am Kurfürstendamm wurde 1949 bis 1963 Spielstätte der Freien Volksbühne. Hans Wölffer, schon lange wieder Direktor der „Komödie“, übernahm nach deren Auszug erneut die Leitung des Hauses. Zwei Jahre später holte er die Söhne Jürgen und Christian in die Direktion. Schauspieler, bekannt durch Film und Fernsehen, traten regelmäßig auf: Inge Meysel, Grit Boettcher, Wolfgang Spier, Michael Degen, Winfried Glatzeder, Katja Riemann und andere.

„Wir werden auch 100 Jahre Theater am Kurfürstendamm feiern“

2004 übergab Jürgen Wölffer die Direktion seinem Sohn Martin, der seinen Nachnamen abweichend mit oe schreibt. Der verjüngte das Programm mit Stücken wie „Männerhort“, „Drei Schwestern“ und „Kalendergirls“. Doch 2006 wurden die Mietverträge gekündigt, eine Deutsche-Bank-Tochter wollte die Häuser abreißen. Künstler, Publikum und der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf protestierten. 2007 kaufte der irische Investor Ballymore das Kudamm-Karree. Auch er wollte abreißen - und nur eines der Theater erhalten, als Neubau im dritten Stock. Die Bühnen stehen nicht unter Denkmalschutz, ein Bürgerentscheid zum Erhalt scheiterte. Nach langem Ringen stimmte Woelffer Ballymores Plänen zu.

Der Investor garantiert Planungssicherheit - für 20 Jahre soll das Privattheater, das keine Subventionen bekommt, wenig Miete zahlen. Zudem dürfte der renommierte Architekt Sir David Chipperfield, der nicht nur das Karree, sondern auch das Theater entwerfen soll, zusätzliches Publikum anziehen.

Noch hat aber der 500 Millionen Euro teure Umbau des Karrees nicht begonnen, was immer wieder Gerüchte nährt. Denn Ballymore hat auf dem anglo-irischen Immobilienmarkt große Verluste zu verkraften. Es heißt, die Firma suche Kooperationspartner. Zudem wurden Planungsgespräche mit dem Bezirk ausgesetzt. „Nur wegen des Wahlkampfes“, sagt Ballymore-Sprecher Armin Huttenlocher. „Ballymore wird das Projekt realisieren.“ Die Theater würden noch die Spielzeit 2011/12 in ihren Stammhäusern verbringen - und während der Bauarbeiten in ein Ausweichquartier ziehen. Wohin, verrät Huttenlocher nicht: „Wir wollen bis Jahresende eine Lösung präsentieren.“ Aus gut unterrichteten Kreisen heißt es, dass ein Zelt im Gespräch ist, auf einer Freifläche in der City West.

Martin Woelffer plant derweil die nächste Saison. Und bleibt optimistisch: „Wir werden auch 100 Jahre Theater am Kurfürstendamm feiern - egal in welchem Gebäude.“

Tag der offenen Tür:

16. Oktober, 11-18 Uhr, Kurfürstendamm 206-209.

Kostüm- und Requisitenversteigerung, Improvisationstheater, Gespräche mit Darstellern und Regisseuren, Autogrammstunde u.a. Eintritt frei.