Benni trägt einen großen runden Hut. Und einen Anzug mit Weste, alles schwarz. Unter seiner Kleidung schauen lange weiße Fäden hervor. Er sieht aus wie ein orthodoxer jüdischer Mann an einem Festtag. Ein sehr kleiner orthodoxer Mann. Benni ist erst vier Jahre alt. Er besucht den Lauder Nitzan Kindergarten in der Brunnenstraße in Mitte. Es gibt noch mehr Kinder mit Hüten oder Käppchen hier. Auch die Erzieherinnen tragen Kopfbedeckungen.

Mitten in Berlin ist in den vergangenen Jahren von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt eine kleine orthodoxe Welt entstanden. Kindergarten, Schule, Talmud-Thoraschule und Rabbinerseminar, finanziert von dem amerikanischen Milliardär Ronald S. Lauder, waren der Anfang. Mittlerweile haben sich drumherum zahlreiche tief religiöse junge Familien angesiedelt. Im vergangenen Frühjahr haben sie sich bereits zu einem Verein zusammen gefunden. Am Dienstag wird mit einer Zeremonie, zu der auch Senatsvertreter erwartet werden, die Gemeindegründung gefeiert: die Kahal Adass Jisroel.

Erzieherin für den Glauben

250 Menschen gehören zu dieser Gemeinde. 100 davon sind Kinder und es werden ständig mehr. In diesem Monat sind schon wieder drei neue kleine Gemeindemitglieder dazu gekommen. Fast alle Kinder im Lauder Nitzan Kindergarten gehören dazu. Religion ist sehr wichtig in der Brunnenstraße. Für Benni ist seine religiöse Kleidung bisher zwar nur ein Spiel. Heute hat er sich mit dem Anzug nur verkleidet. „Er will aussehen wie Papa“, sagt Olga Orlowski. Sie arbeitet im Kindergarten als spezielle Koordinatorin, die die Kinder spielerisch mit dem Glauben ihrer Eltern vertraut macht.

63 Kinder zwischen ein und sechs Jahren besuchen diesen Kindergarten. Es wird viel gebetet, die Kinder bekommen moralische Geschichten erzählt, sie singen hebräische Lieder. Im Gang haben die Mitarbeiter einen schmalen Tisch aufgebaut. Olga Orlowski zeigt den Kindern, wie am Sabbat die Kerzen angezündet und der Segen über Brot und Wein gesprochen wird. „Und wer zündet die Kerzen an?“, fragt Olga Orlowski die Kinder. „Ich“, sagt die vierjährige Hanni. „Du? Und wer noch?“ „Mama“, sagt das Mädchen und lacht. Es werde kein Zwang ausgeübt, sagt Olga Orlowski, „sie sollen Spaß daran haben“.

50 Prozent der Kinder sprechen russisch, es gibt auch Kinder mit englischen Wurzeln, israelischen, amerikanischen, Familien aus Südafrika, Frankreich, der Schweiz, Süd- und West-Deutschland. Die Religion ist das Verbindende. Eine besonders traditionelle Variante jüdischen Glaubens. Es ist so orthodox hier, dass man sich wundert, die Haare der Kindergartenleiterin unverhüllt zu sehen zu bekommen. „Ich bin der lebende Beweis für eine offene Einstellung“, sagt Leiterin Esther Mizrahi. Die traditionelle Kopfbedeckung passe nicht zu ihr, sagt sie. Ihre Autorität stelle deshalb aber niemand infrage. Fürs Religiöse gebe es ja die Koordinatorin.

2005 wieder eingeweiht

Direkt nebenan im Nachbarhaus gibt es seit einiger Zeit wieder eine Synagoge. Vor dem Krieg befand sich hier die Beth Zion Synagoge, 1910 von einem engagierten Verein polnischer orthodoxer Juden errichtet. Die Synagoge wurde im Nationalsozialismus zerstört. 2005 wurde sie wieder eingeweiht und dient sowohl als Gebetsraum wie auch als Talmud-Thora-Schule. Seit vier Jahren gibt es einen zweiten Gebetsraum.

Die Gemeindegründung ist der Ausdruck einer Entwicklung, die sich längst vollzogen hat. „Vor neun Jahren lebten erst drei orthodoxe Familien in Mitte“, sagt Rabbiner Daniel Fabian. 38 Jahre ist er alt. In den 30ern sind auch seine vier Kollegen im Gemeindevorstand, der insgesamt aus zwei Frauen und drei Männern besteht. Es ist eine junge Gemeinde. „Wir führen ein Leben nach den Geboten der heiligen Schrift, gleichzeitig aber auch ein weltliches Leben mit einem Beruf. So etwas gab es bisher nicht in Berlin“, sagt Rabbiner Daniel Fabian. Eine jüdische Gemeinschaft, die das verbinde, bestehe damit erstmals wieder in Deutschland, dem Geburtsort solcher Gemeinden, so die Gemeindeselbstdarstellung.

Die Mitglieder berufen sich auf die Lehre des Rabbiners Esriel Hildesheimer, der als Begründer der modernen Orthodoxie gilt. 1869 kam er als Rabbiner nach Berlin und etablierte ein orthodoxes Rabbinerseminar, das die wichtigste Ausbildungsstätte für Rabbiner aus ganz Europa werden sollte. Hildesheimer war der erste Rabbiner der in Abgrenzung zur bestehenden liberalen Jüdischen Gemeinde zu Berlin 1869 neu gegründeten Adass-Jisroel-Gemeinde.

Von anderen jüdischen Gemeinschaften in Berlin wird das Treiben in der Brunnenstraße skeptisch betrachtet. Man fürchtet schon seit langem ein Zerbröseln der Einheitsgemeinde, ein Aufspalten in lauter Einzelgemeinden. In Zukunft könnte es in Berlin auch zu Namensverwechselungen kommen. Denn es gibt ja bereits eine Israelitische Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel – in den 80er Jahren von Nachfahren von Vorkriegsgemeindemitgliedern gegründet und als Rechtsnachfolger anerkannt. Mit dieser wollen die Neuen allerdings nichts zu tun haben. Der Senat auch nicht mehr. Nach diversen Gerichtsprozessen hatte das Land 2010 die Förderung eingestellt, der Senat äußerte den Verdacht, dass es außer dem Geschäftsführer keine weiteren Mitglieder gibt.

Die Regeln sind strikt

Kahal Adass Jisroel bekommt kein Geld vom Senat, man finanziere sich aus Spenden, sagen die Vorstandsmitglieder. Ansonsten gibt man sich sehr offen. „Wir leben nicht zurückgezogen“, sagt Rabbiner Daniel Fabian. Die Regeln sind gleichwohl strikt. Gebete werden morgens, nachmittags und abends angeboten. Der Sabbat ist ein Ruhetag – vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Sonnenuntergang am Sonnabend darf nicht einmal das Licht ein- und aus geschaltet werden. Damit niemand einen Schalter betätigen muss, haben die Menschen zu Hause Zeitschaltuhren an Herd und Beleuchtung.

Die Gesetze der Religion sind Jahrtausende alt. Dennoch sind nicht alle Fragen ihrer Ausübung geklärt. „Darf ich meinem Kind am Sabbat eine Rassel reichen?“, fragt eine junge Frau mit einem Kleinkind auf dem Schoß den Rabbiner Shlomo Afanasev. Da ist er erstmal überfragt und lässt sich das Spielzeug genau beschreiben. Es hat Kugeln in der Mitte, aber sind das Glöckchen im Sinne eines Musikinstruments und damit verboten am Sabbat? Kugelschreiber und Handys gehören auf jeden Fall zu den Gegenständen, die man nicht berühren soll, weil sie auf irgendeine Art mit Arbeit zu tun haben. „Die Gesetze sind komplex, aber wir finden auch auf aktuelle Fragestellungen Antworten in den Schriften der Gelehrten“, sagt Rabbiner Afanasev. Wenn er in einer Frage nicht weiterkommt, ruft er auch schon mal den Groß-Rabbiner in Israel an.

Eine Etage tiefer geht es um grundlegendere Fragen. Ein Dutzend junger Männer debattiert wild durcheinander. Immer zu zweit sitzen die angehenden Rabbiner des Seminars an Tischen und diskutieren über Dinge, die sie gelesen haben. Ort der Auslegung, nennt sich der Raum, ein exklusiver Männerclub. Michelle Berger aus dem Gemeindevorstand fühlt sich dennoch gleichberechtigt, Männer und Frauen wirkten eben an verschiedenen Orten.