Jüdische Gemeinde Chabad hilft Flüchtlingen: „Berlin ist unsere neue Heimat“

Die Jüdische Gemeinde Chabad hat ein vorbildliches Integrationsprojekt für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine gestartet.

Die Jüdische Gemeinde Chabad Berlin veranstaltet in einem Berliner Hotel am Freitagabend ein Schabbat-Essen.
Die Jüdische Gemeinde Chabad Berlin veranstaltet in einem Berliner Hotel am Freitagabend ein Schabbat-Essen.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

Die Stimmung ist fröhlich in einem Berliner Hotel am Freitagabend. Rabbiner Elisha Pavlosky spricht das Kiddusch-Gebet: „Der Ewige ist mein Hirte, mir fehlt nichts.“ Dann schneidet er die zwei Challa-Laibe an, taucht sie in Salz, reicht sie den Anwesenden. Die Berliner Jüdische Gemeinde Chabad hat Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine zum Schabbat-Essen eingeladen. Etwa 150 Personen sind gekommen, Frauen, Kinder, Jugendliche, ältere Menschen. Rabbiner Yehuda Teichtal spricht im Wechsel deutsch, englisch und russisch und ruft die Gäste auf, allen Widrigkeiten zum Trotz positiv nach vorne zu blicken. „Die Flüchtlinge, die gekommen sind, wollen sich integrieren“, sagt Teichtal der Berliner Zeitung. Viele wissen, dass sie in den zerstörten Gebieten keine Chance mehr haben, und rechnen daher nicht mit der Rückkehr. Die Gemeinde hat bereits 486 Menschen aus der Ukraine aufgenommen. Sie kommen aus Städten, wo der Krieg besonders tobt, ein Ende der Verwüstung nicht absehbar ist: Charkiw, Cherson, Odessa, Dnipro. Die Chabad-Gemeinde hat ein volles Integrationsprogramm auf die Beine gestellt. Sechs Mitarbeiter kümmern sich um die Flüchtlinge. Die Kinder werden im Kindergarten im Gemeindezentrum versorgt oder gehen in die Schule. Mit Sprachkursen soll die Integration beschleunigt werden. Die Gemeinde unternimmt viel, um den Flüchtlingen das Einleben zu erleichtern: „Wir sind für alle da, die zu uns kommen. Wir sind eine offene Gemeinde“, sagt Rabbiner Teichtal. Das sieht man bei dem Schabbat-Essen. Auch nicht religiöse Gäste sind gekommen. Sie werden genauso respektvoll behandelt wie alle anderen.

Die Rabbiner Yehuda Teichtal (links) und Elisha Pavlosky.
Die Rabbiner Yehuda Teichtal (links) und Elisha Pavlosky.Paulus Ponizak/Berliner Zeitung

Für die schnell wachsende Gemeinde ist die humanitäre Arbeit eine große Herausforderung: Sie muss neben der täglichen Versorgung vor allem die Betreuung und Schulbildung der 60 neuen Kinder gewährleisten. Mit der Eröffnung des neuen Campus wird es mehr Platz für diese Kinder geben. Doch der Kindergarten ist an seine Kapazitätsgrenzen gekommen. Nur etwa 20 Kinder kommen in den provisorischen Containern unter, die Gemeinde will den Kindergarten ausbauen und eine Vorschule eröffnen. Chabad Berlin übernimmt auch bundesweite Aufgaben: Zahlreiche jüdische Flüchtlinge sind aus anderen Teilen Deutschlands gekommen, weil es nur bei wenigen Gemeinden eine vergleichbare Betreuung gibt. Viele, die die Chabad-Aktivitäten kennen, bezeichnen sie als beispielhaft. Rabbiner Yehuda Teichtal klagt nicht über die Aufgabe: „Es ist eine wunderbare Sache, dass heute Menschen, die vor gar nicht so langer Zeit aus Deutschland fliehen mussten, nun zurückkommen, und neues jüdisches Leben entsteht.“ Rabbiner Pavlosky ist mit seiner ganzen Familie aus Dnipro gekommen. Sein Großvater hat den Zweiten Weltkrieg noch erlebt. Sein Sohn Schlomo sitzt auch am Tisch. „Berlin ist unsere neue Heimat“, sagt der Rabbiner. Yehuda Teichtal sagt: „Viele von den Flüchtlingen wollen das Trauma des Krieges abschütteln und ein neues Leben beginnen. Wir helfen ihnen dabei. Das ist keine religiöse Sache, es ist eine Frage der Menschlichkeit.“