Berlin - Micha Guttmann hat in den vergangenen Tagen so viel telefoniert, wie schon lange nicht mehr. Fast 50 Anrufe seien eingegangen, sagt er. Dazu kamen Mails, Briefe, persönliche Gespräche. Immer ging es um Frankreich, die Anschläge und ob man jetzt als Jude in Berlin, in Deutschland, in Europa besser nach Israel auswandern soll. Eine Überlegung, die einem düsteren Gedanken folgt: Schnell weg, bevor es wieder zu spät ist.

Micha Guttmann ist Anwalt, 67 Jahre alt und er engagiert sich in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Guttmann ist einer der Repräsentanten des Gemeindeparlaments. „Es gibt eine unglaublich große Unruhe unter den jüdischen Menschen in Berlin. Das hätte ich nie gedacht“, sagt Guttmann am Telefon. Man kann sich sein ernstes Gesicht bei diesen Worten sofort vorstellen, so verwundert klingt er. Schließlich spricht er von Juden, die in Deutschland leben, nicht in Frankreich. Im Vergleich zum Nachbarland gibt es hier relativ wenige antisemitische Übergriffe. Und doch ist nun die Angst wieder da.

Sie äußert sich nicht nur in Gedankenspielen um das Thema Auswanderung, die der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Wochenende mit seinem Werben um französische Juden weiter angefacht hat. In den Gesprächen, die Guttmann geführt hat, berichteten ihm Berliner Juden auch, dass sie jetzt nach den Anschlägen in Paris nicht mehr mit dem Davidstern an einer Kette um den Hals oder der Kippa auf dem Kopf durch Berlin laufen wollen. „Manche wollen ihre Kinder nicht mehr U-Bahn fahren lassen“, sagt Guttmann. Vor allem ältere Gemeindemitglieder fühlten sich an Erzählungen ihrer Eltern aus der Nazi-Zeit erinnert.

Und auch der Sprecher der Gemeinde Ilan Kiesling hält die jüdische Gemeinschaft in Berlin durch die Vorgänge in Frankreich für erschüttert. „Um es ganz klar zu sagen: Was in Frankreich passiert ist, kann jederzeit auch in Berlin geschehen. Trotz der relativ hohen Sicherheitsmaßnahmen sind unsere Gemeindemitglieder verunsichert und haben Angst. Einige reagieren sogar panisch und wollen ihre Kinder aus unseren Schulen und Kitas nehmen. Umso wichtiger ist es, dass die Innenverwaltung die Sicherheitsmaßnahmen der konkreten Gefährdungslage schnell, unbürokratisch und auch deutlich sichtbar anpasst. Nur dann lassen sich hier in Berlin Terroranschläge wie in Paris oder Toulouse verhindern“, sagt Kiesling.

Aber neben aller Verunsicherung kann man den jüdischen Äußerungen in diesen Tagen auch Trotz und Widerspruchsgeist entnehmen. Bei Micha Guttmann klingt das so: „Wir haben das jüdische Leben hier wieder aufgebaut. Das werden wir uns nicht wieder zerstören lassen. Es gibt keinen Grund jetzt rauszugehen aus Deutschland, aus Berlin.“ Die Debatte zeige allerdings, dass es eben immer noch kein ganz normales Leben in Deutschland gebe. Immer bleibe da dieser sprichwörtliche Koffer im Kleiderschrank, der bei solchen Anlässen zumindest in Gedanken wieder aufgeklappt werde. Israel ist dann eine Option. Der Staat sei die Zuflucht, die bleibe und der Ort, an dem – so jedenfalls die Vorstellung – jüdisches Leben ohne Einschränkungen möglich ist.

20.000 Israelis leben in Berlin

Viele Menschen sind in den vergangenen Jahren allerdings nicht von Deutschland nach Israel ausgewandert. Zwischen 110 und 130 Fälle sind es jedes Jahr, eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zu jenen 10 000 französischen Juden, die laut Prognose der jüdischen Agentur für Einwanderung dieses Jahr von Frankreich nach Israel übersiedeln werden.

Die Wanderungsbewegung zwischen Israel und Deutschland, speziell Berlin, läuft umgekehrt. Mindestens 20.000 Israelis leben mittlerweile in Berlin, einige Schätzungen liegen sogar noch weit darüber. Und der Zustrom wird vermutlich auch nicht so schnell abreißen. Die Konrad Adenauer Stiftung veröffentlichte am Montag eine Umfrage, die eine außerordentlich positive Einstellung der Israelis zu Deutschland widerspiegelt. Fast 70 Prozent der israelischen Staatsbürger sehen demnach Deutschland positiv.

Cilly Kugelmann, die Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin, sieht auch jetzt keinen Grund, an Auswanderung zu denken. Die 1947 in Frankfurt am Main geborene Frau wanderte selbst Ende der 60er-Jahre für fünf Jahre nach Israel aus. Nach dem Studium kehrte sie zurück. „Es gibt keinen Grund auszuwandern, es gibt einen zu bleiben. Die Gesellschaft wacht auf, auch in Frankreich“, sagt Cilly Kugelmann. Die Lage in den beiden Staaten hält sie für nur schwer vergleichbar. Natürlich gebe es auch in Deutschland Zeichen einer Beunruhigung. Wenn ein Anschlag passiere, bleibe ein mulmiges Gefühl, aber das sei nicht allumfassend.

Dem gegenüber stünde eine starke Initiative gegen Antisemitismus von der Politik über die Medien und quer durch die Gesellschaft. „Mir ist völlig klar, dass es einen antisemitischen Bodensatz gibt, aber wer sagt denn, dass man in einer solchen Gesellschaft nicht leben kann? Es gibt auch Ressentiments gegenüber Schwulen, Alleinstehenden und Übergewichtigen. Man muss sich eben dafür einsetzen, dass die Vorbehalte verschwinden. Weggehen ist keine Lösung.“