Mindestens 63.000 Stolpersteine hat er bereits verlegt – und sein Auftragsbuch ist weiter gut gefüllt. Am Sonnabend hat Gunter Demnig, der mit seiner Arbeit an von den Nazis ermordete Nachbarn erinnert, Jubiläum.

Seinen ersten Stein verlegte der vor zwei Monaten 70 Jahre alt gewordene Künstler vor genau 25 Jahren. Damals versenkte er einen Stein in das Straßenpflaster vor dem Historischen Rathaus in Köln.

Die Stadt am Rhein ist seit mehr als 30 Jahren Wahlheimat von Gunter Demnig, geboren wurde er jedoch in Berlin. Und in seiner Geburtsstadt hat der Künstler auch besonders eindringliche Spuren hinterlassen. Bis zum heutigen Tag hat er an der Spree 7822 Wackersteine mit blank polierter Messingplatte inklusive Inschrift verlegt. Diese verteilen sich auf 75 von 96 Berliner Ortsteilen.

Einer dieser Ortsteile ist Britz und gehört zum Bezirk Neukölln. Britz ist ein bürgerlicher Ortsteil und hat so gar nichts mit dem „Problem-Neukölln“ mit seinem großen Anteil muslimischer Bevölkerung – und alleine deswegen schon mutmaßlich anfällig für Antisemitismus – zu tun.

120 Euro für einen Stolperstein

Nun wurden in der zweiten November-Woche ausgerechnet in Britz insgesamt 16 Stolpersteine aus dem Straßenpflaster gerissen und gestohlen. Als Täter wurden keine Muslimen, sondern Rechtsextreme vermutet, die in Britz seit Jahren ihr Unwesen treiben. So gehen dort immer wieder Autos von Polit-Aktivisten in Flammen auf, die sich öffentlich gegen rechte Gewalt stellen.

Jedenfalls war nach der jüngsten Stolperstein-Schändung die Empörung groß, die politische und gesellschaftliche Anteilnahme ebenso. Und schon bald war klar: Ein Ersatz ist finanziell gesichert. Bei der Anwohnerinitiative Hufeisern gegen Rechts waren innerhalb kürzester Zeit rund 1400 Euro Spenden eingegangen. Zudem kündigte das Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen, dem ein Großteil der besonders betroffenen Häuser in der Hufeisen-Siedlung in Britz gehört, an, die Kosten für den Ersatz aller entwendeten Gedenksteine zu übernehmen.

Das ist bedeutend – immerhin kostet die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins 120 Euro. „Darin ist alles enthalten, der Stein, unsere Anreise und die Verlegung“, erläutert Initiator Demnig. Neun Leute gehören zu seinem Team.

Inzwischen werden monatlich bis zu 500 Stolpersteine in etlichen Städten Deutschlands und einiger Nachbarländer verlegt. Unmöglich könnte der Chef jeden einzelnen Termin persönlich übernehmen. Im Britzer Fall ersetzte am 3. Dezember ein Team-Mitglied den ersten Stein.

„Das größte dezentrale Mahnmal der Welt“

Demnig selbst war einen Tag zuvor in Steglitz aktiv gewesen. An der dortigen Wrangelstraße verlegte er vor dem ehemaligen Blindenwohnheim Berlin – der einstigen „Jüdischen Blindenanstalt“ – gleich zehn Steine. Insgesamt liegen dort mittlerweile 21 Steine, sechs weitere werden folgen. Sie erinnern an ehemalige Bewohner, die in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden.

Demnig nennt seine Stolpersteine „das größte dezentrale Mahnmal der Welt“. Denn tatsächlich recherchiert der Künstler nicht selbst die Biografien jener Menschen, denen er mit seinem Kunstwerk oft das einzige bleibende Andenken verschafft.

Demnig wird aktiv, sobald ihn Mitglieder von Heimat- oder Geschichtsvereinen, Angehörigen oder Schülergruppen, die das Schicksal eines einzelnen Menschen dokumentiert haben, kontaktieren. In Berlin haben die jeweiligen Bezirksämter eigene Kommissionen eingerichtet, die Kontakt zum Künstler halten und mit den Behörden nach geeigneten Flächen suchen. Schließlich sollen die Steine möglichst ausschließlich auf öffentlichem Grund verlegt werden, um etwaigen Ärger mit einem Grundstückseigentümer zu vermeiden.

Doch es gibt bis heute Kritiker an dieser Art von Erinnerungskunst. Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, wirft Demnig vor, dass mit den Stolpersteinen das Andenken der Menschen sprichwörtlich mit Füßen getreten werde. In München dürfen keine Steine auf öffentlichen Wegen verlegt werden. (mit epd)