Berlin - Sie sei Verlegerin, sagt die Frau mit den wilden Locken, sie habe das Buch einer Schriftstellerin, die im vergangenen Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, auf Deutsch herausgebracht. Das Buch sei nämlich auf Hebräisch geschrieben worden, hat vielleicht jemand eine Idee, wo man hebräisch spricht? Ein Kind meldet sich. „In Hebräien?“

Bücher aus Hebräien

Myriam Halberstam verlegt jüdische Kinderbücher, gewissermaßen also Bücher aus Hebräien. Vor zwei Jahren hat sie den ersten jüdischen Kinderbuchverlag Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, weil sie für ihre Töchter keine deutschen Bücher über jüdisches Leben gefunden hatte. Jedenfalls keine, die nicht didaktisch sind. Sondern Bücher, die Spaß machen.

Gerade steht sie vor einer dritten Klasse der Marienfelder Schule im Jugendmuseum Schöneberg und liest die Geschichte „Zimmer frei im Haus der Tiere“ von Leah Goldberg vor. Es ist eine Geschichte über eine Henne, einen Kuckuck, eine Katze und ein Eichhörnchen, die einen neuen Mitbewohner suchen. Es passt zu dem Workshop über Migration, den die Kinder gerade im Jugendmuseum besucht haben. Sie haben sich damit beschäftigt, dass Migration etwas damit zu tun hat, sich fremd zu fühlen, sich anders zu fühlen und haben Bilder dazu gemalt, die jetzt an der Wand hängen.

Josefine, ein zartes, blondes Mädchen, ist ganz neu in der Klasse. Ihr Bild handelt von einem Esel, „der erkannt hat, dass er kein Esel ist, weil er Ohrringe trägt und Esel tragen keine Ohrringe.“ „Hast du die Geschichte dazu aufgeschrieben?“, fragt Halberstam. Josefine schüttelt den Kopf. „Weißt du“, sagt Halberstam, „es ist gut, seine Geschichte aufzuschreiben, denn Geschichten entwickeln sich ja weiter und man vergisst seine Ideen leider ganz schnell.“ Leah Goldberg habe ihre Geschichten wie „Zimmer frei im Haus der Tiere“ aufgeschrieben, manchmal sogar auf Deutsch. „Dieses Buch kennt noch heute in Israel jedes Kind. Und jetzt habe ich es auch nach Deutschland gebracht.“

Durch ihre eigene Familiengeschichte hat sich Myriam Halberstam schon immer mit jüdischer Geschichte beschäftigt, sie hat immer wieder Filme über das jüdische Leben gemacht. Aber weil sie „total davon genervt war, dass jüdische Kultur für Kinder literarisch im Hier und Jetzt nicht vorkam, aber alle Feste, die Lillifee feiert“, schrieb Halberstam ihr erstes Buch.

Ein Buch über Feste und Bräuche

Es heißt „Lena feiert Pessach mit Alma“, und weil sie merkte, dass ein Buch über Feste und Bräuche im Grunde für alle Minderheiten fehlt, schrieb sie „Levent und das Zuckerfest“ gleich hinterher. „Es gab bis dahin keine Geschichte in Deutschland, in der ein türkisches Kind die Hauptfigur ist“, sagt Halberstam. Aus den Büchern wurde die Reihe „Alle Kinder dieser Welt“ im Carlsen Verlag.

Im Frühling 2010 gründete Myriam Halberstam ihren eigenen Verlag, „Ariella“. Im Herbst ist „Opa und der Hunde-Schlamassel“ erschienen, das dritte Buch. Darin erzählt das jüdische Mädchen Zelda, wie ihr Opa ihr auf skurrile Weise hilft, einen Hund zu bekommen. Obwohl Halberstam „Ariella“ bisher fast nur aus eigenen Mitteln finanziert, plant sie ein viertes Buch.

Arbeit gebe es für drei, aber Halberstam macht fast alles selbst. Sie liest in Schulen, Kindergärten und Stadtbibliotheken, in Frankfurt, Düsseldorf und Wiesbaden. „Es ist ein ganz schöner Kampf“, sagt Halberstam, „aber auch eine schöne Bestätigung, das Interesse der Kinder zu spüren.“ Das Interesse an Hebräien, einem offenbar fernen Land mit einer merkwürdigen Sprache.

www.ariella-verlag.de