Julia Katz
Foto: Banjamin Pritzkuleit

BerlinJulia Katz hat viel zu erzählen: Vom Facettenreichtum der Berliner jüdischen Community, von ihrer spirituellen Heimat „Chabad“ oder von ihrer Arbeit in der Film- und Fernsehbranche. Oder auch vom Wandel Berlins, den sie selbst am eigenen Leib miterlebt hat. Seit den späten 90er Jahren lebt sie hier und anfangs kam ihr Berlin noch verhältnismäßig provinziell vor. Heute wohnt sie mit ihrem Ehemann in Berlin-Charlottenburg. Wir trafen uns auf einen Cappuccino im Café Jules Verne in der Schlüterstraße.

Frau Katz, sind Sie selbst sind Berlin aufgewachsen?

Nein, ich bin in Frankfurt am Main aufgewachsen, aber mein Vater war Berliner Jude. Er hat hier in Berlin überlebt und hatte immer gute Kontakte nach Frankreich. Nach dem Krieg lebte er in Paris und ging später nach Frankfurt am Main. Zeitlebens wollte er nach Paris zurückkehren, weswegen ich selbst auf eine französische Schule gegangen bin.

Als Beraterin sind Sie in diverse Film- und Fernsehproduktionen eingebunden, die sich mit Judentum auseinandersetzen. Wollen Sie ein bestimmtes Bild jüdischen Lebens vermitteln?

Die Beratung ist nicht mein Kernarbeitsgebiet. Aber ja, gibt es viele Produzenten, die wissen, dass ich mein Jüdischsein lebe und mich für Beratungen anfragen. Natürlich würde ich jüdisches Leben gern positiv darstellen, aber das wäre kein Kriterium für so eine Beratung.

Können Sie Beispiele nennen?

Bei dem Film „Chuzpe – Klops braucht der Mensch!“ habe ich zum Beispiel eine ausführliche Beratung gemacht. Dabei ging es weniger um Halacha, eher um jüdisches Lebensbewusstsein. Oder ein anderes Herzensprojekt von mir: „Überleben mit Wölfen“, da ging es um eine Holocaust-Überlebende, die als Kind in den Wäldern von Polen überlebt hat. Das hat mich sehr berührt.

Wie sieht Ihr Job sonst aus?  

Normalerweise berate ich Produzenten in Rechts- und Finanzierungsfragen. Die Finanzierungsseite hat einen starken juristischen Impetus, in der Vermarktungsseite geht es darum, Projekte zu erkennen. Oft nutze ich dabei auch mein deutsch-französisches Netzwerk: Ich kann problemlos französischsprachige Skripte lesen und einschätzen, ob es dafür in Deutschland einen Markt gibt. Ich kenne die deutsche Verleiher- und TV-Szene und kann gut einschätzen, was passt und was nicht.

Welche Projekte ergaben sich in diesem Zusammenhang?

Ich habe zum Beispiel die deutsch-französische Serie „Parliament“ für den Sender WDR1 mitverantwortet, eine Geschichte über Praktikanten, die ihren ersten Tag im europäischen Parlament haben, und zwar ausgerechnet an dem Tag, als das Brexit-Referendum verabschiedet wird. Das hat zwar nichts mit Judentum zu tun, ist aber eine spannende Geschichte.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der deutschen Gesellschaft und deren Wahrnehmung der jüdischen Community?

Als es in Berlin vor ein paar Jahren diesen antisemitischen Übergriff auf einen liberalen Rabbiner gab, wo ihm die Nase zerschlagen wurde, das war in meiner Wahrnehmung einer der ersten wirklich körperlichen Angriffe gegen einen Juden hier. Das hat uns natürlich alle sehr schockiert. Wir haben einen Rabbiner in der Chabad Community, Rabbiner Seghal. Der hat damals von Bewohnern in dem Haus, in dem er lebt, einen Brief bekommen, wo stand: „Lieber Herr Rabbiner, wir freuen uns sehr, dass Sie bei uns wohnen, und wir hoffen dass bei Ihnen alles in Ordnung ist.“ Das fand ich eine sehr schöne und berührende Geste. Eigentlich empfinde ich die Resonanz auf das jüdische Leben in Deutschland als sehr positiv.

Sie erwähnten die Chabad-Community, deren Teil Sie sind. Kam dieser Bezug auch über Ihren Vater?

Nein, mein Vater war als deutscher Jude extrem assimiliert und gar nicht religiös. Unsere Berliner Familie hier hat noch nicht einmal jüdisch geheiratet. Aber es war schon ein starkes Bewusstsein fürs Jüdische da. Der größte Ärger meiner Eltern war, dass deren Elterngeneration freiwillig im ersten Weltkrieg gekämpft hatten, also eigentlich viel deutscher waren als jüdisch. Mein Vater hatte das Gefühl, dass das nie ernsthaft honoriert worden war. Aber sein Leitspruch lautete trotzdem immer: „Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch.“ Nach diesem Motto hat er gelebt. Ich wiederum hatte ein großes Bedürfnis nach religiösem Leben. Und so habe in Chabad später meine Heimat gefunden.

Chabad ist ja eine orthodoxe Gruppierung. Wie würden Sie Orthodoxie definieren?

Also, als frommer Jude lebt man ja nach der Halacha, dem jüdischen Gesetz. Die Grundlage von Chabad ist das sogenannte „Buch Tanya“. Das beginnt damit, dass der Rabbi, der es geschrieben hat, sagt, dass es quasi unmöglich ist, vollkommen korrekt zu leben. Die Idee ist, dass man versucht, bewusst zu leben, aber auch mit einer gewissen Demut davor, dass Menschen eben nicht perfekt sind. Das Buch ist für mich eine Grundlage für alles, ich versuche es auch außerhalb meines Jüdisch-Seins anzuwenden. Das ist noch so eine Idee von Chabad, nicht zu sagen: hier ist das berufliche Leben und das ist meine Religion. Es geht um die Verbindung.

Wo liegt der Ursprung dieser Richtung?

Entstanden ist sie in Ljubawitschi. Die Chassiden entwickelten immer wieder verschiedene Gallionsfiguren. Der Rabbi, der Chabad gründete, lebte ungefähr zur selben Zeit wie Siegmund Freud und machte sich auch ähnliche Gedanken. Wie gehe ich damit um, wenn ich unkonzentriert bin? Was, wenn ich ein Tief habe? Aus heutiger Perspektive könnte man sagen, Tanya ist eine Art Feelgood-Buch, am jüdischen Leben orientiert, aber mit konkreten Lebensanleitungen. Das Judentum ist ja prinzipiell eine sehr intellektuelle Religion. Chabad versucht, diese Komplexität so herunterzubrechen, dass wirklich jeder einen Zugang findet. Der zweite Aspekt ist ein starkes, soziales Engagement. Der Dritte ist die Idee, dieses Engagement in der Welt weiter zu verbreiten. Heute gibt es circa 3600 Chabad-Zentren in der Welt.

Dahinter steht also ein holistisches Lebenskonzept?

Genau. Mir gefällt daran das Positive. In meiner Familie waren Judentum und Holocaust quasi dasselbe. Jüdisch-Sein war sehr negativ besetzt. Ein Cousin meines Vaters hier in Berlin hatte eine riesige Sammlung antisemitischer Postkarten. Er widmete quasi sein Leben diesem Thema. Andere Teile meiner Familie wollten nie mehr etwas vom Jüdischem hören. An Chabad gefällt mir die Idee, das Lebensbejahende am Judentum zu retten und sich nicht lediglich an Erinnerungskultur festzusetzen.

Welche Rolle spielen Frauen in Ihrer Gemeinschaft?

Bei Chabad haben wir eigene Frauen-Vereinigungen. Es wäre unvorstellbar, dass ein Mann allein ein Chabad-Zentrum führt, das geht nur mit einer Frau zusammen. Frauen übernehmen dabei viele verschiedene Aufgaben.

Wo liegt dann der Unterschied zum säkularen, jüdischen Leben?

In einem völlig säkularen Leben würde man ja noch nicht mal Shabbat feiern. Es gibt ja ganz verschiedene Ausrichtungen. Wenn Freunde aus der Filmbranche in Berlin zu Besuch sind, etwa während der Berlinale, dann gehen viele von ihnen gern in die egalitäre Gemeinde in der Oranienburger Straße. Die sagen dann: „Wie toll, dass es so etwas hier auch gibt.“ Ich würde sagen, mit dem Judentum ist es wie mit einer Hochzeit. Bloß weil man einen Mann heiratet, heißt das ja nicht, dass all die anderen Männer schlecht sind! Man hat sich nur eben für einen entschieden.

Sie erwähnten das egalitäre und liberale Judentum. Was wäre das passende Adjektiv für Ihre Gemeinschaft?

Ich würde sagen, was Chabad auszeichnet, ist Offenheit und Toleranz. Chabad versucht den Spagat, halachisch korrekt zu sein, steht aber gleichzeitig für maximale Offenheit. Da heißt es nie: „Wer darf rein und wer nicht?“ Ich sage mal so: Kein Rabbiner ist begeistert, wenn am Shabbat wer mit dem Auto vorfährt, aber unser Berliner Rabbiner Teichtal legt darauf nicht seinen Schwerpunkt. Die Devise ist: Wenn einer zum Gottesdienst kommt, ist es erstmal schön, dass er da ist. Ich persönlich lasse mich zum Beispiel auch nicht auf irgendwelche Wettkämpfe ein, darüber wer am koschersten ist.

Was sie erzählen, klingt ganz anders als die Bilder orthodoxen Lebens, wie man sie aus der populären Netflix-Serie „Unorthodox“ kennt.

Ja, also die Satmar-Community, die dort porträtiert wird, kenne ich selbst ehrlich gesagt kaum. Ich gehe davon aus, dass die Serie sehr gut recherchiert wurde, deswegen gibt es für mich keinen Grund, an der Darstellung dieser Realität zu zweifeln, und das sind natürlich schockierende Verhältnisse. Also, besonders die Tatsache, dass die Protagonistin nicht Klavierspielen durfte! Bei uns gibt es einen Mädchenchor. Wir sind eine Gemeinde mit starkem, musikalischen Background. Dass ein Mädchen nicht Klavierspielen sollte, das finde ich schlicht nicht nachvollziehbar.

Gab es auch Apekte der Serie, die man bei Chabad so wiederfinden würde?

Ja, also beispielsweise die Tatsache, dass Frauen am Shabbat nichts tragen, keine Handtaschen oder sowas, wie in der Anfangsszene von „Unorthodox“. Das ist bei uns tatsächlich auch so. Wir haben auch alle Bänder um den Bauch gebunden, damit wir Schlüssel transportieren können. Aber von solchen Kleinigkeiten abgesehen könnte ich mit dem Leben, wie es da gezeigt wird, nichts anfangen. Ich finde es von Grund auf befremdlich, wenn Frauen sich nicht voll entfalten können.

Gibt es denn innerhalb Ihrer Gemeinde auch konservativere Herangehensweisen?

Ich kann da schlecht für andere sprechen. Für mich gilt: Gott schuf die Welt und den Menschen, aber eben alle, nicht nur einen. Für mich ist das ein Leitmotiv: Dass man sich allen Menschen gegenüber respektvoll und tolerant verhält. Das sage ich nicht nur, weil ich im 21. Jahrhundert lebe und in Deutschland aufgewachsen bin. Ich finde, das ergibt sich auch als religiöse Verpflichtung.

Beobachten Sie Konflikte innerhalb der Berliner jüdischen Communities?

Natürlich gibt es Streit. Aber ich kenne in allen Ausrichtungen extrem nette Menschen. Das ist ein bisschen wie ein Streit in einer großen Familie.

In den letzten Jahren kamen vermehrt Israelis nach Berlin. Hat das auch Einfluss auf Ihre Community?

Die meisten Israelis, die nach Berlin kommen, sind jung und säkular. Die kommen zwar auch in die Synagoge, ich bekomme das aber eher von außerhalb der Community mit. Aber klar, Berlin wird bunter. Frankfurt am Main war für mich, als ich dort aufwuchs, immer der Inbegriff davon, was multikulturelles Leben bedeutet. Als ich dann 1997 hierher kam, fand ich Berlin im Vergleich eher provinziell. Seitdem hat sich natürlich viel verändert. Jetzt leben hier ja Leute aus aller Welt: Briten, Israelis, Franzosen usw. Berlin hat heute einen völlig anderen Drive.

Was ist in Ihren Augen das Besondere an Berlin?

Diese Stadt ist ein echtes Phänomen. Insbesondere auch für die jüdische Community. Obwohl die Anzahl der Juden ja verhältnismäßig klein ist, gibt es hier fast jede Ausrichtung des Judentums: Sephardim, Orthodoxe, Chabad, egalitär, liberal – ich glaube, in Berlin ist wirklich für jeden etwas dabei.

Und wie viele Personen umfasst Ihre Gemeinde?

Bei den Feiern sind schnell mal so 2000 Leute zusammen, aber der Kern ist schon kleiner.

Und gibt es bei Ihnen auch spezielle Schulen?

Ja, es gibt die sogenannte jüdische Traditionsschule, da kann man sein Kind schon ab neun Monaten hinschicken und bis zum Abitur belassen. Frauen sollen die Möglichkeit haben, die Kinder schon von Beginn an wenigstens für ein paar Stunden abzugeben. Die Traditionsschule hat einen starken Schwerpunkt auf Religion. Ich habe selbst keine Kinder, aber wenn, dann hätte ich sie sicherlich dort hingegeben. Für das religiöse Fundament. Das Weltliche hätte ich ihnen schon selber vermittelt.